Es gibt Unternehmen, die verkaufen Träume. Es gibt Unternehmen, die verkaufen den Tod. Und dann gibt es jene seltene Gattung, die beides im selben Prospekt anbietet und das Doppelpack mit dem entzückendsten Euphemismus der Branche adelt: «Dual-Use».

Destinus, 2021 im waadtländischen Payerne gegründet, trat einst mit einer Vision an, die man eigentlich nur noch verfilmen müsste: Ein Hyperschallflieger für 400 Passagiere, Mach fünf, in zwölf Stunden um den halben Planeten. Frühstück in Zürich, Abendessen in Sydney, dazwischen ein wenig Wasserstofftechnologie und ganz viel Zukunftsgesäusel. Vier Jahre später fertigt dieselbe Firma in industriellem Massstab Langstreckendrohnen und Marschflugkörper, deren einziger Reiseplan darin besteht, irgendwo einzuschlagen. Vom Passagierjet zum Sprengkopf in Rekordzeit – das nennt man dann wohl Disruption.

Erst Käse, dann Marschflugkörper: Die Schweiz entdeckt ein neues Exportgut

Das zivile Feigenblatt
Offiziell ist Destinus bis heute ein reines Technologieunternehmen: Antriebstechnik, kryogener Flüssigwasserstoff, Luftfahrt von übermorgen. Von Kampfdrohnen kein Wort, von Sprengköpfen kein Sterbenswörtchen. Das französische Wirtschaftsmagazin «Challenges» verglich das Konstrukt mit Janus, dem zweigesichtigen römischen Gott – ein Gesicht ins Marketing, das andere ins Geschäft. Die zivile Hyperschall-Romanze ist das Schaufenster, dahinter klingelt die eigentliche Kasse. Seit 2023 liefert man die «Lord»-Drohnen mit bis zu 2000 Kilometern Reichweite in den Krieg, anfangs unter strenger Geheimhaltung, montiert teils erst am Zielort, damit auf dem Endprodukt bloss kein verräterisches Herkunftsetikett klebt. «Dual-Use» ist dabei kein Versehen, sondern Methode: Solange ein Sprengkopfträger theoretisch auch Pakete liefern könnte, lässt sich jede Frage nach Verantwortung an der Garderobe abgeben. Man baut Tötungsgerät und tut so, als handle man mit Fahrkarten.

Moral ist eine Standortfrage
Hier wird es lehrreich. Denn Gründer Mikhail Kokorich demonstriert mit beneidenswerter Offenheit, wie das Gewissen der Rüstungsbranche tatsächlich funktioniert: Es richtet sich nach der Exportlizenz. Die Schweizer Neutralität erschwere den Export, liess er wissen – also unschön. Deutschland sei zu restriktiv – also unbrauchbar. Frankreich vergebe Lizenzen leichter – also charmant. Ende 2024 wanderte der Hauptsitz prompt in die Niederlande, ausdrücklich um die lästigen Schweizer Rüstungsexportregeln zu umgehen. Produziert wird ohnehin verteilt über München, Madrid und Hengelo, je nachdem, wo die Behörden am wenigsten genau hinsehen. Das ist keine Standortpolitik, das ist Gewissens-Arbitrage. Bern eröffnete 2024 artig ein Verfahren wegen mutmasslicher Verstösse gegen Neutralitäts- und Exportrecht, dessen Wirkung selbst wohlwollende Beobachter als symbolisch einstufen. Übersetzt: Man rügt mit der einen Hand und winkt mit der anderen durch.

Skalieren,bis der Arzt kommt
Wer das für die Schmuddelecke der Branche hält, unterschätzt den Ehrgeiz gewaltig. Im April dieses Jahres verkündeten Rheinmetall und Destinus die Hochzeit: Ein Gemeinschaftsunternehmen, 51 zu 49, Sitz im niedersächsischen Unterlüss, Name so subtil wie ein Mörserschlag – «Rheinmetall Destinus Strike Systems». Gefertigt werden sollen Marschflugkörper und ballistische Raketenartillerie, abgesetzt an den NATO-Markt und einen «breiten internationalen Markt», wie es in der Mitteilung gesäuselt heisst.

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Destinus bringt eigenen Angaben nach bereits eine Jahresproduktion von über 2000 Marschflugkörpern in die Ehe ein. Als Verkaufsargument dient ausgerechnet, dass die Systeme «kampferprobt» seien – der Marschflugkörper Ruta etwa wird in der Ukraine bereits gegen russische Ziele geflogen. Tote als Gütesiegel, das muss man erst einmal in eine Hochglanzbroschüre giessen. Konzernchef Armin Papperger verspricht die ersten Flugkörper noch vor Jahresende und für 2026 kalkuliert der Konzern selbst ein Umsatzplus von bis zu 45 Prozent auf rund 14,5 Milliarden Euro. Krieg ist kein Drama, Krieg ist eine Wachstumsstory. Jede Leiche, gleich auf welcher Seite, ist am Ende eine Position im Quartalsbericht.

Der Patriot mit der Steuernummer in Dubai
Der Mann hinter dem Ganzen ist kein Karikaturen-Schurke, sondern etwas viel Moderneres: Ein Multimilliardär mit gutem Gewissen und besserem Steuerberater. Russischstämmig, erklärter Putin-Kritiker, von Moskau auf die Terroristenliste gesetzt, den russischen Pass hat er 2024 demonstrativ abgegeben – die politische Haltung sitzt tadellos. Den Wohnsitz hat er trotzdem nach Dubai verlegt, aus rein steuerlichen Gründen, versteht sich. Man kämpft eben am liebsten für die gute Sache, solange die Marge stimmt und das Finanzamt weit genug weg ist. Sein «Baby», wie er die Firma nennt, wird mittlerweile mit über fünf Milliarden Euro bewertet. Babys sind teuer, dieses besonders, denn es frisst nicht Brei, sondern Aufträge.

Gewissen, Modell zum Nachrüsten
Wer in diesem Krieg im Recht ist, kann man lange und bitter wälzen – die Frage ist real. Nur ist sie nicht die Frage, die diese Branche je beschäftigt hätte. Für den Rüstungsmanager existiert kein Aggressor und kein Opfer, es existiert nur Nachfrage. Und die Gewissenlosigkeit liegt nicht darin, eine Seite zu beliefern, sondern darin, das Beliefern selbst zum nüchternen Zahlenspiel zu veredeln, in dem Menschen bloss als Verbrauchsmaterial der jeweils anderen Seite vorkommen. Wer Tod in Serie fertigt, benötigt kein Feindbild, er braucht ein Bestellformular.

Sie tarnen den Sprengkopf als Passagierjet und verkaufen das als Vision. Sie suchen sich den Staat mit dem billigsten Gewissen und nennen das Standortvorteil. Sie schrauben die Stückzahl von Hunderten auf Tausende und nennen das europäische Souveränität. Und am Ende sitzt der Erbauer in Dubai, zählt seine fünf Milliarden und tauft die ganze Tötungsmaschinerie allen Ernstes sein «Baby»!

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