Seit über 175 Jahren bekämpft die Schulmedizin den Krebs mit demselben durchschlagenden Erfolg, mit dem eine Feuerwehr jenes Feuer löscht, das sie selbst gelegt hat. Die Fallzahlen steigen, die Budgets steigen, die Heilung lässt auf sich warten — und ausgerechnet der Apparat, der uns das grosse Ganze erklären müsste, hat dieses grosse Ganze vor 110 Jahren in 826 Seiten dokumentiert, eingesargt und seither sorgfältig totgeschwiegen.
Ein Versicherungsmathematiker findet eine Goldgrube
Im Jahr 1915 veröffentlichte Frederick L. Hoffman, Statistiker der Prudential Insurance Company, ein Werk mit dem unbescheidenen Titel «The Mortality from Cancer Throughout the World». 826 Seiten, Sterberegister aus über dreissig Ländern und ein Befund, der bis heute unbequem bleibt: Die Krebssterblichkeit in der sogenannten zivilisierten Welt stieg real, Jahr für Jahr um ein bis zwei Prozent und liess sich mit keinem einzigen bequemen Argument wegrechnen. Nicht mit der alternden Bevölkerung, nicht mit besserer Diagnostik, nicht mit beruflicher Schadstoffbelastung. Hoffman prüfte jede Ausrede des Establishments und verwarf sie eine nach der anderen. Von unter fünfzehn Fällen pro 100’000 Menschen im frühen neunzehnten Jahrhundert auf rund 500 heute — eine Steigerung um etwa 2000 Prozent. Wer einen solchen Anstieg ernsthaft als uralte Geissel der Menschheit verkauft, hat entweder nicht gerechnet oder hofft inständig, dass du es nicht tust.
Der reiche, weisse, weibliche Krebs
Noch absurder wird es im Detail. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war der Krebs vorwiegend eine Krankheit der weissen, wohlhabenden Frau — jener Klientel also, die nie eine Fabrikhalle von innen sah. Die Schornsteinfeger, Teerarbeiter und Bergleute, die täglich in Blei, Arsen und Russ wateten, kamen auf kaum mehr als zwei Dutzend Fälle pro 100’000. Die müssige Dame im Salon lag darüber. Eine angeblich uralte Geissel, die ausgerechnet Reichtum, helle Haut und Müssiggang bevorzugt — und die unter den sogenannten primitiven Völkern ohne jeden Zugang zu moderner Medizin praktisch nicht vorkam. Seltsam wählerisch für eine Naturkatastrophe.
Wie aus der Angst eine Industrie wird
Zwei Jahre zuvor, am 9. Mai 1913, hielt Hoffman vor der American Gynecological Society eine Rede mit dem entzückenden Titel «The Menace of Cancer» — die Bedrohung durch den Krebs. Aus dieser Drohbotschaft erwuchs die American Society for the Control of Cancer, die später schlicht zur American Cancer Society wurde. Gegründet also vom Statistiker eines Lebensversicherers. Und ein Lebensversicherer verdient an genau einer Emotion: Angst. Je bedrohlicher, je rätselhafter, je heimtückischer aus heiterem Himmel zuschlagend die Krankheit wirkt, desto besser verkaufen sich die Policen an die zahlungskräftige Klientel. Prudential verteilte den Wälzer gratis an medizinische Bibliotheken und an die gesamte Ärzteschaft — als nationale Aufklärung verkauft, im eigenen Bericht nüchtern als Propaganda bezeichnet. Man muss der Branche lassen: Sie hat das Geschäft mit der Furcht industrialisiert, lange bevor irgendein PR-Berater das Wort Pandemie buchstabieren konnte.
Der Verdrängungstrick, der bis heute läuft
Widerspruch gab es natürlich — und zwar exakt den passenden. 1922 erklärte der Biologe Raymond Pearl in «The Biology of Death», Hoffman übertreibe masslos: Der Anstieg sei vorwiegend ein Artefakt der alternden Bevölkerung und der besseren Diagnostik. Dieser Beschwichtigungsreflex ist bis heute die Standardausrede, sobald eine Statistik unbequem wird. Der Chirurg Charles Childe hatte schon 1906 in «The Control of a Scourge» auf einem echten Anstieg beharrt — geschenkt, der Streit war nie wirklich offen, er wurde nur stillgelegt. Wobei Ehrlichkeit in beide Richtungen gilt: Wer dem offiziellen Achselzucken eine einzige, monokausale Wunderursache entgegenhält und «es sind die Impfungen» zur fertigen Wahrheit erklärt, verkauft am Ende dieselbe Gewissheit aus einem anderen Laden. Eine simple Antwort auf ein 175-jähriges Rätsel ist genauso verdächtig wie das ewige Wir-wissen-es-nicht.
175 Jahre später: Achselzucken in HD
Und heute? Im Jahr 2024 meldet eine Studie in «The Lancet Public Health», federführend verfasst von keiner Geringeren als der American Cancer Society höchstselbst, dass die Raten bei siebzehn von vierunddreissig Krebsarten in immer jüngeren Geburtsjahrgängen weiter klettern. Das Urteil der Forscher zur Ursache: Keine klare Erklärung. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen. Die Institution, die aus der Angst vor dem Krebs geboren wurde, zuckt nach 175 Jahren noch immer mit den Schultern — nur dieses Mal in Hochauflösung. Dass die Krankheit ausgerechnet die Jungen frisst, die nie eine Fabrikhalle von innen gesehen haben, hat dieser Blog dokumentiert, als es noch als Spinnerei abgetan wurde. In die Lücke, die das offizielle Schweigen reisst, drängen prompt die Gegenpropheten mit ihren eigenen Gewissheiten. Und das beruhigende «keine spezifischen Komplikationen» wird mit derselben Inbrunst durchgewunken, mit der man jahrelang auch Impfnebenwirkungen wegerklärte — oder werden, wie schon damals, am Ende einfach die Zahlen umetikettiert?
Dass eine Lebensversicherung den Kampf gegen den Krebs erfindet, ist kein zynischer Verdacht, sondern ein dokumentiertes Geschäftsmodell. Dass derselbe Apparat 110 Jahre später noch immer ratlos die Achseln zuckt, ist kein Versagen, sondern Methode. Dass die einzige Bilanz, die das grosse Ganze zeigt, in einem 826-seitigen Friedhof aus dem Jahr 1915 verschüttet liegt und langsam aus den Archiven verschwindet, ist genau die Sorte Fortschritt, die man uns andrehen will. Denn ein System, das von der Angst vor einer Krankheit lebt, hat nie ein Interesse an ihrem Ende — es schürt die Furcht, kassiert die Prämie, verwaltet das Sterben und nennt dies «Forschung»!








«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







