Die Tochter des berühmtesten Monopolisten der Welt wollte der Menschheit beweisen, dass sie es ganz ohne Papas Namen schafft. Mission erfüllt: Mit 23 Jahren steht Phoebe Gates bereits dort, wo ihr Vater erst nach Jahrzehnten harter Arbeit ankam – vor der unangenehmen Frage, ob das eigene Geschäftsmodell überhaupt legal ist. Ihrem Start-up Phia wird Cookie-Stuffing vorgeworfen, ein Delikt, das amerikanische Gerichte üblicherweise als Wire Fraud verhandeln. Höchststrafe: 20 Jahre Bundesgefängnis. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, er rollt bloss schneller Richtung Anklagebank.
Phia wurde als selbstlose «persönliche Einkaufsassistentin» vermarktet: Eine Browser-Erweiterung, die dir beim Shoppen die besten Modeschnäppchen heraussucht und dafür brav eine Provision vom Händler kassiert. Soweit die Hochglanzbroschüre. Laut einer Bloomberg-Recherche sah die Realität anders aus: Die Erweiterung öffnete während des Bezahlvorgangs still einen Hintergrund-Tab, injizierte ihr eigenes Tracking-Cookie in den Kaufprozess und überschrieb dabei sogar die legitimen Verweise anderer Vermittler. Ergebnis: Phia kassierte Provisionen für Verkäufe, mit denen die Firma exakt nichts zu tun hatte. In der Branche heisst das Cookie-Stuffing und ist ungefähr so ehrenwert wie ein Kellner, der fremde Trinkgelder vom Nachbartisch einsteckt.
Slack vergisst nichts
Als Bloomberg im Juli erstmals nachfragte, lieferte die Firma das älteste Märchen der Tech-Geschichte: Ein Software-Fehler, gestern entdeckt, über Nacht behoben, alles wieder gut. Dumm nur, dass interne Slack-Nachrichten eine andere Geschichte erzählen: Der angebliche Bug war demnach ein bewusst gebautes Feature namens «Enable Coupon Auto Drop», das sich per Schalter ein- und ausknipsen liess. Und die Gründerinnen wussten seit mindestens Dezember Bescheid.
Am 18. Dezember fragte Phoebe Gates ihr Team laut geleakten Nachrichten höchstpersönlich an, ob der automatische Cookie-Abwurf auf ALLEN Partnerseiten scharfgeschaltet sei, damit man auch wirklich das gesamte Handelsvolumen monetarisiere. Auslöser der Nachfrage war laut dem Bericht ihre Verwunderung darüber, dass Etsy weniger Provision abwarf als erhofft – worauf sie die Entwickler angehalten haben soll, das Cookie bei jedem Erscheinen der Erweiterung abzuwerfen, auch wenn niemand einen Gutschein anklickte. Mitgründerin Sophia Kianni sekundierte sinngemäss: Alles sei grossartig, was diese Cookies weiter fallen lasse – und hielt am System fest, als Ingenieure längst Bedenken anmeldeten. Das ist keine ahnungslose Praktikantin, die versehentlich den falschen Knopf drückt. Das ist die Chefetage, die nachzählt, ob die Melkmaschine an jedem Euter hängt.
Die Zahlen sprechen die Sprache eines Geständnisses: Als die Firma das Feature am 7. Juli abschaltete – zufällig am selben Tag, an dem Bloomberg anklopfte –, brach der durchschnittliche Tagesumsatz laut interner Auswertung von rund 80’000 Dollar auf 10’000 bis 28’000 Dollar ein. Ein hauseigener Datenanalyst bezifferte den Anteil des Cookie-Stuffing am reklamierten Verkaufsvolumen im Juni auf rund 51 Prozent. Mehr als die Hälfte des Geschäfts war demnach heisse Luft mit Tracking-Pixel. Betroffen waren Grosskaliber wie Nike, Gap und Nordstrom, die Affiliate-Plattform Impact.com hat Phia inzwischen vom Marktplatz suspendiert.
20 Jahre für ein Cookie
Die Wirtschaftsanwältin Ariel Givner ordnete das Ganze öffentlich ein: Solches Verhalten werde vor US-Gerichten typischerweise als Federal Wire Fraud behandelt – Höchststrafe 20 Jahre Haft plus Geldstrafen und Rückzahlungen. Präzedenzfälle existieren: Der Affiliate-Vermarkter Shawn Hogan wanderte für ein Cookie-Stuffing-Schema gegen eBay für fünf Monate ins Bundesgefängnis. Die Pointe dabei: Ausgerechnet eBay, das damals gemeinsam mit dem FBI den Fall gegen Hogan aufbaute, gehört zu den Geldgebern von Phia. Man investiert also in ein Start-up und bekommt als Rendite die Betrugsmasche zurück, gegen die man einst die Bundespolizei mobilisierte. Wenn das Universum einen Humor hat, dann diesen.
Familienbetrieb mit Tradition
Und hier wird die Geschichte erst richtig schön. Denn Phoebe Gates hat jahrelang in jedes Mikrofon deklamiert, ihr Unternehmen werde ohne jede Verbindung zu ihrem Privileg und ihrem Nachnamen erfolgreich sein. Recht hat sie – die Verbindung zum Nachnamen liegt woanders: In der Methode. Papa Bill baute sein Imperium bekanntlich nicht mit Fairness, sondern mit einer Marktmacht, die ein US-Bundesgericht im Jahr 2000 als illegale Monopolpraxis nach dem Sherman Act einstufte. Konkurrenten erdrücken, Standards kapern, den Browser-Markt mit der Brechstange erobern – das war das Erfolgsrezept, bevor der Konzernchef sich zum Weltenretter umlackierte.
Wie gründlich diese Lüge vom Philanthropen das Sündenregister übertüncht, wurde hier bereits seziert. Die Tochter hat das Prinzip offenbar verinnerlicht: Erst nehmen, was einem nicht gehört, dann eine Compliance-Abteilung gründen und von Lernprozessen schwafeln. Genau das tut Phia gerade – man stelle einen Compliance-Chef ein und werde «daraus lernen», liess die Firma verlauten. Der Vater sitzt derweil auf Zugängen zu Nuklearwaffendaten, die Tochter auf einem Berg fremder Provisionen. Familientradition eben: Regeln sind für Leute ohne Stiftung.
Der Nachwuchs liefert
Noch ist keine Anklage erhoben und die Firma bestreitet Teile der Darstellung. Aber das Muster ist zeitlos: Wer reich genug geboren wird, für den ist Betrug kein Verbrechen, sondern ein Reputationsrisiko mit angeschlossener PR-Strategie. Der kleine Dieb stiehlt ein Cookie und bekommt den Staatsanwalt. Die Milliardärstochter stopft Millionen davon in fremde Browser und bekommt einen Compliance-Chef. Und während der normale Gründer für 51 Prozent Luftbuchungen längst in Handschellen posieren würde, übt der Gates-Nachwuchs schon mal das Vokabular der Läuterung. Die Dynastie, die der Welt Ethik predigt, züchtet ihren Betrug einfach in der nächsten Generation weiter. Sie nennt Monopolmissbrauch «Innovation», nennt Cookie-Stuffing «Software-Fehler». Und die Justiz wird am Ende tun, was sie bei dieser Familie immer tut – zuschauen, wie sich das Problem in einer Pressemitteilung auflöst!











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