Es gibt einen Moment, in dem eine Gesellschaft den Verstand verliert – nicht laut und dramatisch, sondern leise, in kleinen Schritten, mit zunehmender Selbstverständlichkeit. Dieser Moment ist dann erreicht, wenn das Intimste, was ein Mensch hat, zum Marketinginstrument wird. Wenn Sexualität nicht mehr Ausdruck von Verbindung, Vertrauen und Privatheit ist, sondern Klickköder. Wenn wer dagegen ist, als prüde gilt. Und wenn wer dafür ist, sich fragt, warum die Welt gleichzeitig voller Missbrauchsmeldungen ist. Die Antwort liegt auf der Hand. Aber niemand will sie hören.
Die «Sex sells»-Mentalität ist keine Neuerfindung. Sie ist so alt wie Werbung. Was neu ist, ist die Totalität. Früher war sie in bestimmten Kanälen eingesperrt – Hochglanzmagazine, Werbespots, Kino. Heute ist sie überall gleichzeitig: Im Feed beim Frühstück, in der Story beim Mittagessen, im Reel beim Einschlafen. Ein endloser Strom aus Halbentblösstem, Angedeutetem, Provokantem – nicht weil die Menschen plötzlich freier geworden wären, sondern weil Aufmerksamkeit zur härtesten Währung der Gegenwart geworden ist. Und Sexualität liefert sie zuverlässig. Immer. Ohne Ausnahme.
Wer dagegen etwas einzuwenden hat, bekommt sofort das Etikett: Prüde. Rückständig. Verklemmt. Das ist die eleganteste Totschlagtaktik der modernen Debatte – wer die Grenze zieht, wird zur Grenze erklärt. Wer fragt, ob die permanente öffentliche Sexualisierung gesund ist, wird als jemand gehandelt, der Sexualität für schlecht hält. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Denn hier liegt der Widerspruch, der so ungeheuerlich gross ist, dass man schon absichtlich wegsehen muss, um ihn nicht zu sehen: Dieselbe Gesellschaft, die täglich sexualisierte Inhalte produziert und konsumiert, liest täglich Berichte über Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, sexuellen Übergriff. Beide Ströme laufen parallel. Beide werden kommentiert, geteilt, empört aufgenommen. Auf der einen Seite der Empörungskanal über Täter und Opfer, auf der anderen der Unterhaltungskanal mit dem Halbentblössten. Und niemand zieht die Verbindung.
Dabei ist sie unübersehbar. Eine Gesellschaft, die Sexualität systematisch aus dem privaten Raum ins öffentliche Spektakel zerrt, erschafft eine Umgebung, in der die Grenzen zwischen Intimem und Vorgeführtem, zwischen Konsens und Konsum, zwischen Würde und Ware verschwimmen. Das ist keine moralische These – das ist eine Beobachtung über Wirkungszusammenhänge. Wer dauernd alles sexualisiert, darf sich nicht wundern, wenn das Sexuelle seinen Schutzrahmen verliert. Wenn es aufhört, heilig zu sein – nicht im religiösen Sinn, sondern im ursprünglichen: Schützenswert, abgegrenzt, dem Einzelnen und seiner Beziehung gehörend.
Die KI macht es vor, ohne jede Hemmung. Fotomontagen. Deepfakes. Virtuelle Szenarien, über die man lieber nicht nachdenkt. Das System produziert auf Nachfrage, ohne Gewissen und ohne Scham — weil es keins hat. Es spiegelt lediglich zurück, was die Gesellschaft verlangt. Und das, was die Gesellschaft verlangt, ist das Problem. Nicht die Maschine.
Was dabei verloren geht, bemerken die meisten erst, wenn es weg ist. Es gibt Menschen, die sich seit Jahren ernsthaft mit Sexualität als energetischer, spiritueller, körperlicher Grundkraft beschäftigen – nicht als Schauspiel, sondern als Substanz. Tantra, Kundalini, Wurzelchakra-Arbeit, das Spektrum ist weit. All das versucht, zurückzugewinnen, was die Sexualisierungsmaschine zerstört: Den Schutzraum. Die Stille. Die Konzentration auf das Innere statt auf die Aussenwirkung. Diese Arbeit wird schwieriger, je lauter der Lärm wird. Der öffentliche Sexualisierungsstrom macht es zunehmend unmöglich, über das Thema zu sprechen, ohne sofort in die falsche Schublade gesteckt zu werden – entweder als prüder Moralist oder als esoterischer Spinner. Beide Schubladen sind Totschlagtaktiken. Beide verhindern das Gespräch, das nötig wäre.
Denn das Gespräch, das nötig wäre, lautet ungefähr so: Sexualität gehört in die Partnerschaft und in die eigenen vier Wände. Nicht weil sie schmutzig wäre – sondern weil sie wertvoll ist. Was wertvoll ist, wird nicht vermarktet. Nicht vorgeführt. Nicht zur Klickgenerierung eingesetzt. Das Private ist privat, weil das Private schützenswert ist. Weil es dem Paar, dem Moment, der Verbindung gehört – und niemandem sonst.
Das ist kein reaktionärer Gedanke. Es ist ein Gedanke über Würde. Über die Frage, was man bereit ist herzugeben und was man behält. Und über die schlichte Beobachtung, dass eine Gesellschaft, die alles teilt, am Ende nichts mehr hat, das ihr wirklich gehört.
Die Folgen sind bereits messbar – nicht politisch, sondern physiologisch und psychologisch. Beckenbodenprobleme, Erektionsstörungen bei immer jüngeren Männern, Libidoverlust, Bindungsunfähigkeit, Überreizung, Abstumpfung. Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis einer Umgebung, die Sexualität gleichzeitig inflationiert und entwürdigt. Die sie allgegenwärtig macht und damit wertlos. Die sie von der Intimität trennt, die sie erst zu dem macht, was sie sein soll.
Kinder wachsen in dieser Umgebung auf. Sie lernen über Sexualität aus Quellen, die keine Vorstellung von Schutzraum, Vertrauen oder Würde haben. Sie lernen, dass Körper gezeigt werden, um Likes zu generieren. Dass Aufmerksamkeit wichtiger ist als Integrität. Das ist keine Sexualerziehung. Das ist Konditionierung.
Was dagegen hilft? Zunächst das Eingeständnis, dass die Frage überhaupt gestellt werden darf. Dass, wer Grenzen zieht, keine Feindseligkeit gegenüber Sexualität zeigt, sondern Respekt. Dass das Private privat sein darf – und sein muss. Dass die vier Wände, in denen sich zwei Menschen begegnen, keine Bühne sind und keine Inhaltsproduktionsstätte. Und dass eine Gesellschaft, die das vergessen hat, sich nicht wundern darf, wenn am Ende alle krank sind…








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