Raphael Bonelli, Wiener Psychiater und einer der wenigen Akademiker, die noch laut denken dürfen, ohne sofort als Extremist etikettiert zu werden, hat fünf Denkstörungen unserer Zeit diagnostiziert. Fünf. Man könnte meinen, das sei zu wenig – wer die Tagesschau einschaltet, kommt schnell auf zwanzig. Aber fangen wir mit den fünf an, die er identifiziert hat, denn sie reichen bereits aus, um zu erklären, warum eine Zivilisation, die den Mond erreicht hat, heute ernsthaft darüber diskutiert, ob Sprache Gewalt ist und ob Bauern Klimafeinde sind.
Denkstörung Nummer eins: Die Individuelle
Der Mensch beschliesst, dass er nicht schuld sein kann. Fertig. Vollständig. Unverhandelbar. Was auch immer passiert – die Frau, der Chef, das System, das Klima, der Kapitalismus — er selbst ist raus. Bonelli begegnet dieser Spezies täglich in der Paartherapie, wo das Muster so zuverlässig auftaucht wie der Sonnenaufgang: Beide sitzen gegenüber, beide sind Opfer und der Täter ist immer der andere. Was diese individuelle Denkstörung besonders gefährlich macht, ist ihre Verwandtschaft mit digitaler Leichtgläubigkeit. Wer sich für unwiderstehlich hält, glaubt auch, dass Britney Spears sein Facebook-Profil bewundert und jetzt nur noch 5000 Euro Kerosingeld braucht. Die Gerichte sind voll davon.
Denkstörung Nummer zwei: Die Kollektive
Hier wird’s gesellschaftlich relevant – und unangenehm. Der Lehrer sagt, die blaue Tasche sei rot, alle nicken, und wer widerspricht, ist das Problem. Des Kaisers neue Kleider, neu aufgelegt mit Faktencheckern und Haltungsjournalismus. Bonelli beobachtet mit zunehmender Sorge, wie Menschen ihr Denken nicht mehr an der Realität orientieren, sondern an der Frage: Was muss ich sagen, um dazuzugehören? Was muss ich glauben, um nicht Nachteile zu bekommen? Das ist keine Meinung mehr – das ist kognitives Überleben in einer Gesellschaft, die Konformität mit Konsens verwechselt und Widerspruch mit Aggression beantwortet. Wer in einer Fernsehdebatte sitzt und merkt, dass sein Gegenüber nicht an Wahrheit interessiert ist, sondern am besten Sager – der hat die kollektive Denkstörung live erlebt. Sie ist längst nicht mehr die Ausnahme. Sie ist das Geschäftsmodell.
Denkstörung Nummer drei: Die Digitale
TikTok hat gewonnen. Nicht militärisch, nicht politisch – kognitiv. Die Aufmerksamkeitsspanne einer Generation, die mit Endlosscrolling aufgewachsen ist, gleicht einem Scheinwerfer, dessen Akku nach zehn Sekunden leer ist. Lehrer berichten, dass Schüler einer einstündigen Erklärung nicht mehr folgen können – sie warten, dass die Lehrerin «wegswipet». Der Extremfall sitzt zu Hause, spielt Tag und Nacht Rollenspiele und wenn er kurz aufsteht, ist das die Unterbrechung – nicht das Spiel. Die Realität ist das Irritierende. Das Virtuelle ist Heimat. Ein junger Wiener, der täglich mit Deutschen online spielt, kommt irgendwann in die Praxis und redet wie jemand aus München. Das klingt nach Anekdote. Es ist Diagnose.
Denkstörung Nummer vier: Die Pädagogische
Schulen lehren nicht mehr, zu denken – sie lehren, was zu denken ist. Der Unterschied ist fundamental, wird aber systematisch verwischt. Moral, erklärt Bonelli präzise, ist die Orientierung der eigenen Handlungen am objektiv Guten. Moralismus hingegen ist die Vortäuschung von Moral zum eigenen Vorteil. Wer die Strasse blockiert und danach nach Bali fliegt, wer Autoreifen aufschlitzt «für die Umwelt», wer Gegenargumente als unmoralisch bezeichnet, um sie nicht beantworten zu müssen – der moralisiert. Und das Perfide an dieser Strategie: Wer gegen ein moralisches Argument argumentiert, ist automatisch unmoralisch. Das Denken wird nicht widerlegt. Es wird abgewürgt. Die Schule liefert dafür die Vokabeln, die Universität den Abschluss.
Denkstörung Nummer fünf: Die Generative
Kinder? Wozu? Die Rente zahlt irgendwer. Den Planeten schont man besser ohne Nachwuchs. Diese Denkstörung ist vielleicht die subtilste, weil sie sich als Vernunft verkleidet. Seit fünfzig Jahren gebären westliche Gesellschaften zu wenig Kinder, um sich zu erhalten. Das ist kein Zufall, kein Trend, kein Lifestyle – das ist nach Freud der Todestrieb in gesellschaftlicher Form. Thanatos, jener innere Hass auf das Gute, das Wahre, das Schöne, der sich einschleicht und das Glück systematisch demoliert – im Kleinen bei jedem Ehebrecher, der sich fragt, warum er das tut, im Grossen bei einer Zivilisation, die aufgehört hat, sich fortzupflanzen und es «Selbstverwirklichung» nennt.
Was alle fünf Störungen verbinden? Der Abbruch des Kontakts zur Wirklichkeit. Bonelli nennt es Noos – die spontane Erkenntnis dessen, was evident ist, was sichtbar vor einem liegt, bevor die Ideologie sich dazwischenschiebt und sagt: «Nein, das siehst du falsch.» Der Grieche nannte es Weisheit. Die heutige Gesellschaft nennt es Verschwörungstheorie.
Kahneman unterscheidet schnelles und langsames Denken – Bonelli nennt es Oberflächen- und Tiefendenken. Das Oberflächendenken funktioniert auf Autopilot, braucht keine Energie, hinterfragt nichts und übernimmt Pferdemist für Gold, solange die Verpackung gut aussieht. Der Spiegel als vertrauenswürdige Quelle eingestellt – und schon ist das Gehirn, laut Bonelli, «wegzuschmeissen.» Nicht als Beleidigung. Als Diagnose.
Die gute Nachricht: Das Gehirn ist plastisch. Es verändert sich mit jedem Gedanken, den man denkt, mit jeder Entscheidung, die man trifft, mit jeder Quelle, der man vertraut oder eben misstraut. Wer aufhört, alles zu glauben, was ihm serviert wird, wer innehalten kann zwischen Reiz und Reaktion – Viktor Frankls berühmter Raum der Freiheit – wer Quellen nach Wahrheitsgehalt bewertet statt nach sozialer Akzeptanz, der beginnt, aus dem kollektiven Irrenhaus auszutreten.







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