Es gibt Momente, in denen man glaubt, ein Freund wolle einen auf den Arm nehmen. Ein Bauer erzählt, er dürfe Natron – stinknormales Backpulver, das Zeug aus jedem Supermarktregal – nicht mehr gegen Mehltau spritzen. Stattdessen müsse er dasselbe Pulver kaufen, nur in einer teureren Tüte mit einem Behördensiegel drauf. Man lacht. Dann recherchiert man. Dann lacht man nicht mehr.
Die Faktenlage ist so absurd, dass selbst Brüssel sie nicht hätte erfinden können – hat es aber. Jahrzehntelang streuten Winzer Natriumhydrogencarbonat auf ihre Reben, um Echten Mehltau zu bekämpfen. Billig, harmlos, wirksam, in der EU sauber als sogenannter Grundstoff eingestuft, also als jener Stoff, der eigentlich für die Küche gedacht ist, nebenbei aber Pilze killt. Genau wie Essig, Zucker oder Fruktose. Dann meldete die deutsche Firma Biofa im August 2024 ein Pflanzenschutzmittel an, das fast vollständig aus – Überraschung – Backpulver besteht. Und im März 2025 zog die EU-Kommission die Grundstoff-Zulassung zurück, mit der bürokratischen Logik einer kafkaesken Endlosschleife: Ein Wirkstoff dürfe nicht gleichzeitig Grundstoff und Pflanzenschutzmittel sein. Punkt.
Selber Stoff, sechsfacher Preis, ein Federstrich
Das Resultat können sich selbst Mathematik-Verweigerer ausrechnen: Das klassische Backpulver kostet als Küchenware rund 70 Cent pro Kilo. Dasselbe Natron als zugelassenes Pflanzenschutzmittel namens Natrisan? Etwa das Sechsfache, in manchen Gebinden bis 13 Euro. Die Hersteller begründen den Aufschlag mit den horrenden Kosten des Zulassungsverfahrens – ein Verfahren, das erst nötig wurde, weil jemand das Backpulver durch dieses Verfahren gejagt hat. Eine Schlange, die sich selbst frisst und dem Bauern die Rechnung dafür schickt.
Der Treppenwitz hat noch eine zweite Etage. In allen anderen EU-Ländern darf der Winzer sein günstiges Natron weiter über die Reben rieseln lassen. Nur Deutschland und Österreich müssen das teure Industrieprodukt kaufen, weil ihre Behörden sich weigerten, eine pragmatische Ausnahme zu genehmigen. Und als Biofa selbst versuchte, auch das billige Natriumhydrogencarbonat wieder als Grundstoff durchzudrücken, scheiterte die Klage vor dem EU-Gericht – nicht etwa, weil Backpulver gefährlich wäre, sondern weil das Gericht befand, es gebe schlicht keinen Rechtsanspruch, die Zulassung einzuklagen. Inhaltlich geprüft wurde nichts. Mit einem Federstrich war die Debatte erledigt. Der Apparat benötigt keine Argumente, er benötigt nur einen Stempel.
Die Doppelmoral mit Brief und Siegel
Und während man dem heimischen Bauern wegen eines Küchenpulvers den Geldbeutel leert, unterzeichnete dieselbe EU am 9. Januar 2025 das Mercosur-Abkommen mit Südamerika. Dort, wo allein Brasilien rund 150 Pestizide zulässt, die in der EU verboten sind – und sich der Einsatz in zwanzig Jahren versechsfacht hat.
Daheim wird das harmloseste Hausmittel kriminalisiert, zugleich öffnet man die Tore für Billigfleisch und Futtersoja von Feldern, auf denen Gift gespritzt wird, das hier nicht einmal ins Trinkwasser dürfte. Wer da noch von Verbraucherschutz spricht, glaubt vermutlich auch, dass die Wartezimmer-Politik der EU deiner Gesundheit dient. Wer das Gesamtbild sucht, findet im Mercosur-Hinterzimmer-Beschluss die nächste Etage desselben Gebäudes.
Nennt es Lobbyismus, nennt es Korruption, nennt es Amtsschimmel mit Aktenmappe – das Etikett ist austauschbar geworden, das Ergebnis bleibt. Wenn dasselbe Pulver harmlos ist, solange es in der Schublade liegt, und tödlich wird, sobald ein Bauer es benutzt, dann regiert nicht die Wissenschaft, sondern das Bestellformular. Wer Natron verbietet und Gift importiert, schützt niemanden – er bewirtschaftet eine Maschine, die aus 70 Cent dreizehn Euro macht und das Fortschritt nennt. Die EU ist nicht der Hüter der europäischen Gemeinschaft. Sie ist die Rechnung, die diese Gemeinschaft am Ende bezahlt!










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