Es gibt Themen, bei denen die Gesellschaft kollektiv beschlossen hat, nicht genauer hinzuschauen. Organspende gehört dazu – eingebettet in eine Wolke aus Altruismus, Nächstenliebe und dem wohligen Gefühl, nach dem Tod noch etwas «Gutes» zu tun. Wer Fragen stellt, ist herzlos. Wer Zweifel äussert, ist ein Egoist. Wer die medizinische Realität beim Namen nennt, ist ein Verschwörungstheoretiker. Willkommen im Diskurs.
Fangen wir also mit dem an, was niemand laut sagen soll: Damit eine Organtransplantation gelingt, muss der tote Spender noch leben. Das ist keine Provokation – das ist Physiologie. Ein tatsächlich toter Mensch liefert keine verwertbaren Organe. Nach dem klinischen Tod sind die Zellen binnen Minuten nicht mehr transplantabel. Das System braucht also etwas Präziseres, etwas Flexibleres – es braucht Menschen, die man für tot erklären kann, während der Körper biologisch noch funktioniert. Herzschlag vorhanden, Blutkreislauf aktiv, Organe durchblutet – aber rechtlich tot. Dieser elegante Spagat trägt den medizinischen Fachbegriff «Hirntod» und er ist die Grundlage des gesamten Transplantationssystems.
Nun ist der Hirntod als Todeskriterium keineswegs so unumstritten, wie der Mainstream suggeriert. Die Definition variiert je nach Land, Klinik und – man darf das denken, auch wenn man es nicht sagen soll – je nach Bedarf. Was in einem Land als unwiederbringlicher Totalausfall des Gehirns gilt, wäre anderswo ein Fall für die Intensivstation. Menschen, die als hirntot diagnostiziert wurden, haben Jahrzehnte später ihre Geschichte erzählt. Nicht viele. Aber genug, um die Frage zu stellen, die das System so ungern hört: Wie lässt sich der unumkehrbare Hirntod eines Menschen wirklich zweifelsfrei feststellen? Mit welcher Gewissheit, welchen Methoden, welcher Fehlerquote?
Diese Fragen werden nicht gestellt. Sie werden unterdrückt – sachte, professionell, mit dem Hinweis auf «wissenschaftlichen Konsens» und dem impliziten Vorwurf der Gefühllosigkeit gegenüber Wartenden auf Transplantationslisten. Stattdessen diskutiert die Politik lieber über Opt-out. Österreich und die Schweiz machen’s vor, Deutschland soll folgen: Wer nicht ausdrücklich widerspricht, gilt automatisch als Spender. Das klingt effizient. Es ist auch schlicht pervers. Denn wie soll ein Mensch, der gerade für tot erklärt wurde – oder bewusstlos in einer Notaufnahme liegt – noch widersprechen? Der Widerspruchsausweis in der Jackentasche funktioniert nur, wenn jemand nachschaut. Und wer garantiert, dass in einer überlasteten Notaufnahme, wo drei Intensivpatienten auf Organe warten, tatsächlich jemand nachschaut – und nicht zuerst rechnet?
Diese Frage ist nicht paranoid. Sie ist die logische Konsequenz eines Systems, das Organe als Ressource verwaltet und Menschen als potenzielle Lieferanten betrachtet. Der Utilitarismus ist in der Transplantationsmedizin längst eingezogen – man muss ihn nur zu Ende denken wollen. Von den Ersatzteilen deines Mannes können drei Intensivpatienten jahrelang weiterleben. Sei mal nicht so egoistisch. Wer glaubt, dieser Satz sei Satire, hat die Entwicklung der medizinethischen Debatte der letzten zwanzig Jahre verschlafen.
Im Deutschen Ärzteblatt wurde angeregt, die Todesdefinition zu erweitern. Eine «zusätzliche Option», als tot zu gelten. Man lese diesen Satz dreimal. Nicht als medizinischen Fortschritt – sondern als das, was er ist: Die schleichende Neudefinition menschlichen Lebens nach dem Kriterium seiner Verwertbarkeit. Wer nicht mehr «funktioniert», wer im Koma liegt, wer beatmet wird – ab wann ist er Spender, ab wann ist er Patient?
Das Komische – im bittersten Sinne des Wortes – ist die Kompatibilitätsfrage, die dabei völlig unter den Tisch fällt. Keine Autowerkstatt würde es wagen, in eine Mercedes S-Klasse ein Ersatzteil eines Kia Picanto zu verbauen, weil jeder weiss, das funktioniert langfristig nicht. In der Transplantationsmedizin hingegen gilt: Probieren geht über studieren. Einer Frau wurde ein Schweineherz implantiert. Ein Schweineherz. Und die einzigen, die dabei auf die Barrikaden gingen, waren Tierschützer. Die Frau selbst? Gestorben. Die Schlagzeile? Bereits vergessen.
Das Unbehagen, das dieser gesamte Komplex erzeugt, ist kein Zeichen von Rückständigkeit oder religiösem Obskurantismus. Es ist das gesunde Misstrauen eines Menschen, der bemerkt, dass hier Definitionen verschoben, Grenzen neu gezogen und Einwände systematisch als Emotionalität abgetan werden. Wer einen Menschen, dessen Herz noch schlägt und dessen Blut noch fliesst, als «Spender» bezeichnet, hat eine philosophische Entscheidung getroffen – und zwar eine, die niemals offen zur Abstimmung gestellt wurde.
Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, erklärte das System für ethisch vertretbar. Natürlich. Das Ethikrat ist das Gremium, das erklärt, was ethisch vertretbar ist – in dem Moment, in dem es das System verteidigt, das es bewerten soll. Der Bock als Gärtner, der Chefkoch als Restaurantkritiker. Der Ethikrat hat seine Werte unter Buyx bereits in der Pandemie verraten, den Ethisch ist, was Kohle bringt.
Organspende als Akt der Nächstenliebe — vielleicht. Als freiwillige, informierte, wirklich autonome Entscheidung: Zweifellos schützenswert. Aber als staatlich verwaltetes Opt-out-System, mit gleitenden Todesdefinitionen, wirtschaftlichem Verwertungsdruck und systematischer Unterdrückung unbequemer Fragen? Jesus, heisst es, ist am dritten Tag auferstanden. Gut, dass er keinen Organspendeausweis hatte. Heute würden sie ihn am zweiten Tag auseinandernehmen…






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