Es gibt Momente, in denen die Heuchelei so verdichtet auftritt, dass sie fast schon ästhetisch wirkt. Dieser ist einer davon. Ein Bundesrichter in Boston hat Robert F. Kennedy Jr. gestoppt. Die geplante Sitzung des Impfgremiums ACIP wurde eingefroren, die neu ernannten Mitglieder dürfen vorerst nicht arbeiten und Änderungen am US-Kinderimpfplan liegen auf Eis. Geklagt haben die American Academy of Pediatrics und weitere Ärzteverbände – jene Institution also, die während der Covid-Jahre mit bemerkenswerter Konsequenz jeden Zweifel an der Impfpolitik als gefährliche Desinformation klassifiziert hat. Das Gericht begründet den Eingriff mit Verfahrensfehlern bei der Neubesetzung des Gremiums. Verfahrensfehler. Natürlich.
Der Rechtsstaat hat plötzlich wieder Prinzipien. Präzision ist gefragt. Formalia müssen eingehalten werden. Prozesse benötigen Zeit, Sorgfalt, juristische Prüfung. Man kann ja nicht einfach so Gremien umbauen und Empfehlungen zurücknehmen – das muss alles rechtens sein. Wo war diese Präzision zwischen 2020 und 2023?
Die selektive Liebe zur Rechtsstaatlichkeit
Erinnern wir uns. In Deutschland wurde 2G eingeführt – eine Massnahme, die Ungeimpfte faktisch aus dem öffentlichen Leben ausschloss. Restaurants, Veranstaltungen, Arbeitsstätten. Ein Grundrechtseingriff von historischem Ausmass, durchgesetzt mit einer Geschwindigkeit, die für juristische Prüfung schlicht keine Zeit liess. Die Gerichte, die hätten bremsen können, bremsten nicht. Die Institutionen, die hätten mahnen sollen, mahnten nicht.
Und das zu einem Zeitpunkt, an dem bereits bekannt war – nicht vermutet, nicht spekuliert, sondern dokumentiert – dass die Gentechspritzen weder eine Übertragung verhinderten noch eine Infektion ausschlossen. Die ursprüngliche Begründung für den Impfzwang war bereits widerlegt, als der Impfzwang eingeführt wurde. Omikron schwächte sich ab. Die Datenlage verschob sich täglich. Die Massnahmen blieben.
Kein Bundesrichter stoppte 2G. Keine Akademie der Kinderärzte klagte gegen die Impfempfehlung für Kinder, obwohl die Datenlage für diese Altersgruppe dünn war und die Nutzen-Risiko-Abwägung mehr als diskutabel. Keine Ärzteverbände forderten Verfahrenssorgfalt, als Impfempfehlungen innerhalb von Wochen ausgerollt wurden, für die unter normalen Umständen Jahre klinischer Prüfung vorgesehen wären. Der Rechtsstaat schlief. Tief, fest und vorallem gut bezahlt. Und jetzt?
Jetzt – wo jemand versucht, genau diesen Apparat zu hinterfragen, Gremien neu zu besetzen, Empfehlungen zu überprüfen – erwacht die juristische Sorgfalt aus ihrem Dornröschenschlaf. Plötzlich ist Prozessrecht wichtig. Plötzlich müssen Formalien stimmen. Plötzlich hat der Rechtsstaat wieder Zähne. Das ist keine neutrale Rechtsanwendung. Das ist Systemverteidigung.
Ein Apparat, der jahrelang Grundrechtseingriffe durchgewunken hat, entdeckt seine Präzision genau in dem Moment, in dem die eigene Struktur berührt wird. Das ACIP-Gremium ist kein neutrales Expertengremium – es ist institutionelles Kapital. Wer es kontrolliert, kontrolliert den Impfplan. Wer den Impfplan kontrolliert, kontrolliert Milliardenverträge, Haftungsausschlüsse und das Narrativ einer ganzen Ära. Kein Wunder also, dass die American Academy of Pediatrics klagt. Nicht für die Kinder. Für die Kontrolle.
Die deutsche Presseschau als Sahnehäubchen
Und die europäische Presse? Liefert pflichtbewusst das gewohnte Framing. Impfgegner. Radikaler Kurs. Gefährliche Experimente mit der öffentlichen Gesundheit. Das komplette Vokabular wird wieder ausgepackt, poliert und in die Schlagzeile gesetzt – als hätte es die letzten fünf Jahre nicht gegeben. Als wären Myokarditis-Studien, EMA-Datenlecks, zurückgezogene Chargen und eingestandene Wirksamkeitslücken schlicht nicht passiert.
Die Schlagzeile ist das Betäubungsmittel. Wer «Impfgegner» liest, hört auf zu denken. Das ist der Zweck. Das war immer der Zweck.
Kennedy will in Berufung gehen. Das US-Gesundheitsministerium kämpft weiter. Der Richter hat gebremst – vorläufig, formal, mit dem Werkzeug eines Rechtsstaats, der selektiv funktioniert wie ein Lichtschalter: aus, wenn es unbequem wird. An, wenn das System sich verteidigen muss.
Was dieser Moment zeigt
Rechtsstaatlichkeit ist kein Prinzip – sie ist ein Instrument. In den Händen derer, die die Institutionen kontrollieren, wird sie eingesetzt, wenn sie nützt und ignoriert, wenn sie stört. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist die Beobachtung eines Musters, das sich über Jahre dokumentiert hat. 2G war legal. Impfpflichtdebatten waren legitim. Schulschliessungen waren verhältnismässig. Kinderimpfungen ohne Langzeitdaten wurden empfohlen. Der Rechtsstaat nickte.
RFK Jr. will ein Gremium neu besetzen. Der Rechtsstaat klagt. Die Logik ist bestechend klar – man muss nur bereit sein, sie auszusprechen.
Willkommen im selektivsten Rechtsstaat der westlichen Hemisphäre. Er schläft, bis seine Interessen berührt werden. Dann ist er hellwach…


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