Sexualität wird im öffentlichen Diskurs entweder voyeuristisch überbelichtet oder als Tabuthema gemieden. Was dabei fast vollständig fehlt, ist die biochemische Perspektive: Sexualität ist kein isoliertes Phänomen, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus Hormonen, Nährstoffen, Drüsenfunktion und neurologischen Prozessen. Dr. Bruno Kugel, Forscher mit Schwerpunkt Silizium und Vitalstoffmedizin, beleuchtet diese Zusammenhänge mit bemerkenswerter Tiefe.
Silizium: Der unterschätzte Grundbaustein
Im Mittelpunkt von Kugels Forschung steht die Kieselsäure – die biologisch verfügbare Form des Siliziums. Dass dieser Stoff eine Rolle bei Bindegewebe, Knochen und Haut spielt, ist bekannt. Weniger bekannt ist seine Bedeutung für die Keimdrüsen. Hoden und Eierstöcke gehören zu den kieselsäurereichsten Geweben des Körpers – kein Zufall, denn Kieselsäure konzentriert sich in den Mitochondrien und die Keimzellen weisen eine ausserordentlich hohe Mitochondriendichte auf: Bis zu 120’000 Mitochondrien pro Eizelle. Wer also mit Kieselsäure gut versorgt ist, schafft eine günstige Grundlage für Fruchtbarkeit, Drüsenfunktion, Hormonbalance und damit auch für eine gesunde Sexualität.
Kugel erklärt den Mechanismus: Kieselsäure unterstützt die Produktion von Steroidhormonen, indem sie die Cholesterin-Sekretion reguliert. Cholesterin ist die Muttersubstanz aller Steroidhormone – aus ihr entstehen Pregnenolon, DHEA, Vitamin D und Sexualhormone. Eine gut funktionierende Kieselsäureversorgung wirkt sich entsprechend auf Testosteron, Östrogen, Progesteron und Cortisol aus, aber auch auf Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin. Das Hormonsystem ist kein Monokultur-Betrieb, sondern ein Uhrwerk: Verändert man ein Zahnrad, bewegt sich das gesamte Getriebe.
Calcium, Magnesium und die Hormonregulation
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Wechselwirkung zwischen Calcium und Magnesium – zwei Mineralien, die in einem präzisen Gleichgewicht gehalten werden müssen. Calcium wirkt ausserhalb der Zelle, Magnesium innerhalb. Dieses Verhältnis ist ein bedeutender Hormonregulator. Kugel verweist auf Tierversuche, bei denen Ratten nach Entfernung der Eierstöcke durch gezielte Calcium-Magnesium-Gabe eine weitgehend normale Hormonfunktion aufrechterhalten konnten – ein Hinweis auf die Bedeutung dieser Mineralien für Frauen nach den Wechseljahren oder nach operativen Eingriffen. Silizium reguliert seinerseits beide Mineralien mit und schafft so eine Art biochemischen Puffer für das gesamte Hormonsystem.
Impulskontrolle als Nährstoffthema
Besonders aufschlussreich ist Kugels Einordnung der Impulskontrolle. Was in Partnerschaften oft als Kommunikationsproblem oder charakterliche Schwäche abgetan wird – mangelnde Geduld, sexuelle Übergriffigkeit, emotionale Dysregulation – hat häufig eine biochemische Grundlage. Wenn hormonrelevante Substanzen im Körper fehlen, reagiert das Nervensystem überproportional. Kugel vergleicht das mit epileptischen Anfällen: Ein minimaler Reiz löst ein maximales neurobiologisches Gewitter aus. Nährstoffmängel können dazu führen, dass Serotoninspiegel von Tag zu Tag extrem schwanken – ein Mechanismus, der depressive oder bipolare Zustände begünstigt. Magnesium, Omega-3-Fettsäuren und Vitamin B3 (Niacin) spielen dabei eine nachgewiesene regulierende Rolle.
Niacin: Unterschätzter Hormonregulator
Vitamin B3 – Niacin – nimmt in Kugels Ausführungen eine besondere Stellung ein. Es existiert in drei Formen mit unterschiedlichen Wirkprofilen. Die klassische Niacin-Form mit dem bekannten «Flush»-Effekt aktiviert sowohl das cholinerge als auch das adrenerge System und beeinflusst die Histaminausschüttung. Wer auf Histamin empfindlich reagiert, sollte bei dieser Form Vorsicht walten lassen. Alternativ steht Niacinamid zur Verfügung – ohne Flush-Effekt, mit etwas anderer Wirkungsweise. Eine dritte Option ist Inositol-gebundenes Niacin, das im Körper langsam freigesetzt wird und so eine gleichmässige Langzeitversorgung ermöglicht, ohne die Spitzenreaktionen der anderen Formen. In Kombination mit Vitamin C, das ebenfalls antihistaminisch wirkt und den Flush abschwächt, ergibt sich ein stabiles Protokoll zur Psyche- und Hormonstabilisierung – beschrieben durch psychiatrische Langzeitstudien von Dr. Abram Hoffer, der über 50 Jahre und mehr als 5000 Patienten begleitete.
Endokrine Störer und das Aluminiumproblem
Kugel weist auf ein strukturelles Problem hin, das die Wirksamkeit aller Massnahmen untergräbt: Den wachsenden Gehalt an Aluminium in Böden und damit in Nahrungspflanzen. Kieselsäure-akkumulierende Pflanzen wie Ackerschachtelhalm und Bambus nehmen bei Kieselsäuremangel im Boden verstärkt Aluminium auf — ein endokriner Störer, der Hormonsysteme direkt beeinträchtigt. Zusätzlich belastet Mikroplastik als weiterer endokriner Störer das Hormonsystem. Kugel empfiehlt, bei Wildkräutern auf den Ernteort zu achten und bevorzugt Sprossen zu verwenden, da in der Wachstumszone die höchsten Kieselsäurekonzentrationen vorliegen.
Supplementierung: Differenziert statt modisch
Zur Frage der Supplementierung rät Kugel zur Differenzierung statt zum Aktionismus. Wässrige Kieselsäure wirkt schnell, wird aber ebenso schnell wieder ausgeschieden – eine Halbwertszeit von etwa vier Stunden. Öl- oder MCT-gebundene Formulierungen dagegen werden langsamer freigesetzt, erreichen lipophile Gewebe und über Lipoproteine auch das Gehirn. Für die Hormonregulation bei Frauen – Zyklusstabilisierung, PMS, Endometriose-Begleitung – empfiehlt Kugel einen Zeitraum von drei bis vier Monaten für messbare Effekte, entsprechend dem Erneuerungszyklus der roten Blutkörperchen.
Die zentrale Botschaft ist schlicht: Sexuelle Gesundheit beginnt nicht im Schlafzimmer, sondern in der Zelle. Wer Hormonhaushalt, Mitochondrienfunktion und Nährstoffversorgung vernachlässigt, wird früher oder später die Konsequenzen spüren – körperlich wie psychisch. Die gute Nachricht ist, dass die Wirkungszusammenhänge bekannt und die Werkzeuge verfügbar sind. Man muss sie nur anwenden.







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