Es gibt Arbeitseinsätze, die so elegant getarnt sind, dass die Belegschaft nicht nur gratis schuftet, sondern auch noch dafür bezahlt, mitmachen zu dürfen. Rund 143 Millionen Menschen liefen auf dem Höhepunkt des Wahns jahrelang durch Strassen, Parks und Hinterhöfe, hielten ihr Smartphone in die Gegend und filmten Hausfassaden, Kreuzungen und Laternenmasten – im festen Glauben, sie würden niedliche Taschenmonster jagen.
Was sie wirklich taten, war etwas anderes: Sie kartierten den Planeten. Bodennah, hochauflösend, Strasse für Strasse, Türschwelle für Türschwelle. Die Firma hinter dem Hype hat inzwischen offen eingeräumt, dass aus diesem Spass ein Datensatz von rund 30 Milliarden Bildern gewachsen ist, aufgenommen auf Augenhöhe in nahezu jeder Grossstadt der Welt. Kein Satellit liefert so etwas. Kein Vermessungstrupp der Welt hätte das je bezahlen können. Man brauchte nur ein Spiel, ein Belohnungssystem und die schlichte menschliche Unfähigkeit, eine Beute auszuschlagen.
Das beste Geschäftsmodell ist eines, in dem die Ware sich selbst sammelt
Die Mechanik ist von obszöner Schönheit. Wer einen sogenannten Pokéstop scannte, drehte eine 360-Grad-Runde mit der Kamera und kassierte ein paar virtuelle Items. Im Kleingedruckten räumte er der Firma dabei eine übertragbare, unterlizenzierbare Lizenz an seinen Aufnahmen ein – Juristendeutsch für: Wir dürfen das verkaufen, an wen wir wollen, so oft wir wollen. Niemand las das. Alle klickten. Es war ja nur ein Spiel.
Aus diesen Schnipseln baute Niantic Spatial, die Mapping-Abteilung, ein Visual Positioning System. Während GPS in dichten Häuserschluchten versagt, weil Hochhäuser das Satellitensignal verschlucken, gleicht dieses System den Live-Kamerablick einer Maschine mit dem gigantischen Bildarchiv ab und weiss so zentimetergenau, wo sie steht. Zwei wiedererkennbare Punkte von wenigen Pixeln Breite genügen. Gebaut hat das unter anderem ein Mitschöpfer von Google Earth – was uns elegant zur Frage führt, woher dieser ganze Apparat eigentlich stammt.
Vom Spielzeug zur Pizza zur Drohne
Zunächst die harmlose Variante: Der Datenschatz steuert heute die rund 1000 Lieferroboter der Firma Coco Robotics, die in Los Angeles, Chicago, Miami und Helsinki durch die Gegend rollen und dafür sorgen, dass der Burger nicht beim Nachbarn landet. Eine rührende Anwendung. Millionen Menschen haben die Welt vermessen, damit ein Roboter den richtigen Hauseingang findet.
Doch es bleibt nicht beim kalten Burger. Im Dezember 2025 verkündete dieselbe Mapping-Abteilung eine Partnerschaft mit Vantor, dem Rüstungs- und Geheimdienstkonzern, der bis Oktober 2025 noch Maxar Intelligence hiess und als Hauptauftragnehmer der National Geospatial-Intelligence Agency rund 400’000 Regierungsnutzer beliefert. Gemeinsam will man Boden- und Luftnavigation verschmelzen, für Operationen, in denen GPS gestört, gefälscht oder vollständig blockiert ist. Übersetzt: für Militärdrohnen, die fliegen sollen, wenn der Gegner das Signal jammt. Ein niederländischer Spieler, der schon am ersten Tag dabei war und sogar das Innere seiner eigenen Wohnung gescannt hatte, fasste seine Erkenntnis nüchtern zusammen: Er habe doch nur ein Spiel gespielt.
Der Stammbaum riecht nach Schiessöl
Wer das für einen unglücklichen Zufall hält, hat die Familiengeschichte nicht gelesen. Niantic wuchs aus Keyhole heran, einer Kartierungsfirma, die 2003 Geld von In-Q-Tel nahm – dem Wagniskapitalarm der CIA. Eine Mitteilung aus jenem Jahr pries Keyholes Dienste ausdrücklich als Unterstützung für US-Truppen im Irakkrieg an. Google kaufte den Laden ein Jahr später, der Keyhole-Chef leitete fortan Google Maps, Earth und Street View, gründete intern Niantic und spann es 2015 wieder aus. Dieselbe Logik, dieselben Hände, nur ein neues, knuddeligeres Etikett. Wer sich an die In-Q-Tel-Finanzierung anderer Datenkonzerne erinnert, kennt das Muster bereits bis zur Übelkeit.
2025 spaltete sich die Sache erneut. Das Spielgeschäft inklusive der Marke ging für 3,5 Milliarden Dollar an Scopely, das einem saudischen Staatsfonds gehört. Die Karte aber blieb beim Gründer. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Das Spiel wanderte zum Golfstaat, dessen Menschenrechtsbilanz Human Rights Watch als verheerend beschreibt – und der eigentliche Schatz, die dreidimensionale Vermessung der bewohnten Erde, ging an die Rüstung.
Die Einwilligung war echt, das Verständnis nicht
Natürlich beteuern alle Beteiligten, niemand habe getäuscht. Die Scans seien freiwillig gewesen, opt-in, sauber lizenziert. Stimmt sogar. Genau das ist der Witz. Es brauchte keinen Zwang, keinen Hack, keine heimliche Wanze. Es genügte ein Belohnungsreiz und ein Häkchen in Absatz siebenundvierzig, das niemand liest – exakt dieselbe Methode, mit der man sich seit Jahren den eigenen Überwachungsapparat in die Hosentasche steckt. Ein Ethiker der TU Delft brachte es auf den Punkt: Ohne die schiere Masse dieser Gamer-Scans wäre die Entwicklung nie so schnell vorangekommen. Und sobald ein Scan einmal im Modell verbacken ist, lässt er sich nicht mehr herauslösen, was jedes Dementi der beteiligten Firmen praktischerweise unwiderlegbar macht.
Es ist die perfekte Form der Ausbeutung: Sie kostet den Konzern nichts, sie fühlt sich für die Ausgebeuteten wie Freizeit an und sie hinterlässt keine Spur, die sich vor Gericht beweisen liesse. 143 Millionen Freiwillige haben ein Vermögen erschaffen, an dem sie nie einen Rappen verdienen werden.
Man hat ihnen nie gesagt, dass das Spiel die Arbeit war. Man hat ihnen einen Köder hingelegt und sie haben die Welt vermessen, um ihn zu schnappen. Man verkauft das Ergebnis nun an Staatsfonds und Rüstungskonzerne und nennt es immer noch ein harmloses kleines Spiel. Und das Schlimmste ist nicht, dass es passiert ist – das Schlimmste ist, dass die nächste Generation Köder bereits in deiner Brille, deinem Auto und deinem Wohnzimmer sitzt und du sie freiwillig einschalten wirst!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







