Es gibt ja diesen herrlich simplen Mechanismus im öffentlichen Diskurs: Wer nicht genau das sagt, was der Chor gerade singt, wird nicht etwa widerlegt, sondern etikettiert. Früher war das «Ketzer». Heute ist es «Klimaleugner». Und nein, das ist keine Selbstbeschreibung. Niemand steht morgens auf, putzt sich die Zähne und sagt: «Heute leugne ich mal das Klima.» Klimaleugner wird man, wie ein Blitzerfoto: Von aussen, automatisch, ohne Anhörung.
Prof. Ganteför macht das, was in einer halbwegs erwachsenen Gesellschaft normal wäre: Er spricht über Physik. Treibhauseffekt, CO₂, Wolken, Solarzyklen, Klimaschwankungen. Also langweilige Dinge, die keine Likes bringen und keine Klebekunst auf Asphalt rechtfertigen. Und plötzlich merkt er: Im Netz gibt es Kampagnen, Getöse, Empörung. Er ist überrascht, was süss ist, wie wenn ein Biologe zum ersten Mal merkt, dass Mücken stechen.
Er fragt: Was ist eigentlich ein «Klimaleugner»? Und ja, der Begriff wird nicht zufällig so gewählt. «Leugner» ist ein moralischer Baseballschläger, der nicht argumentiert, sondern assoziiert. Du sollst nicht diskutieren, du sollst dich schämen. Das ist der Trick: Wenn ein Wort die Person schon vernichtet, braucht man den Inhalt nicht mehr anzuschauen. Effizient, billig, demokratiekompatibel auf dem Papier.
Dann macht er etwas Unverschämtes: Er unterscheidet. Er zählt verschiedene Positionen auf, die alle unter «Klimaleugnung» subsumiert werden können, obwohl sie komplett unterschiedlich sind.
Leute, die sagen: «Es wird gar nicht wärmer.»
Okay. Dann schaut man auf Gletscher, Messreihen, die Welt draussen. Das ist ungefähr wie zu behaupten, Wasser sei trocken. Kann man machen, muss aber nicht.
Leute, die sagen: «Es wird wärmer, aber nicht wegen des Menschen.»
Das ist wenigstens eine Hypothese, über die man sprechen könnte: Sonne, Wolken, Zyklen, Modelle, Unsicherheiten. Aber an dem Punkt ist Diskussion schon beendet, weil «Diskussion» im moralischen Zeitalter als Verdachtsmoment gilt.
Leute, die sagen: «Treibhauseffekt gibt es nicht.»
Das ist wieder flache-Erde-Niveau. Trotzdem: Interessant ist nicht, dass es diese Leute gibt. Interessant ist, dass man sie rhetorisch so gern mit allen anderen in denselben Sack steckt. Praktisch: Wer Zweifel an Massnahme X äussert, wird mit den wissenschaftlich Abseitigen zusammengeschoben. Spart Zeit.
Leute, die sagen: «Klimaschwankungen sind normal.»
Was ja stimmt, historisch betrachtet. Das ist kein Freifahrtschein, aber eine wichtige Einordnung. Doch Einordnung ist gefährlich, weil sie Panik reduziert. Und ohne Panik wird’s schwierig mit dem Durchregieren.
Und jetzt kommt der zweite Block, der eigentlich der Kern ist: Nicht Physik, sondern Politik.
Da sind Menschen, die befürchten Freiheits- und Wohlstandsverlust. Und zwar nicht als Hobby, sondern weil «Transformation» in der Praxis oft heisst: Teurer, weniger flexibel, mehr Verbote, mehr Bürokratie. Wer fragt, ob man wirklich den Ast absägen sollte, auf dem man sitzt, bekommt sofort das Etikett «Leugner». Nicht weil er das Klima leugnet, sondern weil er den politischen Preis diskutiert. Das ist der Punkt: Das Wort «Klimaleugner» wird benutzt, um Massnahmenkritik als Realitätsverweigerung zu framen.
Und dann die schöne globale Absurdität: Klimapolitik wird national als Erlösungsprojekt verkauft, obwohl das Klima ein globales System ist. Deutschland, Österreich, Schweiz als moralische Leuchttürme, während grosse Emittenten weiter bauen, wachsen, verbrennen. Wer darauf hinweist, dass man das Weltklima nicht im eigenen Wohnzimmer retten kann, gilt wieder als «Leugner». Dabei sagt er nichts über Physik. Er sagt etwas über Mathematik und Wirkung.
Der Professor beschreibt sich als jemanden, der sich auskennt: Mastervorlesungen, IPCC-Berichte, kritische Studierende, die einen zerlegen, wenn man Unsinn erzählt. Und das ist tatsächlich ein Punkt: Wissenschaft ist nicht «Glauben», Wissenschaft ist «Zeig mir deine Belege». Nur ist das Problem: Die Klimadebatte ist längst nicht mehr primär wissenschaftlich. Sie ist moralisch. Und Moral mag keine Zwischenstufen. Moral mag keine «Ja, aber…». Moral will Bekenntnisse.
Seine Hauptthese ist dann unerquicklich und deshalb interessant: Ein Teil der Klimabewegung brauche das Weltuntergangsnarrativ, weil ohne maximale Angst keine maximalen Eingriffe durchsetzbar sind. Und hier wird es bitter: Er zitiert sinngemäss den Typ «Du hast zwar recht, aber sag das nicht, sonst nehmen wir die Panik aus dem System.» Das ist der Moment, in dem die Maske fällt. Dann geht es nicht mehr um Erkenntnis, sondern um Steuerung.
Er trennt IPCC-Basis von medialer und aktivistischer Übertreibung. Kipppunkte, apokalyptische Countdown-Rhetorik, «noch X Jahre». Er kritisiert, dass junge Menschen dadurch in Lähmung kippen: Studium lohnt nicht, Zukunft ist tot. Und ja: Wer Kindern und Jugendlichen permanent erzählt, alles sei ohnehin verloren, hat nicht «Bewusstsein geschaffen», sondern psychischen Müll abgeladen.
Und am Ende steht seine Position, die eigentlich langweilig vernünftig ist: Ja, es wird wärmer. Ja, CO₂ spielt eine Rolle. Nein, wir sterben nicht alle morgen. Ja, wir brauchen Lösungen. Nein, nicht durch Ökodiktatur, sondern durch demokratische Legitimation, Technologie, internationale Kooperation und Massnahmen, die tragfähig sind.
Aber Vernunft ist halt schlecht fürs Geschäft. Panik verkauft sich besser. Panik bringt Klicks. Panik bringt Macht. Panik bringt Fördergelder, Posten, Narrative, moralische Überlegenheit. Und wer Panik stört, ist der Feind.
Er ist kein Klimaleugner. Er ist nur der Typ, der fragt, ob man bitte erst denken könnte, bevor man alles verbietet. Und dafür wird man heute zuverlässig beschimpft. Fortschritt, nennt man das…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








