Es gibt eine Lüge, die täglich millionenfach begangen wird, ohne dass jemand strafrechtlich verfolgt wird, ohne dass Behörden einschreiten, ohne dass die Tagesschau einen Beitrag darüber sendet. Sie findet statt im beleuchteten Obstbereich jedes Supermarkts, zwischen glänzenden Äpfeln, makellosen Tomaten und Avocados, die so perfekt aussehen, als hätte sie ein Designer entworfen. Die Lüge heisst Frische. Und sie hat einen chemischen Namen: 1-Methylcyclopropen.

Äpfel, Birnen, Tomaten, vieles, was man an Gemüse im Supermarkt kauft, hat diese erstaunlichen Eigenschaften, in Gewicht und Grösse nahezu identisch zu sein, Frische auszustrahlen, glänzende Äpfel, optimal gereifte Bananen, Tomaten, die keinerlei Schaden auf der Aussenhaut aufweisen, ganz im Gegensatz zu denen, die man selbst zieht. Schlaraffenland, könnte man sagen. Oder: industrielle Täuschung mit behördlichem Segen, um es etwas präziser auszudrücken.

1-Methylcyclopropen ist ein Kohlenwasserstoff, der aus Erdöl gewonnen wird, mit einem Prozess, der zudem Chloro-2-Methylpropen, Heptane und Methylcyclohexane hervorbringt – zuletzt genannte bekannte karzinogene Stoffe. Man lese das noch einmal langsam. Der Prozess, der das Mittel herstellt, das auf deinen Apfel gegast wird, erzeugt als Nebenprodukte krebserregende Substanzen. Das ist der Ausgangspunkt. Der Rest wird nicht besser.

1-Methylcyclopropen wird nach der Ernte auf das Obst «gegast» und sorgt dafür, dass das Obst, das so frisch aussieht, als käme es gerade vom Baum, bis zu zwölf Monate, zuweilen auch mehr, auf seinen Einsatz im Supermarkt gewartet hat – oft genug als Spekulationsobjekt behandelt, das aus dem Lager verkauft wird, wenn die Preise steigen. Zwölf Monate. Ein Jahr. Der Apfel in deiner Hand könnte älter sein als die Bundesregierung, die ihn zugelassen hat und er sieht aus wie frisch gepflückt.

1-Methylcyclopropen stoppt im Wesentlichen die Produktion von Ethylen über Monate hinweg und arretiert damit den Reifungsprozess. Das führt dazu, dass das behandelte Obst oder Gemüse fest bleibt, nicht schrumpelig wird und austrocknet. Die Umwandlung von Stärke in Zucker und der Säureabbau werden verzögert. Der Alterungsprozess wird biologisch eingefroren. Das Obst existiert in einem Zustand erzwungener Jugend, einem chemischen Dorian Gray – aussen makellos, innen längst das, was es wäre, wenn die Natur ihren Lauf nehmen dürfte.

Und dann kommt es nach Hause. Und dann passiert das, was jeder kennt und niemand erklären konnte: Der Apfel, der im Laden wie Lebendigkeit selbst aussah, beginnt innerhalb von Stunden zu schimmeln. Die Banane, eben noch perfekt gelb, ist am nächsten Tag braun. Kaum ist die Banane zuhause, geht sie in einer Geschwindigkeit den Gang alles Verderblichen, die erstaunlich ist, während die Äpfel oft auch nach Wochen keinerlei Anzeichen natürlicher Alterung aufweisen, um dann innerhalb von Stunden eine Form der Fäulnis oder des Schimmels zu entwickeln, die selbst spezialisierte Fruchtfliegen ratlos zurücklässt. Das ist nicht Natur. Das ist der Zusammenbruch einer chemischen Unterdrückung, die ihre Wirkung verliert, sobald das Obst aus dem kontrollierten Lagerklima heraus ist.

Der frische Apfel ist nicht frisch - er ist ein Jahres alt und chemisch eingefroren

Der für Äpfel, Birnen, Aprikosen, Pfirsiche, Tomaten, Avocados so typische Geruch und Geschmack wird der geschmacklichen und olfaktorischen Wahrnehmung entzogen. Falls du dich schon einmal darüber gewundert hast, dass Äpfel, egal welcher Sorte, den gleichen, mehr oder minder flachen, kaum an Apfel erinnernden Geschmack haben und allesamt nicht riechen – hier hast du die Erklärung: 1-Methylcyclopropen. Das kollektive Geschmacksgedächtnis einer Generation ist verändert worden. Wer unter vierzig ist und in der Stadt aufgewachsen ist, hat möglicherweise nie in seinem Leben einen wirklich reifen Apfel gegessen. Er weiss nicht, wie einer riecht. Er hält das Supermarktprodukt für die Norm – weil es die einzige Norm ist, die er kennt.

Und die Behörden? In der EU ist 1-Methylcyclopropen seit Mitte der 2000er Jahre zugelassen – mit den Lücken in der Sicherheitsprüfung, die man mittlerweile gewohnt ist. Was die Toxikologie angeht, ist nicht viel analysiert worden. 1-Methylcyclopropen gilt als unbedenklich. Wozu also testen? Wozu testen? Eine Frage, die man sich in Behörden offensichtlich ernsthaft stellt und mit «wozu eigentlich?» beantwortet.

Noch im Jahr 2018, also rund dreizehn Jahre nach Zulassung, steht in einem Sachstandsbericht der European Food Safety Authority: «The metabolism of 1-methylcyclopropene in plants was not investigated.» Dreizehn Jahre Zulassung. Der Metabolismus des Stoffes in den behandelten Pflanzen – also das, was im Inneren des Apfels mit der Chemikalie passiert, welche Zwischenprodukte entstehen und was diese mit dem Menschen machen, der sie isst – wurde nicht untersucht. Nicht weil es keine Fragen gab. Sondern weil radioaktive Spuren, die in einem einzigen Experiment gefunden wurden, so gering waren, dass die Suche nach Metaboliten eingestellt wurde.

Ein Experiment. Ein. Und danach: Keine Daten gleich keine Gefahr. Das ist nicht Wissenschaft. Das ist die institutionalisierte Abwesenheit von Neugier, wenn Neugier geschäftsschädigend wäre.

Auch über den Effekt, den 1-Methylcyclopropen auf die Umwelt, die Nahrungskette, den Boden, die Gewässer und das Trinkwasser hat, in die es freigesetzt wird, hat man sich keine Sorgen gemacht, die gross genug gewesen wären, die Zulassung zu verweigern. Keine Daten, keine Gefahr. Ein Prinzip, das in der Pharmaindustrie, der Lebensmittelindustrie und der Chemieindustrie so verlässlich angewendet wird, dass man es mittlerweile als offizielles Regulierungsmodell bezeichnen könnte.

Das Ergebnis ist ein Supermarktsystem, in dem Frische eine Marketingkategorie ist, kein biologischer Zustand. In dem ein Apfel ein Jahr alt sein kann und wie frisch gepflückt aussieht. In dem der Verbraucher für ein Erlebnis zahlt, das nicht existiert – für Geschmack, der entfernt wurde, für Reife, die arretiert wurde, für Frische, die simuliert wird. Und in dem die Behörde, die das prüfen sollte, dreizehn Jahre nach Zulassung noch nicht weiss, was der Stoff im Inneren der behandelten Frucht anrichtet.

Handelsnamen wie SmartFresh, AgroFresh, Harvista, Ripe Lock, Ethylbloc oder Fysium klingen nach Innovation, nach Fortschritt, nach der Lösung eines Problems. Das Problem, das sie lösen, ist die Ungeduld des Marktes mit der Biologie. Der Apfel im Supermarkt ist schön. Er ist makellos. Er riecht nach nichts. Er schmeckt nach nichts. Und er ist, mit hoher Wahrscheinlichkeit, ein Jahr alt. Guten Appetit…

Der frische Apfel ist nicht frisch - er ist ein Jahres alt und chemisch eingefroren

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