Es gibt Länder, in denen alle gleich sind. Und dann gibt es die Schweiz, wo alle gleich sind – aber manche gleicher. Dieses alte Orwell-Bonmot hätte man vor einigen Wochen kaum treffender illustrieren können als durch zwei Fälle, die zeitgleich die Schlagzeilen dominierten und zusammen ein Bild ergeben, das so scharf ist, dass es wehtut.
Fall eins: Patrick Fischer, Nationaltrainer der Schweizer Eishockey-Nati, gesteht in einem SRF-Interview, 2022 mit gefälschtem Covid-Zertifikat gereist zu sein. Vier Jahre danach – kurz vor der Heim-WM, wo man ihn eigentlich noch gebraucht hätte – ist er seinen Job los. Vertrauen weg, Job weg. Kein Pardon, keine zweite Chance, keine politische Schonfrist. Der Verband spricht von «extrem gelittener Glaubwürdigkeit». Experten nicken. Das System funktioniert.
Fall zwei: Natalie Rickli, Zürcher Gesundheitsdirektorin der SVP, sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, neben denen ein gefälschtes Covid-Zertifikat wie eine Parkbusse wirkt. Die Schweizerische Gesellschaft für Viszeralchirurgie wirft ihr offen Vetternwirtschaft vor. Das Kantonsspital Winterthur erhielt Leistungsaufträge für heikle Ösophagus-Operationen, ohne vorherige Erfahrung damit zu haben – ein intransparentes Verfahren, das Chirurgen öffentlich als lebensgefährlich bezeichnen. Gleichzeitig verlassen Mitarbeiter ihre Direktion in ungewöhnlicher Kadenz, Ex-Angestellte berichten von Mikromanagement, Misstrauenskultur und fehlendem Respekt. Die WOZ fasst es nüchtern zusammen: «Nur das Image zählt.»
Und was passiert mit Natalie Rickli? Nichts. Absolut nichts. Sie bleibt. Seelenruhig.
Das ungeschriebene Gesetz des helvetischen Doppelmoral
Wer in der Schweiz angestellt ist, haftet. Wer gewählt ist, regiert. Das ist keine Übertreibung, das ist Verfassungsrealität. Regierungsräte sind nicht angestellt – sie sind gewählt. Kein Vorgesetzter kann sie fristlos entlassen. Kein Verwaltungsrat, kein CEO, kein Verbandspräsident. Abwahl? Nur über Volksinitiative oder die nächste reguläre Wahl – ein Prozess, der so mühsam und langwierig ist, dass er in der Praxis als politische Immunität funktioniert. Dazu kommen Parteinetzwerke, die Schweizer Kultur des «Leben und leben lassen» und die demokratische Trägheit eines Systems, das für Stabilität gebaut wurde, nicht für Accountability.
Fischer hatte einen Arbeitsvertrag. Arbeitsverträge kennen Vertrauensverlust als Kündigungsgrund. Ende der Geschichte.
Rickli hat ein Mandat. Mandate kennen keinen Vertrauensverlust als Abberufungsgrund. Geschichte läuft weiter.
50’000 Franken – der eleganteste «Fehler» der Schweizer Demokratiegeschichte
Als wäre Vetternwirtschaft und verschleppte Herzchirurgie-Aufklärung nicht genug, hat Ricklis Gesundheitsdirektion inzwischen einen neuen Skandal geliefert, der die bisherigen Kapitel mühelos in den Schatten stellt. Im Rahmen der Vernehmlassung für ein komplett neues Zürcher Gesundheitsgesetz fehlte in den offiziellen Unterlagen ausgerechnet der brisanteste Punkt des gesamten Entwurfs: Die Strafbestimmung beim Impfobligatorium von bis zu 50 000 Franken – und dies gleich doppelt: Sowohl in der Rubrik «Geltendes Recht» als auch im Vorentwurf des neuen Gesetzes.
Wer sich also an der Vernehmlassung beteiligte, kommentierte ein Gesetz, dessen schärfsten Zahn niemand kannte. Demokratie als Nullsummenspiel: Die Behörde gewinnt, der Bürger verliert, und niemand hat offiziell betrogen. Die Architektur dieses «Fehlers» ist von bestechender Eleganz. Im Kanton St. Gallen hatte ein ähnliches Impfobligatorium mit Bussen von lediglich 20’000 Franken einen Massenaufruhr ausgelöst. Im Kanton Zürich, wo die Busse doppelt so hoch ist, gab es keinen Aufschrei. Keinen Protest. Keine Eingaben. Keine Debatte. Natürlich nicht – wenn das Entscheidende nicht in den Unterlagen steht, kann sich niemand dagegen wehren.
Das Generalsekretariat der Gesundheitsdirektion bestätigte den Sachverhalt. Es handle sich «tatsächlich um einen Fehler.» Die Strafbestimmung sei «fälschlicherweise» nicht aufgeführt worden. Absicht oder Unfähigkeit? Man darf es selbst entscheiden.
ABF Schweiz liess das nicht durchgehen und schrieb Mitte März einen formellen Brief an das Präsidium des Kantonsrates – mit der Forderung, die Vernehmlassung zu wiederholen. Antwort: Keine. Zwei Monate Schweigen. Rickli liess mitteilen, Regierungsrat und zuständige Kommission seien «sofort informiert worden» – ab dem 16. Februar 2026. Als ABF Schweiz am 13. April 2026 persönlich vor dem Kantonsrat erschien und den Parlamentariern ein Faktenblatt in die Hände drückte, wusste kein einziger Kantonsrat irgendetwas davon. Zwei Monate nach der angeblichen «sofortigen Information.»
Die Legislative wurde von der Exekutive schlicht nicht informiert. Die Volksvertreter im Dunkeln gelassen. Das sind keine isolierten Verwaltungsfehler – das sind Ausbrüche eines Systems, das lokal implementiert, was global beschlossen wurde, und dabei hofft, dass niemand genau hinschaut. Dass Natalie Rickli übrigens 2012 vom Weltwirtschaftsforum zum Young Global Leader ernannt wurde, sei an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
Fischer flog für ein vier Jahre altes gefälschtes Zertifikat. Rickli bleibt – für einen «Fehler», der zufällig genau den Punkt unsichtbar machte, der in einem anderen Kanton einen Volksaufstand ausgelöst hätte. Das nennt man in der Schweiz einen technischen Fehler. Anderswo nennt man es etwas anderes.
150 unnötige Todesfälle und Rufschädigungsklagen
Besonders pikant wird es, wenn man den Herzchirurgie-Skandal am Universitätsspital Zürich hinzuzieht. Zwischen 2016 und 2020 starben dort überdurchschnittlich viele Patienten. Die Rede ist von bis zu 150 unnötigen Todesfällen. Ricklis Direktion war zuständig, die Aufklärung verlief schleppend.
Die Reaktion der Gesundheitsdirektorin auf kritische Berichterstattung dazu: Klagen wegen Persönlichkeitsverletzung gegen Journalisten. Statt schonungsloser Aufarbeitung der eigenen Verantwortung also juristische Gegenangriffe auf die, die Fragen stellen. Das ist nicht nur politisch unappetitlich – das ist das Lehrbuchbeispiel dafür, wie Macht sich selbst schützt, indem sie die Scheinwerfer auf die Berichterstatter richtet statt auf die Vorgänge.
Man stelle sich vor, Fischer hätte nach seinem Geständnis die SRF-Journalistin verklagt. Der Aufschrei wäre gewaltig gewesen. Bei einer Regierungsrätin ist es eine Randnotiz.
«Ricklis Trickli» und das vergiftete Vertrauen
Auf Social Media ist der Begriff längst geprägt. «Ricklis Trickli» nennen kritische Stimmen das Muster – und fordern ein «Kickli für Rickli». Was nach einem Kindergartenreim klingt, trifft einen ernsthaften Nerv: Menschen spüren die Ungleichheit. Sie sehen, dass ein Nationaltrainer für eine vier Jahre alte Verfehlung sofort seinen Hut nehmen muss, während eine Gesundheitsdirektorin, der Vetternwirtschaft und verspätete Aufklärung bei mutmasslich vermeidbaren Todesfällen vorgeworfen wird, unbehelligt im Amt bleibt.
Das untergräbt nicht nur das Vertrauen in Rickli persönlich. Es untergräbt das Vertrauen in das System. Und das ist der eigentliche Schaden – nicht die Einzelfälle, sondern die Botschaft, die sie gemeinsam senden: Für die da oben gelten andere Regeln. Wer gewählt ist, darf sich Fehltritte leisten, die für Normalsterbliche den Job kosten.
Diese Botschaft ist Gift. Nicht weil sie falsch ist – sondern weil sie richtig ist.
Was Demokratie braucht und was sie bekommt
Demokratie funktioniert auf Vertrauen. Vertrauen funktioniert auf Gleichheit vor dem Gesetz und vor den Konsequenzen des Handelns. Wenn ein Angestellter für Vertrauensverlust sofort entlassen wird, ein gewählter Amtsträger für gravierendere Vorgänge aber keinerlei unmittelbare Konsequenz spürt, ist das keine Laune des Schicksals. Das ist ein strukturelles Versagen, das sich wiederholt, weil das System es erlaubt.
Und solange beides gleichzeitig wahr ist, braucht man sich nicht zu wundern, warum immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass Gleichheit vor dem Gesetz in der Schweiz ein schöner Satz in der Bundesverfassung ist – und sonst nichts. Artikel 8. Gleichheit vor dem Gesetz. Für alle – ausser für die, die das Gesetz machen.



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