Es beginnt, wie immer, unspektakulär. Mit Zahlen, die niemand sehen soll. Ein Medikament, jahrzehntelang verfügbar, erprobt, langweilig günstig. 60 bis 80 Dollar für eine komplette Behandlung. Kein Luxus, kein Mythos, einfach Medizin. Und dann, eines Morgens, kostet derselbe Wirkstoff plötzlich mehrere Tausend Dollar. In einem dokumentierten Fall knapp 24’000 Dollar für 28 Tage. Kein neuer Prozess, keine Innovation, kein Goldstaub im Wirkstoff. Nur ein neues Einsatzgebiet. Und ein neues Geschäftsmodell.
Willkommen in der Welt der Pharmaindustrie, wo Ethik endet, sobald sie die Bilanz stört.
Was hier passiert, ist kein Zufall, kein Marktfehler, kein bedauerlicher Ausrutscher. Es ist ein Muster. Immer dasselbe Drehbuch. Sobald ein alter Wirkstoff plötzlich in einem Kontext auftaucht, der echtes Geld verspricht, Krebs zum Beispiel, wird er vom medizinischen Aschenputtel zur Goldgrube. Der Stoff bleibt identisch. Die Verpackung nicht. Der Preis explodiert.
Parallel zu diesen Preissprüngen tauchten Studien auf. Unangenehme Studien. Beobachtungen, Auswertungen, klinische Hinweise. Sie zeigten, dass bestimmte antiparasitäre Wirkstoffe bei einzelnen Krebsarten teils bessere Ergebnisse erzielten als etablierte Standardtherapien. Brustkrebs. Prostatakrebs. Ovarialkarzinome. Besonders dort, wo die Schulmedizin seit Jahrzehnten erklärt, man habe «leider keine guten Optionen», wurde es plötzlich interessant. Oder gefährlich. Je nach Perspektive.
Ein Name tauchte immer wieder auf: Ivermectin. Ein alter Bekannter. Entwickelt in den 1970er-Jahren, millionenfach eingesetzt gegen parasitäre Erkrankungen in ärmeren Regionen. Günstig. Wirksam. Gut erforscht. Patentfrei. Nobelpreis 2015. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Eigentlich.
Denn Ivermectin hatte einen entscheidenden Fehler: Es gehört niemandem mehr. Kein exklusives Patent, keine Monopolrendite. Und genau das macht es aus Sicht der Industrie problematisch. Studien zeigten Effekte auf Zellteilung, Signalwege, Tumorüberleben, sogar antivirale Eigenschaften. Nichts davon esoterisch. Biologisch nachvollziehbar. Wiederholt beobachtet. Aber wirtschaftlich unerquicklich.
Ähnlich wie Fenbendazol. Ebenfalls ein Antiparasitikum. Ursprünglich Veterinärmedizin. Wirkt auf Mikrotubuli, also exakt jene Zellstrukturen, die auch klassische Chemotherapien angreifen. Dass damit nicht nur Würmer, sondern auch Krebszellen gestört werden können, ist kein Wunder, sondern Lehrbuchbiologie. Trotzdem gilt: Sobald der Wirkstoff aus dem Stall in den Behandlungsraum rückt, wird er plötzlich «problematisch». Nicht wegen der Wirkung. Wegen der fehlenden Rendite.
Und jetzt wird es interessant. Denn kaum taucht ein alter Wirkstoff in einem neuen therapeutischen Zusammenhang auf, regnet es Patente. Nicht auf den Stoff, sondern auf Anwendungen, Dosierungen, Kombinationen. Juristische Alchemie. Aus billig wird exklusiv. Aus zugänglich wird elitär. Aus Therapie wird Produkt.
In den USA und Grossbritannien dürfen Ärzte solche Wirkstoffe off-label einsetzen. Sie tragen die Verantwortung. Sie entscheiden individuell. In Deutschland hingegen wird blockiert, reguliert, abgewiegelt. Erkenntnisse existieren, Anwendung wird verhindert. Nicht aus Sicherheitsgründen, sondern aus Struktur. Und Struktur ist immer politisch.
Die Pharmaindustrie verkauft sich gern als Retterin der Menschheit. Forschung. Innovation. Fortschritt. Das klingt gut. Und ja, moderne Medizin rettet Leben. Aber sie tut es selektiv. Dort, wo es sich rechnet. Alte Wirkstoffe ohne Patent sind kein Fortschritt, sondern ein Geschäftsrisiko. Also werden sie marginalisiert, diskreditiert oder preislich kastriert.
Dass ähnliche Wirkprinzipien seit Jahrhunderten in Pflanzen genutzt werden, passt ins Bild. Artemisia annua. Graviola. Pau d’Arco. Beifuss. Schöllkraut. Thymian. Keine Patente. Keine Monopole. Also keine Begeisterung. Traditionelle Medizin wird romantisiert oder belächelt, aber selten ernsthaft integriert. Nicht, weil sie unwirksam wäre. Sondern weil sie sich schlecht kontrollieren lässt.
Das eigentlich Menschenverachtende daran ist nicht einmal der Preis. Es ist die Logik dahinter. Heilung wird nicht danach bewertet, ob sie wirkt, sondern ob sie verwertbar ist. Wissen wird nicht gefördert, sondern gefiltert. Alles, was nicht ins ökonomische Raster passt, wird zur Randnotiz erklärt.
Es geht hier nicht um Lagerdenken. Nicht um «Schulmedizin gegen Alternativmedizin». Das ist eine künstliche Front. Es geht um Ehrlichkeit. Um den Mut, Studien und Erfahrungen zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn sie unbequem sind. Und um die Frage, wem Gesundheit eigentlich gehört.
Schweigen ist bequem. Nachfragen ist gefährlich. Aber ohne Fragen gibt es nur Narrative. Und Narrative sind für Konzerne immer billiger als Heilung.
Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung. Er ersetzt auch keine Forschung. Er soll nur eines tun: Den Blick heben. Weg vom Preisschild. Hin zur Struktur. Denn wer verstehen will, warum alte Wirkstoffe plötzlich stören, muss nicht in die Medizin schauen. Sondern in die Bücher der Industrie.


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








