In einer funktionierenden Welt würde ein verurteilter Terrorist, der öffentlich dazu aufruft, politischen Gegnern die Zähne auszuschlagen, und der Jihadisten als mitfühlende Krieger beschreibt, keinen Stadtratssitz anstreben. In der Welt, in der wir tatsächlich leben, tut er es – und das ist längst keine Überraschung mehr, sondern bloss die nächste Bestätigung einer Theorie, die zu beweisen inzwischen unangenehm leicht wird.
Birmingham, Wahlkreis Sparkhill. Der 60-jährige Shahid Butt tritt als unabhängiger Kandidat bei den Stadtratswahlen an. Sein Lebenslauf liest sich kompakt: 1999 im Jemen wegen Beteiligung an Anschlagsplänen auf das britische Konsulat in Aden, eine anglikanische Kirche und ein Hotel in Schweizer Besitz verurteilt. Fünf Jahre Haft. Freilassung. Rückkehr nach Grossbritannien 2003. Seitdem, so versichert er, engagiert er sich dafür, junge Menschen von extremistischen Ideen abzubringen. Schön.
Er bestreitet seine Schuld bis heute. Folter, erfundene Anschuldigungen, ein erzwungenes Geständnis – das bekannte Repertoire. Bemerkenswert ist dabei nicht die Behauptung selbst, sondern die Gelassenheit, mit der sie vorgetragen wird. Als wäre «ich wurde gefoltert, um ein Geständnis zu unterschreiben» ein normaler Satz in einem normalen Bewerbungsgespräch für ein öffentliches Amt. In gewissen politischen Kreisen ist er das offenbar.
Die Qualifikation
Was qualifiziert ihn also für das Stadtratsbüro? Butt bringt es auf den Punkt: Er könne, im Gegensatz zu anderen Kandidaten, «wenigstens Englisch lesen, schreiben und sprechen.» Das klingt absurd – bis man bedenkt, dass Sparkhill rund 30’000 Einwohner zählt, über 90 Prozent davon ethnischen Minderheiten angehören und etwa 80 Prozent Muslime sind. Englischkenntnisse als politisches Alleinstellungsmerkmal in einem englischsprachigen Land, kein Witz, sondern Programm. Was das über den Zustand des lokalen politischen Betriebs aussagt, mag sich jeder selbst ausmalen.
Vom Reformierten zum Zahnausschläger
Nun könnte man sagen, er habe gelernt, er habe sich verändert. Das wäre eine hübsche Geschichte. Leider rief Butt im November Muslime in Birmingham dazu auf, gegen ein Fussballspiel zwischen Aston Villa und dem israelischen Verein Maccabi Tel Aviv zu protestieren. Auf Videoaufnahmen ist er dabei zu hören: «Muslime sind keine Pazifisten, wenn dir jemand zu nahe kommt, schlägst du ihm die Zähne aus.» Zur Teilnahme am Jihad äusserte er sich ähnlich konstruktiv: «Wenn jemand gehen und kämpfen will, soll er kämpfen, denn er tut es aus Mitgefühl.» Das nennt man in der Fachsprache Deradikalisierungsarbeit.
Was in der Berichterstattung auffällig leise bleibt: Während Butts Prozess im Jemen 1999 entführte eine islamistische Terrorgruppe westliche Touristen – und forderte ausdrücklich seine Freilassung. Bei dem Befreiungsversuch durch jemenitische Sicherheitskräfte wurden vier Geiseln getötet. Der Brite Eric Firkins überlebte und hält Butt bis heute für ungeeignet, in einer Demokratie ein politisches Amt auszuüben. Butts Beteuerungen des Wandels seien «nicht schlüssig.» Was für eine altmodische Ansicht – Menschen anhand ihrer Taten zu beurteilen.
Das Sahnehäubchen
Als ob das alles noch nicht genug wäre, kündigte Sharon Osbourne – Witwe von Rocklegende Ozzy Osbourne – an, nach Birmingham zu ziehen und gegen Butt zu kandidieren. Von Sozialen Medien aufgestachelt, bereit für den Kampf. Sie tat es schliesslich nicht. Schade. Ein Duell zwischen einer Reality-TV-Persönlichkeit und einem verurteilten Terroristen um einen Stadtratssitz hätte immerhin ehrlich abgebildet, was politische Repräsentation in grossen Teilen des Westens geworden ist: Ein Spektakel, das die Zuschauer unterhält und niemandem nützt.
Das Muster, das keiner sehen will
Aber lachen wir nicht zu laut. Der Fall Butt ist bizarr – er ist jedoch kein Ausreisser, sondern ein Symptom. Psychologen und Politikwissenschaftler beobachten seit Jahrzehnten dasselbe Muster: Machtpositionen ziehen überproportional häufig Menschen an, die klinisch auffällige Persönlichkeitszüge aufweisen – Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie. Die Forschung kennt das als «dark triad.» Kein Klischee, sondern empirischer Befund. Das System sorgt dafür, dass genau diese Charaktere nach oben gespült werden: Es belohnt skrupelloses Auftreten, wertet Empathiemangel als Stärke und prämiert die Bereitschaft, über Leichen zu gehen – im übertragenen wie gelegentlich im wörtlichen Sinne. Wer diese Eigenschaften mitbringt, findet in der Politik seinen natürlichen Lebensraum.
Die Labour-Abgeordnete Sureena Brackenridge zeigte sich «fassungslos», dass jemand mit Butts Vergangenheit die Bevölkerung von Sparkhill vertreten wolle. Man versteht die Reaktion. Man teilt sie nicht mehr. Wer die politische Bühne der letzten zwanzig Jahre beobachtet hat – Kriegsverbrecher in Regierungsämtern, Lügner die demokratisch wiedergewählt werden, Korrupte die trotzdem Ämter behalten – der hat aufgehört, fassungslos zu sein. Er hat begonnen, Strukturen zu erkennen.
Psychopathen drängen nicht aus Versehen in die Politik – das System öffnet ihnen die Tür, rollt den Teppich aus und wundert sich dann, wer darauf erscheint.
Und solange das System nicht begreift, dass es keine zufälligen Fehler produziert, sondern strukturell vorhersehbare Ergebnisse, wird der nächste Shahid Butt schon seinen Kandidaturantrag ausfüllen. Er kann wenigstens Englisch!









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