Es gibt eine besondere Sorte Weltuntergangsprophet: den, der recht hat. Pavel Durov, Telegram-Gründer und seit August 2024 Beschuldigter der französischen Justiz, stellte sich Anfang Juni in Oslo vor ein Publikum und eröffnete seine Rede mit dem Satz, das Schiff sei längst in den Eisberg gefahren. Die Freiheit sinke bereits, nur habe es noch keiner gemerkt. Das Unangenehme daran ist nicht die Untergangsstimmung, sondern dass die Faktenlage ihm in fast jedem Punkt Beifall klatscht.
Durovs Lieblingsbild ist die Titanic und er reitet es bis zur letzten Niete aus. Die Passagiere hätten nach dem Aufprall fast zwei Stunden lang nicht von Bord gewollt, weil ein unsinkbares Schiff per Definition nicht sinkt. Die Rettungsboote fuhren halb leer ab. Panik gab es erst in der letzten halben Stunde, als das Wasser schon über den Promenadendecks stand. Genau dort, sagt Durov, befinde sich die freie Welt gerade: am Buffet, mit Champagner in der Hand, während die Schotten volllaufen. Es ist eine schöne Metapher. Sie hat nur den Schönheitsfehler, dass sie ausgerechnet von einem Mann kommt, dessen eigenes Rettungsboot ein Loch im Rumpf hat. Dazu später.
Der Eisberg trägt einen Behördenstempel
Zuerst die Sache mit dem Beifall. Durov listet auf, was westliche Demokratien in den vergangenen Monaten an Massnahmen ausgerollt haben und keine davon ist erfunden. Grossbritannien hat just am 15. Juni ein Verbot von TikTok, Instagram, YouTube, Snapchat, Facebook und X für alle unter 16 angekündigt und Erwachsene dürfen weiter mitspielen, sofern sie sich per digitaler ID, Gesichtsscan, Reisepass oder Kreditkarte ausweisen. Anonymität ist damit kein Recht mehr, sondern eine Funktion, die man freischalten lässt. Australien hat den Kindern den Zugang zu sozialen Netzwerken bereits Ende 2025 per Gesetz untersagt, mit Bussen bis zu rund 49 Millionen australischen Dollar. Und die Europäische Kommission versuchte mit ihrer Chat-Control-Initiative, das Scannen privater Nachrichten zur Pflicht zu machen, notfalls durch Hintertüren in die Verschlüsselung.
Kinderschutz, der keine Kinder schützt
Über allem schwebt das eine Zauberwort, gegen das niemand öffentlich sein darf: Kinderschutz. Wer dagegen ist, ist für die Bösen, so läuft die rhetorische Erpressung. Nur funktioniert der Schutz nicht einmal auf dem Papier. Australiens eigene Aufsichtsbehörde meldete im März 2026, dass sieben von zehn betroffenen Kindern ihre Konten behielten oder sich kurzerhand neue zulegten. Genau das hatte Durov vorhergesagt: Jugendliche umgehen Sperren mit VPNs, landen dabei auf noch dunkleren Kanälen und sind am Ende ungeschützter als vorher. Das Verbot produziert keine Sicherheit, es produziert Statistik. Beim alten EU-Scansystem stammten rund 99 Prozent der Meldungen von Meta allein und ein erheblicher Teil der gemeldeten Chats erwies sich als harmlos. Der Kinderschutz ist also ein Apparat, der Kriminelle laufen lässt und stattdessen Millionen Unbescholtener durchleuchtet. Ein Erfolg, der sich nur an der Zahl der überwachten Bürger messen lässt, nie an der Zahl geretteter Kinder.
Die selektive Tyrannei
Durovs eigentlicher Punkt ist subtiler und sitzt tiefer. Regierungen erlassen so viele widersprüchliche Gesetze, dass praktisch jeder ständig gegen irgendeines verstösst. Der Staat muss dann nur noch auswählen, wen er greift. Wer brav schweigt, bleibt unbehelligt. Wer quersteht, findet plötzlich einen Beamten vor der Tür. Aus eigener Erfahrung kennt Durov das Ergebnis: 2024 holten ihn französische Ermittler bei der Landung seines Privatjets in Le Bourget ab, nachdem er sich geweigert hatte, politische Stimmen zu löschen. Und wer glaubt, sensible Daten lägen beim Staat in sicheren Händen, sollte einen Blick in die Schweiz werfen, wo in der Fedpol ein Maulwurf Zugriff auf genau jene Register hatte, die für die e-ID gebraucht werden. Der Unterschied zur Stasi der 1980er liegt nicht im Wollen, sondern im Können: Was damals Aktenberge und Spitzelnetze benötigte, erledigt heute ein Algorithmus, der jede Nachricht in Echtzeit mitliest und bewertet.
Der Prophet mit dem undichten Boot
So weit hat Durov recht und das macht den Rest umso bitterer. Denn der lauteste Verteidiger der verschlüsselten Privatsphäre betreibt eine App, die standardmässig gar nicht Ende-zu-Ende verschlüsselt. Wer auf Telegram nicht eigenhändig die versteckten Geheimen Chats aktiviert, dessen Nachrichten liegen auf Durovs Servern lesbar herum, Gruppen und Kanäle sowieso. Der Kryptografie-Befund ist eindeutig: Nur ein winziger Bruchteil aller Telegram-Nachrichten ist überhaupt so geschützt, dass der Konzern selbst nicht mitlesen kann. Der Eisberg-Warner verkauft seinen knapp einer Milliarde Nutzern Rettungswesten, die man erst von Hand aufblasen muss und die meisten wissen nicht einmal, dass sie eine besitzen.
Und doch stimmt das Bild vom hilflos sinkenden Schiff nicht ganz. Die Zwangsversion von Chat Control wurde mehrfach versenkt: Eine von Deutschland angeführte Sperrminorität blockierte sie, das Europäische Parlament lehnte die Verlängerung des freiwilligen Massenscannens mit 311 zu 228 Stimmen ab und im April 2026 lief die alte Schnüffel-Erlaubnis ersatzlos aus. Das Schiff hat also noch funktionierende Schotten, demokratische dazu. Das Problem ist nur, dass die Nachfolgeregelung längst im Trilog liegt und das freiwillige Scannen samt Altersverifikation weiterlebt. Die Pumpen laufen, aber die Werft baut schon das nächste Leck.
Was bleibt, ist ein doppelter Hohn. Dass ausgerechnet ein interessierter Zeuge mit löchriger Verschlüsselung die treffendste Diagnose der Gegenwart liefert. Dass der Kinderschutz Kinder gefährdet und Erwachsene registriert. Dass die Passagiere die Warnung hören, kurz aufblicken, dann achselzuckend weiter durchs Buffet scrollen! Durov sagt, es gebe keinen zweiten freien Westen zum Fliehen und kein Rettungsboot in Reserve. Er hat vermutlich recht. Nur wird ihm kaum jemand zuhören, solange der Champagner noch fliesst und das Orchester spielt!









«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







