Angela Merkel hat entdeckt, dass Geld Macht ist. Sechzehn Jahre Kanzlerschaft, zweimal 600 Millionen Euro für die Impfallianz, eine Schirmherrschaft über die Geberkonferenz, auf der sie Bill Gates namentlich willkommen hiess – und jetzt, mehr als ein Jahrzehnt später, erzählt die Altkanzlerin, der Milliardär habe sie mit seinem Geld moralisch unter Druck gesetzt. Die Frau, die ihm den roten Teppich ausrollte, ist das Opfer des Teppichs – dieselbe Frau, deren Regierung am Tag eines Gates-Anrufs den Patentschutz für Impfstoffe verteidigte.
Am 8. September 2026 sass Merkel auf einer Digitalmesse in Köln und plauderte über Künstliche Intelligenz, Haushaltsroboter und rutschfeste Seniorenschuhe. Zwischen Zitronenpresse und Algorithmus rutschte ihr eine Beichte heraus, die keine ist. Die Gates-Stiftung habe plötzlich mehr Geld gehabt als die Entwicklungsetats grosser Industrieländer, ihr Gründer sei von Regierungschefs mindestens so freundlich empfangen worden wie sie selbst und habe «qua Geld moralischen Druck» ausgeübt. Wer zu wenig für die Impfallianz gegeben habe, sei gleich schlecht dagestanden und Gates habe jedem afrikanischen Regierungschef erzählt: «Die Merkel, die war dies Jahr geizig.»
Nicht erpresst, sondern begeistert
Wer jetzt Erpressung ruft, hat nicht zugehört und tut Merkel damit einen Gefallen. Das Wort fällt nicht. Was fällt, ist schlimmer. Im selben Atemzug nennt sie die Impfallianz «eine gute Sache» und bekennt, sie sei «da begeistert». Die Klage gilt also nicht dem Ziel, sondern dem Tratsch. Dass ein Privatmann die Richtung deutscher Entwicklungspolitik mitbestimmte, fand die Kanzlerin offenbar in Ordnung. Unangenehm war ihr nur, dass er in Afrika über ihre Spendierfreude lästerte. Das ist keine Kritik an der Macht des Geldes, das ist verletzte Eitelkeit mit zehn Jahren Verspätung.
Die Schirmherrin mit dem Scheckbuch
Für den Gegenbeweis muss niemand in Archiven wühlen, das Kanzleramt hat ihn selbst ins Netz gestellt. Am 27. Januar 2015 stand Merkel als Gastgeberin der Wiederauffüllungskonferenz der Impfallianz in Berlin am Pult, begrüsste den Milliardär, erhöhte den deutschen Beitrag für 2016 bis 2020 auf 600 Millionen Euro, bescheinigte der Allianz, sie habe «Wundervolles bewirkt» und forderte für schnellere Impfstoffe ausdrücklich die Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie. Fünf Jahre später sagte sie in Davos nochmals 600 Millionen Euro zu. Wer unter Druck zahlt, zahlt zähneknirschend. Merkel sagte doppelt zu und applaudierte dazu.
Bildung lässt sich schlecht vorzeigen
Die hübscheste Stelle der Kölner Erzählung betrifft die Schule. Sie habe Gates gefragt, ob man nicht auch Bildung machen wolle. Seine Antwort laut Merkel: Versucht habe man das, aber dort sei kaum ein richtiger Ertrag herauszuholen, weil Lehrer, Staaten und Schüler ständig wechselten. Das ist keine Anekdote, das ist Stiftungsdoktrin. Im Jahresbrief 2009 räumte Gates ein, dass über zwei Milliarden Dollar für den Umbau amerikanischer Highschools meist hinter dem Ziel zurückblieben und begründete das damit, dass sich Schulerfolg anders als ein Impfstoff kaum wissenschaftlich prüfen lasse. Beim Impfen dagegen rechnet er gern vor und schwärmte in Davos von einem zwanzigfachen volkswirtschaftlichen Ertrag seiner Spenden – kein Gewinn, aber eine Zahl, die sich auf jeder Bühne gut macht, wie er sie bis heute gern vorführt. Eine Regierungschefin, die das hört und danach trotzdem Hunderte Millionen in genau diesen Kanal lenkt, wurde nicht überrumpelt. Sie hat unterschrieben.
Das Telefon klingelt, das Patent bleibt
Wie viel Widerstandskraft in der Kanzlerin steckte, zeigte die Pandemie. Im März 2020 erklärte sie der Nation in ihrer Fernsehansprache, das öffentliche Leben müsse heruntergefahren werden, um Zeit zu gewinnen, bis die Forschung einen Impfstoff liefere. Am 12. April sass Gates in den Tagesthemen und warb für genau diesen Ausweg. Geschickt hat ihn dort niemand und das ist die schlechtere Nachricht: Laut Antwort der ARD auf eine Informationsfreiheitsanfrage lief der Kontakt über das Studio New York, die Redaktion wollte ihn von sich aus und verbuchte das Gespräch als exklusiven Mehrwert. Den Gebührensender musste kein Kanzleramt anweisen, er stand freiwillig Spalier. Die Gates-Stiftung war da seit einem guten halben Jahr mit 55 Millionen Dollar an BioNTech beteiligt. Den Rest erzählt eine Recherche von Politico und WELT. Am 4. März 2020 bat der Chef der von Gates mitgegründeten Impfstoff-Allianz CEPI Merkel schriftlich um Geld, neun Tage später flossen 140 Millionen Euro. Am 6. Mai 2021, einen Tag nachdem Washington die Freigabe der Impfstoffpatente unterstützt hatte, telefonierten Bill und Melinda Gates mit der Kanzlerin. Am selben Tag liess ihre Sprecherin verbreiten, geistiges Eigentum sei eine Quelle der Innovation. Was am Telefon gesagt wurde, hält das Kanzleramt unter Verschluss, weil die Offenlegung der deutschen Verhandlungsposition schaden könne. Die Stiftung gab 2021 in Deutschland 5,7 Millionen Euro für Lobbyarbeit aus.
Nachlassverwaltung im Plauderton
Merkel verkauft heute als späte Einsicht, was sie damals als Politik betrieb. Die Macht eines Mannes, der mit dem Scheckbuch Staatschefs sortiert, war ihr nie verborgen, sie hat sie gefüttert, gelobt und mit Steuergeld gemästet. Wer das nach mehr als einem Jahrzehnt als Anekdote über einen aufdringlichen Spender erzählt, betreibt keine Aufarbeitung, sondern Nachlassverwaltung – und reicht die Verantwortung an den angeblichen Philanthropen weiter wie einen Spendenscheck. Sie hat den Milliardär nicht durchschaut, sie hat ihm den Hintereingang zum Kanzleramt aufgehalten. Mut kommt bei Merkel pünktlich mit der Pension. Aus der Macht, die sie nährte, wird im Ruhestand eine Anekdote zum Schmunzeln. Sie sagte der Allianz, die Gates mitgegründet hat, mehr als eine Milliarde Euro zu, fuhr das Land herunter, um auf den Impfstoff zu warten, schwor am Tag seines Anrufs dem Patentschutz die Treue – und nennt dies heute «moralischen Druck»!








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