Vier Landessprachen, ein dichtes Netz aus Titeln und Sendern, direkte Demokratie als Krönung – so verkauft sich die Schweizer Medienlandschaft im Hochglanzprospekt. Die Realität: Zwei Konzerne teilen sich die Deutschschweizer Tagespresse wie eine Jagdbeute, der öffentliche Rundfunk amputiert sich auf politischen Zuruf selbst und wer ausserhalb dieser Maschine publiziert, wird algorithmisch in die Unsichtbarkeit gedrosselt. Bleibt die unbequeme Frage und die lautet: Wer bestimmt eigentlich, was die Schweiz weiss?
Die Antwort steht in keinem Leitartikel, denn die Leitartikel gehören denen, über die man dafür schreiben müsste. Sie steht in Bilanzen, Sparprogrammen und Algorithmus-Einstellungen – und sie ist deutlich unbequemer als jedes Sonntagsgerede über den Service public. Denn während das Land über Gebührenfranken streitet, wird die eigentliche Machtfrage gar nicht erst gestellt: Wessen Hand liegt am Hahn, durch den Information in dieses Land fliesst?
Journalismus als Renditeobjekt
Beginnen wir bei den Platzhirschen. Tamedia, das Haus hinter Tages-Anzeiger, Berner Zeitung und Basler Zeitung, strich im August 2024 insgesamt 290 von 1400 Stellen, schloss zwei von drei Druckereien und konzentrierte sich digital auf vier Titel. Begründung: Der Markt, der Wandel, die Zukunft – das übliche Vokabular, mit dem man Kahlschlag in Strategie umtauft. Pikantes Detail aus der Buchhaltung: Die Mutter TX Group hatte in den vergangenen 15 Jahren 2,2 Milliarden Franken Gewinn eingefahren und über 670 Millionen an Dividenden ausgeschüttet. Journalismus ist hier kein Auftrag, sondern ein Renditeobjekt mit angeschlossener Druckerei – und wenn die Marge zuckt, fliegt zuerst die Redaktion.
Der zweite Platzhirsch spielte dieselbe Melodie: CH Media kündigte für Anfang 2024 den Abbau von rund 150 Vollzeitstellen an, Umsatzeinbruch sei Dank. Und damit niemand glaubt, das sei eine abgeschlossene Episode: Im Januar 2026 legte Tamedia gleich nochmals nach – die Gewerkschaft Syndicom stellte trocken fest, der versprochene zweijährige Entlassungsstopp habe sich als leeres Versprechen entpuppt. Das Muster ist so stabil wie ein Schweizer Bundesordner: Sparrunde, Empörung, Beruhigungspille, nächste Sparrunde.
Das Volk sagt Nein und gespart wird trotzdem
Beim öffentlichen Rundfunk lief das Theater eine Etage höher. Die SRG baut bis 2029 rund 900 ihrer Vollzeitstellen ab, um etwa 270 Millionen Franken einzusparen – angekündigt unter dem Druck der Halbierungsinitiative, welche die Medienabgabe von 335 auf 200 Franken stutzen wollte. Am 8. März 2026 versenkte das Stimmvolk die Initiative mit rund 62 Prozent Nein und sämtlichen Ständen. Ein klares Verdikt, sollte man meinen, deutlicher als nötig. Doch der Bundesrat hatte längst vorsorglich kapituliert: Die Abgabe sinkt trotzdem schrittweise auf 300 Franken, vier von fünf Unternehmen werden befreit und das Sparprogramm läuft weiter, als hätte es die Abstimmung nie gegeben. Das Volk durfte Nein sagen – umgesetzt wird das Ja. Direkte Demokratie als Dekoration: Man stimmt ab und der Rotstift regiert. Wer sich fragt, wozu man überhaupt noch an die Urne gehen soll, wenn das Resultat vor der Abstimmung in der Verwaltung vorentschieden wurde, stellt exakt die richtige Frage.
Unsichtbar per Algorithmus
Während die Grossen schrumpfen, werden die Unabhängigen gleich ganz aus dem Sichtfeld entfernt – nur eleganter, nämlich ohne Pressemitteilung. Christoph Pfluger, seit 1992 Herausgeber von Zeitpunkt.ch, berichtet aus erster Hand: Sein satirisches Videoformat «Impfzentrale» habe binnen weniger Stunden 50’000 Zuschauer erreicht – und sei umgehend von YouTube gelöscht worden. Seither dümple sein Kanal trotz laufender Produktion bei rund 4600 Abonnenten. Das nennt sich Shadowbanning: Keine Benachrichtigung, keine Begründung, keine Empfehlung im Algorithmus, keine Notification an die Abonnenten. Der Kanal existiert noch, nur sieht ihn niemand mehr. Eine Hinrichtung ohne Urteil, dafür mit Nutzungsbedingungen. Sichtbar bleibt, was die Vergütungslogik der Plattformen bedient – Kurzvideos im Sekundentakt, Empörung im Hochformat. Wer Substanz liefert statt Dopamin, fällt unter die Wirkungsschwelle, egal wie relevant der Inhalt ist. Wie dieses stille Verschwinden unliebsamer Inhalte funktioniert, habe ich am Beispiel gelöschter Videos bereits seziert: «Nicht verfügbar» – zwei Worte, mit denen Demokratien sterben.
Was nicht gesendet wird, existiert nicht
Der eigentliche Skandal liegt allerdings nicht im falsch Berichteten, sondern im Nichtberichteten. Pfluger verweist auf ein Grundlagenpapier namens «Inforaum», das das Verteidigungsdepartement im November veröffentlicht habe: Rund 60 Seiten, davon 24 geschwärzt, mit Massnahmen zur «Deutungsüberlegenheit» im öffentlichen Raum, angelehnt an NATO-Konzepte kognitiver Kriegsführung – geplant auf Verwaltungsebene, vorbei an jeder öffentlichen Debatte. Die grossen Redaktionen fanden das Thema offenbar zu langweilig. Parallel dazu präsentierte Bundesrat Pfister am 12. Dezember 2025 die Sicherheitspolitische Strategie, in der «Desinformation» und hybride Bedrohung zum Dauerargument für staatliche Eingriffe in den Informationsraum aufgerüstet werden. Dass die Armee die Köpfe der Bürger inzwischen offiziell als Wirkungsraum betrachtet, passt nahtlos zu dem, was ich über die militärische Architektur hinter Europas Zensurapparat geschrieben habe. Wer die Deutungshoheit zum Verteidigungsziel erklärt, hat aufgehört, Bürger zu informieren – er verwaltet sie.
Vielfalt als Fassadenfarbe
Zählen wir zusammen: Zwei Konzerne melken die Tagespresse für Dividenden und nennen die Schlachtung Transformation. Der gebührenfinanzierte Rundfunk spart auf politischen Zuruf, obwohl das Volk anders entschieden hat. Die Unabhängigen hängen am Tropf von Plattformen, die sie nach Belieben unsichtbar schalten. Und der Staat bastelt derweil an der Deutungsüberlegenheit über seine eigenen Bürger. Die Schweizer Medienlandschaft bricht nicht zusammen – sie erodiert leise, bilanziert, algorithmisch und exakt dort am schnellsten, wo eine direkte Demokratie ihre informierten Stimmbürger am dringendsten benötigte. Die Konzerne nennen es Effizienz. Die Plattformen nennen es Gemeinschaftsstandards. Bern nennt es Sicherheit. Und am Ende weiss die Schweiz exakt das, was Bilanz, Algorithmus und Verwaltung übrig lassen – und nennt dies «freie Meinungsbildung»!










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