Es gibt einen Satz, der sich durch die gesamte Geschichte der organisierten Gewalt zieht wie ein roter Faden, der nach Blut riecht. Er lautet nicht: «Tötet sie.» Er lautet: «Sie sind nicht wie wir.» Was danach kommt, folgt einem Drehbuch, das so alt ist wie die Fähigkeit des Menschen zur Sprache – und so aktuell wie der letzte Corona-Sommer, in dem Andersdenkende als «Virenschleudern», «Nazis» und «Covidioten» bezeichnet wurden, während das Innenministerium Strategiepapiere verfasste, die explizit «Schockwirkung» in der Bevölkerung als Kommunikationsziel definierten.
Forscher der Stanford Graduate School of Business haben die nationalsozialistische Propaganda von 1927 bis 1945 linguistisch analysiert und belegt: Im Vorfeld der Massenvernichtungen häuften sich Begriffe, die den Juden menschliche Regungen und Emotionen absprachen. «Dieses zunehmende Absprechen von menschentypischen Empfindungen und Erfahrungen passt zur Annahme, dass eine solche Dehumanisierung moralische Bedenken im Vorfeld einer Gewalttat verringert und diese so erleichtert.»
Moralische Bedenken verringern. Das ist der Kern. Das ist das Ziel. Das war es immer. Hier ist die Liste, die sich jeder einrahmen sollte, der sich heute noch für einen Gutmenschen hält:
– Während Corona wurden Andersdenkende als Virenschleudern, Nazis und Idioten dargestellt, und es wurde behauptet, dass es ihnen egal ist, wenn alte und schwache Menschen sterben.
– In Burma/Myanmar bezeichnete das Regime die Rohingya als illegale Bengalen und Parasiten.
– Im Iran unter Ayatollah Khomeini wurden die Bahai als Feinde Allahs und als Spione diffamiert.
– In Nordkorea werden Andersdenkende bis heute als Hunde und Schädlinge bezeichnet.
– Auf Kuba unter Fidel Castro nannte man Oppositionelle verächtlich Würmer.
– Im Chile unter dem Pinochet-Regime wurden Linke als Krebsgeschwür des Landes hingestellt.
– In der argentinischen Militärdiktatur bezeichnete man die Opposition als Subversive und als Krebs.
– In Indonesien wurden im Jahr 1965 Kommunisten als blutrünstige Dämonen dargestellt.
– Während des Ruanda-Genozids 1994 bezeichneten Hutu-Extremisten die Tutsis im Radio permanent als Kakerlaken.
– Unter Pol Pot und den Khmer Rouge in Kambodscha wurden Intellektuelle und Brillenträger als verfaulte Elemente und bourgeoise Parasiten entmenschlicht.
– In der Sowjetunion unter Leonid Breschnew diffamierte man Dissidenten als Schmarotzer.
– Während der Mao-Zeit in China brandmarkte man Klassenfeinde als Schädlinge und Verräter.
– In den lateinamerikanischen Diktaturen der 1970er Jahre wurden Oppositionelle systematisch als Krebs oder subversive Elemente dargestellt.
– Im Franco-Spanien nach dem Bürgerkrieg galten Republikaner als gottlose Teufel.
– In Mussolinis Italien wurden Oppositionelle als Krankheit am Volkskörper bezeichnet.
– Während der Nazi-Besatzung in Polen sah man die Polen als Untermenschen.
– Im Nazi-Deutschland stellte die Propaganda Juden als Ratten, Ungeziefer und Giftpilze dar.
– In der Sowjetunion unter Stalin diffamierte man Kulaken als Parasiten und Feinde des Volkes.
– Während der sowjetischen Schauprozesse wurden unschuldige Genossen als Spione und Saboteure hingestellt.
– In der sowjetischen Hungersnot von 1932/33 bezeichnete man hungernde Ukrainer als Saboteure.
– In der Türkei 1915 wurden Armenier als innere Feinde und gefährliche Mikroben bezeichnet.
– In der Jim-Crow-Ära der südlichen USA galten Schwarze als Rassenschänder.
– In den Südstaaten der USA vor dem Bürgerkrieg wurden Schwarze als tierische Unterrasse dargestellt.
– In der frühen Kolonialzeit bezeichnete man indigene Völker als kannibalische Wilde.
– Während der mittelalterlichen Hexenverfolgungen in Europa sah man Frauen als Satansbräute und Kindermörderinnen.
– In der Spanischen Inquisition behauptete man, Hexen und Ketzer würden mit dem Teufel schlafen.
– Während der Spanischen Reconquista galten Muslime und Juden als unreine Ungläubige.
– In der Französischen Revolution wurden Adlige als Blutsauger des Volkes diffamiert.
– Im Guatemala-Bürgerkrieg bezeichnete man die Maya als subversive Tiere.
Diese Liste ist kein Geschichtsbuch. Sie ist ein Spiegel.
Das Muster hat einen Namen
Dehumanisierung ist die ex- oder implizite Wahrnehmung oder Bezeichnung von Personen oder Gruppen als nicht- oder untermenschlich. Sie führt dazu, dass moralische Grundsätze für die Betroffenen nicht mehr gelten – und zur Duldung und zum Zuspruch von vergangener sowie zukünftiger Gewalt. Das ist nicht Philosophie. Das ist Psychologie. Und sie ist reproduzierbar, abrufbar, einsetzbar – in jedem Jahrhundert, auf jedem Kontinent, mit jedem Vorwand. Gesundheit. Klasse. Rasse. Religion. Immunstatus.
Die Dehumanisierung der Opfergruppen ist eine der letzten Stufen, die den Genozid vorbereiten und die Massengewalt begleiten. Die Fremdgruppe wird als Sündenbock herangezogen, eine destruktive Ideologie wird verbreitet, und die Auslöschung dieser Gruppe wird als einfache Lösung für komplexe gesellschaftliche Probleme dargestellt. Einfache Lösung für komplexe Probleme. Genau das wurde 2020 angeboten. Die Ungeimpften sind das Problem. Die Maskenverweigerer sind das Problem. Die Querdenker sind das Problem. Sperrt sie aus Restaurants, Zügen, Konzerten. Nennt sie Virenschleudern. Fragt öffentlich, ob sie auf einen Intensivplatz verzichten sollten.
Das eigentliche Problem liegt nicht in der Herabwürdigung selbst, sondern in ihrer Normalisierung. Was früher als Ausrutscher galt, wird heute als «klare Haltung» verkauft. Wer die obige Liste liest und danach noch sagen kann, das sei etwas anderes gewesen – weil es ja dieses Mal Wissenschaft, Demokratie und Fürsorge war – hat das Prinzip nicht verstanden. Oder will es nicht verstehen.
Das Muster benötigt keine Uniform. Es braucht nur ein Wort, das aus einem Menschen etwas anderes macht. Danach beginnt die Mechanik von selbst…

(via Daniel Stricker)


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