Exportgut Kind – und die gepflegte Doppelmoral des Westens
Vor rund 30 Jahren berichtete die Tagesschau über Zustände in der Ukraine, die man damals noch mit einem Rest an journalistischer Scham zeigte. Armut. Waisenhäuser. Menschenhandel. US-Dollar als inoffizielle Leitwährung. Man war näher dran an der Realität – und schaffte es doch, das Entscheidende elegant auszusparen.
Denn wenn Kinder zur Ware werden, ist das kein lokales Problem. Es ist ein Markt. Und Märkte funktionieren nur mit Nachfrage. Die «blühende westliche Ukraine» war schon damals nicht nur Projektionsfläche für geopolitische Hoffnungen, sondern auch Drehscheibe für Schattenökonomien. Menschenhandel ist kein spontanes Chaosphänomen. Er braucht Netzwerke, Logistik, Schutz – und Abnehmer.
Heute spricht man von rund 35’000 vermissten Kindern seit Kriegsbeginn. Eine Zahl, die man kurz schluckt und dann in den Nachrichtenstrom einsortiert. Vermisst klingt fast harmlos. Wie ein verlegter Koffer am Flughafen. Nur dass es hier um Menschen geht. Kinder. Mit Namen, Familien, Gesichtern.
Und während man öffentlich Solidarität beschwört, Waffen liefert und Milliarden mobilisiert, bleibt die dunkle Seite erstaunlich randständig. Der Westen inszeniert sich als moralischer Schutzpatron. Demokratie, Freiheit, Menschenrechte. Grosse Worte. Sehr grosse Budgets. Aber wenn es um systemische Korruption, um organisierte Ausbeutung und um die Frage geht, wer an diesem Elend verdient, wird es plötzlich still.
Doppelmoral ist kein Betriebsunfall, sie ist Struktur. Man verurteilt Menschenhandel offiziell – und übersieht ihn, wenn er geopolitisch unpraktisch wird. Man kämpft gegen Korruption – solange sie nicht die eigenen Narrative stört. Man spricht von Transparenz – und akzeptiert Blindflecken, wenn sie strategisch gelegen kommen.
Die Idee, dass massive Unterstützung auch deshalb so kompromisslos erfolgt, damit gewisse Verflechtungen nicht zu grell beleuchtet werden, gilt natürlich als unanständig. Und doch bleibt die Frage im Raum: Wer profitiert wirklich von Instabilität, von Chaos, von verschwundenen Kindern?
Ein funktionierender Rechtsstaat würde Zahlen wie 35’000 nicht als Randnotiz behandeln. Er würde nachhaken. Er würde verfolgen. Er würde Verantwortliche benennen – egal auf welcher Seite.
Stattdessen erleben wir moralische Empörung im Schichtbetrieb und selektive Aufklärung. Menschenhandel bleibt Empörungsthema, solange er nicht zu nah an Machtstrukturen rührt. Korruption ist verwerflich – außer sie stabilisiert die «richtige» Seite.
Die Kinder verschwinden.
Die Narrative bleiben.






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