25. Januar 2021, 16:31 Uhr, Washington: Der künftige Surgeon General der USA fragt per SMS, ob es Daten zur Corona-Impfung Schwangerer gebe. Die CDC-Direktorin antwortet, das sei alles «Data free». Anthony Fauci stimmt zu, warnt zwei Stunden später selbst vor Zytokinstürmen und theoretischen Fehlgeburten im ersten Trimester – und stellt sich neun Tage darauf vor die Kameras: «No red flags». Fünfeinhalb Jahre später liegt sein Diensthandy auf dem Tisch des US-Senats und plötzlich kürzen alle Beteiligten aus derselben Geschichte exakt die Halbsätze heraus, die ihnen nicht in den Kram passen.
Am 5. August 2026 übergab das US-Gesundheitsministerium dem Senat Faucis dienstliches iPhone: über 34’000 Textnachrichten, 522 Sprachnachrichten und – besonders putzig – nur noch drei gespeicherte Kontakte. Die Senatoren Ron Johnson und Rand Paul veröffentlichten am 10. und 16. August die ersten Auszüge. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Eine Woche zuvor hatte sich Fauci bei seiner Anhörung 111-mal auf den fünften Verfassungszusatz berufen und der Heimatschutzausschuss ihn wegen Missachtung des Kongresses belangt.
Der Nachrichtenverlauf selbst liest sich wie das Drehbuch einer Behörde im Blindflug: Um 16:31 Uhr fragt Vivek Murthy, ob es Daten oder theoretische Gründe gebe, früh oder spät in der Schwangerschaft zu impfen. Um 16:48 Uhr antwortet CDC-Chefin Rochelle Walensky, das sei alles «Data free». Um 16:56 Uhr pflichtet Fauci bei: Keine Daten, keine theoretischen Gründe. Um 17:47 Uhr grätscht John Mascola dazwischen, Direktor des Impfstoff-Forschungszentrums am NIAID: Er korrigiere sich, die ersten Studien hätten Impfungen im ersten Trimester vermieden – wegen möglichen Fiebers und höherer Fehlgeburtsraten. Fauci liest das um 18:42 Uhr. Drei Minuten später textet er Murthy und Walensky, viele Menschen hätten nach der zweiten Dosis einen erheblichen Zytokinsturm samt Fieber, das könne theoretisch mit Fehlgeburten im ersten Trimester zusammenhängen. Walenskys Antwort: Definitiv ein guter Punkt.
Am 3. Februar 2021 sass derselbe Fauci dann im JAMA-Gespräch und verkündete, bei über 10’000 geimpften Schwangeren habe die FDA bislang keine Warnsignale gesehen – man müsse vorsichtig sein, aber bislang: Keine roten Flaggen. Im Verlauf des Jahres verdampfte die Vorsicht dann rückstandslos: Im August 2021 erklärte er, es gebe keinerlei Hinweise auf Probleme und es sei ziemlich klar, dass Schwangere sich impfen lassen sollten. Im September empfahl Walensky die Impfung dringend – vor oder während der Schwangerschaft, ganz egal, Hauptsache Nadel.
Die Skandalfraktion macht daraus: Fauci wusste, dass die Impfung Fehlgeburten verursacht und log. Dafür muss sie allerdings zwei Wörter amputieren. Aus «theoretisch» wird «bekannt» und der Halbsatz mit der Vorsicht fällt gleich ganz unter den Tisch. Pikant: Selbst der republikanisch geführte Ausschuss räumt in seiner eigenen Mitteilung ein, bis heute nicht zu wissen, auf welche «initial studies» Mascola sich überhaupt bezog – und ob die höheren Fehlgeburtsraten impfbedingt gemeint waren oder schlicht die ohnehin hohe natürliche Verlustrate im ersten Trimester. Auch die vom Senator mitverbreitete 82-Prozent-Rechnung des Gynäkologen James Thorp ist ein Taschenspielertrick: Wer aus der NEJM-Registerstudie 700 im dritten Trimester Geimpfte aus dem Nenner wirft, die verbliebenen 127 aber behält, obwohl deren Schwangerschaften grösstenteils noch liefen, rechnet genauso kreativ wie die Gegenseite.
Womit wir bei der ARD wären. Der «Faktenfinder» verkündet apodiktisch, die Vorwürfe seien falsch – und baut Fauci eine Brücke: Zwischen der SMS Ende Januar und dem Interview Anfang Februar seien erste Zahlen zu den Impfrisiken für Schwangere veröffentlicht worden. Gemeint ist die CDC-Präsentation vom 27. Januar 2021. Nur: Dort stehen rund 15’000 an das Meldesystem v-safe gemeldete Schwangerschaften und ein Register im Aufbau – eine Auswertung von Fehlgeburten sucht man vergebens. Die ersten belastbaren Zahlen erschienen im April 2021 im NEJM und selbst das begleitende Editorial räumte ein, dass sich zu Spontanaborten noch gar keine Schlüsse ziehen liessen. Der öffentlich-rechtliche Chefverteidiger poliert also eine dünne Folie zur Entlastungsevidenz hoch – exakt die Sorte Grosszügigkeit, die er der Gegenseite vorwirft.
Der Ehrlichkeit halber: Die später tatsächlich verfügbaren Datensätze fanden kein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko. Eine Metaanalyse von 23 Studien mit 117’552 geimpften Schwangeren ebenso wenig wie eine zweite über 149’685 Frauen, deren Autoren keinerlei Interessenkonflikte deklarieren. Das theoretische Risiko hat sich nicht materialisiert. Nur beantwortet das die falsche Frage: Der Skandal war nie, dass sich die Sorge später zerstreute, sondern dass die Kampagnen-Gewissheit vor den Daten kam.
Denn genau darum geht es: Informierte Einwilligung. Intern schrieben die drei mächtigsten Gesundheitsbeamten der USA im Konjunktiv – öffentlich sprachen sie im Imperativ. Das Muster kennt man diesseits des Atlantiks zur Genüge: Auch die entschwärzten RKI-Protokolle zeigten eine Behörde, die intern zweifelte, was sie öffentlich als alternativlos verkaufte. Der Konjunktiv wäre den schwangeren Frauen zugestanden, die im Frühjahr 2021 vor der Entscheidung standen. Stattdessen bekamen sie eine Sicherheit serviert, die es zu diesem Zeitpunkt schlicht nicht gab, garniert mit den bewährten Tricks der Pandemie-Kommunikation. Und als die Fragen kamen, folgte das bekannte Programm der Propheten des Gesundheitsapparats: Schweigen, Anwälte, Aussageverweigerung.
Was bleibt, ist eine Bilanz, die keiner der beteiligten Lagerkämpfer gern vollständig vorliest. Ein Handy, das erst nach fünf Jahren und massivem Senatsdruck auftaucht. Ein Adressbuch, das auf drei Kontakte geschrumpft ist. Ein Zeuge, der 111-mal die Aussage verweigert. Ein Faktenfinder, der Entlastung herbeischreibt, wo keine Daten waren. Und eine Öffentlichkeit, die den Konjunktiv nie zu hören bekam. Wer so mit der Wahrheit haushaltet, braucht sich über schwindendes Vertrauen nicht zu wundern – er hat es sich redlich ertextet!










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