Es gibt eine besondere Qualität der Ironie, die nur das echte Leben produzieren kann. Keine Satire-Redaktion der Welt hätte sich das ausgedacht: Die Frau, die während der Corona-Jahre der deutschen Bevölkerung Lektionen in Verantwortung, Wissenschaftstreue und moralischer Integrität erteilte – deren eigene wissenschaftliche Grundlagen gerade auf ihre Existenz geprüft werden. Alena Buyx. Ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Öffentliches Gewissen der Nation in Pandemiezeiten. Ungeimpfte wurden unter ihrer moralischen Aufsicht gesellschaftlich sortiert, Kritiker abgewertet, Joshua Kimmich öffentlich abgekanzelt. Die Botschaft war stets dieselbe: Wer zweifelt, ist unverantwortlich. Wer fragt, gefährdet andere. Wer nicht mitmacht, hat ein Erkenntnisproblem. Jetzt hat Buyx ein Erkenntnisproblem. Ein sehr konkretes.
Der verschwundene Meistertitel
Die Dissertation steht unter Plagiatsverdacht – das allein wäre bereits eine Geschichte. Aber der eigentliche Knaller ist die Habilitation, jene wissenschaftliche Qualifikation, die den Professorentitel erst möglich macht. Prof. Homburg hat es dokumentiert: Die Universität hat diese Habilitationsschrift nicht gefunden. Nicht verlegt. Nicht falsch abgelegt. Nicht gefunden. Buyx löste das Problem auf eine Weise, die man sich für einen Roman ausdenken würde: Sie legte ein Exemplar aus ihrem Privatbesitz vor. Privatbesitz!
Das Werk, das ihre akademische Qualifikation als Professorin begründet, existiert institutionell offenbar nirgends. Keine Archivierung. Keine Veröffentlichung. Kein Nachweis. Nur ein Exemplar im heimischen Regal, herausgezogen wie ein Kassenbon aus der Jackentasche – und damit, so die implizite Botschaft, sei die Sache nun wohl erledigt. Prof. Homburg formuliert es mit der Präzision, die dem Fall gebührt: Dissertationen und Habilitationsschriften, die etwas taugen, werden veröffentlicht. Ramsch wird zumindest archiviert. Bei Buyx und – man beachte die Gesellschaft – bei Drosten verschwanden die Arbeiten spurlos. Und Lauterbach? Auch dort gibt es, sagen wir, Auffälligkeiten in diesem Zusammenhang. Die Liste der akademischen Geisterwerke der Corona-Expertenkaste ist offenbar länger als ihre Publikationsliste.
Der Handwerksmeister-Vergleich
Stellen wir uns vor – rein hypothetisch –, ein Elektriker bewirbt sich um einen Grossauftrag. Er tritt als Autorität auf, belehrt Kollegen über Pfusch, erklärt der Öffentlichkeit, wem man vertrauen darf und wem nicht und fordert, dass alle seinen Anweisungen folgen – für ihre eigene Sicherheit. Dann fragt jemand: Können Sie Ihren Meistertitel vorlegen?
Antwort a: Die Unterlagen sind gerade nicht auffindbar.
Antwort b: Die Meisterprüfungsarbeit ist nirgends archiviert und wurde auch nicht veröffentlicht.
Antwort c: Aus dem Privatregal wird schliesslich ein loses Exemplar gezogen und erklärt, damit sei nun wohl alles geklärt.
Kein vernünftiger Mensch würde diesen Elektriker ans Stromnetz lassen. Beim Statiker, der Brücken berechnet, würde dieselbe Antwort zu sofortigem Berufsverbot führen. Beim Fliesenleger würde man zumindest skeptisch nachfragen. Bei der Vorsitzenden des nationalen Ethikrats, die Millionen Menschen in ihrer Lebensführung beeinflusste, gelten offenbar andere Massstäbe.
Die Expertenkaste und ihre Evidenz
Buyx ist kein Einzelfall – sie ist Symptom. Die Corona-Jahre haben eine Expertenkaste produziert und zelebriert, deren Verhältnis zur eigenen Fachlichkeit mindestens so flexibel war wie ihre Aussagen zur Wirksamkeit von Massnahmen.
Da wäre der Kollege, der 2020 erklärte, Masken hätten entweder keine oder fast keine Evidenz in der Literatur – und später das genaue Gegenteil verkündete, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Derselbe, der ernsthaft argumentierte, wer durch Infektion sein Immunsystem trainieren wolle, müsse konsequenterweise auch glauben, durch ein Steak seine Verdauung zu trainieren. Ein Satz, der in seiner Absurdität so selbsttragend ist, dass jeder Kommentar ihn nur schwächt.
Oder der Virologe, dessen berühmteste Beiträge zur öffentlichen Debatte Aussagen über Aerosole umfassten, die sich über Toiletten in obere Stockwerke verbreiten. Und Politiker, die von 360-Grad-Drehungen sprachen und Rohren, die in die Luft schiessen. Das war die Expertenkaste, der man bedingungslos zu vertrauen hatte. Wer zweifelte, war Verschwörungstheoretiker. Wer fragte, gefährdete Menschen.
Die groteske Fallhöhe
Was diesen Fall über normale akademische Unregelmässigkeiten hinaushebt, ist die Dimension der Selbstinszenierung. Buyx hat nicht stillschweigend im Hintergrund gearbeitet. Sie hat die Bühne gesucht, die Kamera gefunden und das Mikrofon gehalten – um anderen zu erklären, wer integer ist und wer nicht, wer Verantwortung trägt und wer sich drückt, wer die Wissenschaft respektiert und wer sie missbraucht.
Dass ausgerechnet diese Person nun erklären muss, warum ihre wissenschaftlichen Grundlagenwerke institutionell nicht existieren, hat eine Qualität, für die das Deutsche keine einzelne Vokabel bereithält. Das Englische kennt den Begriff «poetic justice». Es reicht kaum.
Das eigentliche Problem ist nicht Buyx. Das eigentliche Problem ist das System, das solche Figuren produziert, hochspült, mit Sendezeit ausstattet und mit Autorität bekleidet – ohne je nach dem Meistertitel zu fragen… bis jemand fragt.


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








