Es klingt so edel: Die Völker der Welt, vereint gegen unsichtbare Feinde, Viren schonungslos bekämpfend, Impfstoffe gerecht verteilend, das grosse Leid der nächsten Pandemie gemeinsam schulternd. Die WHO hat im Mai 2025 nach jahrelangem Verhandlungsmarathon tatsächlich einen Kerntext für ein Pandemieabkommen verabschiedet. Applaus, bitte. Nur: Der entscheidende Teil fehlt. Der Anhang, der regelt, wer eigentlich was bekommt – verschoben auf Mai 2026. Oder später. Oder nie. Wer sich fragt, warum, muss sich nur anschauen, um was genau man streitet. Dann wird schnell klar: Es geht um Geld. Sehr viel Geld.

WHO-Pandemieabkommen: Wenn es bei der "Weltgesundheit" nur um Gewinne und Geld geht

PABS: Das kleine Wort mit dem grossen Preisschild
Das Herzstück des Abkommens heisst PABS – Pathogen Access and Benefit Sharing. Es regelt, wie Staaten Daten und Proben gefährlicher Krankheitserreger teilen und wie Impfstoffe, Medikamente und Tests später verteilt werden sollen. Die Idee dahinter ist so simpel wie vernünftig: Du schickst deine Virenmuster nach Genf, die Pharmaindustrie entwickelt einen Impfstoff, und du bekommst am Ende etwas zurück. Ein fairer Tausch. Oder zumindest sollte es einer sein.

Nach bisherigen Entwürfen müssten Hersteller 20 Prozent ihrer pandemierelevanten Gesundheitsprodukte bereitstellen – mindestens die Hälfte davon als Spende, den Rest zu Vorzugspreisen. Zwanzig Prozent. Das klingt nach einem Akt der menschlichen Grosszügigkeit. Dabei ist es der Minimalkompromiss nach jahrelangem Gerangel. Und selbst dieser Minimalkompromiss ist Westeuropa und den USA offenbar zu viel.

Rohstoff Virus: Erst nehmen, dann die Hand wegziehen
Länder des globalen Südens werfen westlichen Industriestaaten vor, während der Corona-Pandemie von gemeinsam geteilten Virusdaten profitiert zu haben, ohne Impfstoffe später fair zu verteilen. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Protokoll. Als COVID-19 auftauchte, flossen die genomischen Sequenzen brav nach Westen, die Pharmariesen entwickelten ihre Vakzine – und dann zogen die reichen Staaten sämtliche Vorräte auf ihre Seite des Verhandlungstisches. Biontech und Pfizer lieferten der Afrikanischen Union 50 Millionen Dosen – während Moderna gerade mal 0,2 Prozent seines gesamten Impfstoffangebots an einkommensschwache Länder schickte, waren es bei Pfizer/Biontech 0,4 Prozent. Afrika dient als Rohstofflieferant für den nächsten Impfstoffboom, kassiert aber nicht mal das Trinkgeld.

WHO-Pandemieabkommen: Wenn es bei der "Weltgesundheit" nur um Gewinne und Geld geht

Zur gleichen Zeit fiel für die Konzerne buchstäblich Gold vom Himmel. Pfizer, Biontech und Moderna erwirtschafteten auf dem Höhepunkt der Pandemie zusammen rund 1000 Dollar Gewinn jede Sekunde. Jede Sekunde. Die Pandemie brachte fünf neue Milliardäre hervor, die zusammen über ein Nettovermögen von 35,1 Milliarden Dollar verfügten. Herzlichen Glückwunsch zur Seuche.

Deutschland: Lobbyist in Nadelstreifen
Besonders lehrreich ist die Rolle Deutschlands in diesen Verhandlungen. Die deutsche Bundesregierung bevorzugte in den Verhandlungen bei der WHO die Interessen der Pharmaindustrie, indem sie einen freiwilligen Technologietransfer für Hersteller forderte. Freiwillig. Das bedeutet: Die Konzerne sollen selbst entscheiden, ob sie ihr Wissen teilen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie oft sie das tun werden. Das Ergebnis: Der Technologietransfer bleibt freiwillig. Dafür hatte sich Deutschland starkgemacht. Das Heimatland von Biontech setzt sich für Biontech ein. Wer hätte das gedacht.

Auch die sogenannte Technologietransferklausel – die es ärmeren Ländern ermöglicht hätte, Impfstoffe selbst herzustellen – wurde auf dem Verhandlungsweg entschärft. Während einkommensschwächere Länder strengere Regeln befürworteten, bestanden wohlhabendere Länder und EU-Mitglieder darauf, dass der Technologietransfer «freiwillig und in gegenseitigem Einvernehmen» erfolgen sollte. «Gegenseitiges Einvernehmen» zwischen einem Konzern mit Milliardengewinnen und einem Land, das keine Kühlkette hat. Sehr ausgewogen.

Verschoben, verwässert, versenkt
Es war zu erwarten, dass mehrere Verpflichtungen aufgeweicht oder verwässert werden würden. So wurden sowohl die Anforderungen an die Transparenz bei der öffentlichen Finanzierung von Forschung und Entwicklung als auch die Verpflichtungen der Staaten zum Technologietransfer milder formuliert als ursprünglich vorgesehen. Transparenz bei öffentlicher Forschungsfinanzierung? Weg. Technologietransfer? Freiwillig. PABS-Anhang? Verschoben.

Was bleibt, ist ein Abkommen, das gut klingt und wenig verbindet. Einkommensschwache Länder werden bei einem zukünftigen Pandemiefall erneut verzögert Zugang zu Impfstoffen, Diagnostika und Medikamenten erhalten. Das ist kein unbeabsichtigter Kollateralschaden. Das ist das Ergebnis von jahrelangem strategischem Verhandeln mit klarem Ziel: Die Gewinnverteilung der nächsten Pandemie so früh wie möglich absichern, bevor der erste Tote gezählt ist.

Das eigentliche Abkommen, das hinter dem Abkommen steht, wurde längst unterzeichnet. Es heisst Patentschutz, es heisst freiwilliger Technologietransfer, es heisst zwanzig Prozent als Almosen verpackt. Solange die nächste Seuche noch auf einem Fledermausflügel in Zentralafrika schläft, laufen in Genf bereits die Verhandlungen darüber, wer die Gewinnspanne bekommt.

WHO-Pandemieabkommen: Wenn es bei der "Weltgesundheit" nur um Gewinne und Geld geht


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