Am 31. Mai erreicht der Mond um 10:45 Uhr seinen vollsten Stand im Schützen – zum zweiten Mal in diesem Monat. Ein Blauer Mond, der nicht blau ist. Über dem Schützen steht ein einziges Wort, scharf wie seine Pfeilspitze: Sehen.
Doch dieses Sehen meint nicht das Auge. Es meint die Einsicht – das plötzliche, tiefe Begreifen einer Lage, vor der man zuvor nur eine Mauer erkannte. Vollmonde enthüllen, was im Tageslicht verborgen bleibt. Und wer unter diesem hier steht, begegnet nicht den Sternen. Er begegnet seinem inneren Seher. Die Hexe und Astrologin Amanda Yates Garcia nennt es in ihrem Mond-Essay schlicht: Jeder von uns trägt die Fähigkeit in sich, ein Prophet zu sein.
Der Pfeil und das Herz
Sagittarius heisst auf Lateinisch nichts anderes als Bogenschütze, von sagitta, dem Pfeil. Am Himmel ist er ein Kentaur, halb Mensch, halb Pferd, der seinen Bogen gespannt hält. Sein Pfeil zielt seit Jahrtausenden auf einen einzigen Punkt: Antares, den roten Überriesen, das Herz des Skorpions. Die alte Sternenlehre liest diese Haltung als Warnschuss. Der Schütze hält die Grenze, er hält den Skorpion in Schach.
Das ist die erste Lektion dieses Mondes. Sehen ist gerichtet. Der Pfeil sucht nicht das Vage, er sucht das Herz. Wer wirklich sieht, blickt nicht überallhin – er blickt dorthin, wo es wehtut.
Die Wunde, die sehen lehrt
Hinter dem Bogenschützen steht Chiron, der weiseste aller Kentauren, Lehrer von Herakles, Jason und Achilleus, ein Heiler, wie es keinen zweiten gab. Und doch traf ihn eines Tages ein vergifteter Pfeil, abgeschossen von Herakles selbst. Chiron, der jede fremde Wunde schliessen konnte, vermochte die eigene nicht zu heilen. Unsterblich, wie er war, konnte er nicht einmal sterben. Am Ende gab er seine Unsterblichkeit fort, um Prometheus von den Ketten zu lösen. Zeus erhob ihn dafür unter die Sterne.
Der verwundete Heiler steht nicht ohne Grund am Sehermond. Wer sieht, sieht durch die eigene Wunde. Einsicht entspringt nicht dem Triumph, sondern der Stelle, die niemals verheilt. Wer nie verletzt wurde, hat nichts zu erkennen.
Was das Sehen kostet
Die alten Mythen sind sich einig, dass die Gabe des Sehens niemals umsonst zu haben ist. Odin opferte ein Auge am Brunnen Mimirs, um aus dessen Tiefe zu trinken – ein halbes Augenlicht gegen das ganze Wissen. Teiresias, der grösste Seher der Antike, war blind. Erst als seine Augen nichts mehr sahen, begann er zu schauen.
Die Botschaft ist unbequem. Wahre Sicht verlangt, dass man etwas hergibt. Die Bequemlichkeit. Die Gewissheit. Die vertraute Mauer, vor der man so lange stand, dass sie zur Heimat wurde. Niemand entdeckt neue Meere, ohne den Mut, die vertraute Küste aus den Augen zu verlieren. Genau deshalb raten die Astrologen unter diesem Mond auch nicht zum Manifestieren neuer Wünsche, sondern zum Loslassen. Der Vollmond ist die Stunde des Abwerfens, nicht des Sammelns.
Das Theater der Gelegenheit
Astrologisch fällt dieser Vollmond auf rund zehn Grad im Schützen, gegenüber der Sonne im Zwilling, die eng bei Uranus steht – dem Erwecker, dem Blitz, dem plötzlichen Riss in der gewohnten Wahrnehmung. Das alte Sabian-Symbol für diesen Grad ist von verstörender Schärfe: Die theatralische Darstellung einer goldhaarigen Göttin der Gelegenheit.
Man lese es langsam. Nicht die Göttin. Ihre theatralische Darstellung. Nicht die Gelegenheit selbst, sondern etwas, das als Gelegenheit verkleidet auftritt. Das ist der Schatten des Schützen, den dieser Mond ins Licht zerrt: Die Aufblähung des Versprechens, die grosse Geste ohne Substanz dahinter, der blosse Anschein von Möglichkeit. Sehen heisst hier, durch die Aufführung hindurchzublicken. Zu unterscheiden, was glänzt, von dem, was trägt.
Der Mond, der nicht blau ist
Selbst der Name dieses Mondes ist eine kleine Lektion in Täuschung. Ein Blauer Mond färbt sich nicht blau. Er ist lediglich der zweite Vollmond innerhalb eines Kalendermonats – nach dem Blumenmond im Skorpion am ersten Mai. Ein Rechentrick des Kalenders, der nur alle zwei bis drei Jahre aufgeht. Daher die Redewendung: Einmal alle Jubeljahre, im Englischen «once in a blue moon».
Auch hier verlangt der Sehermond, dass man genauer hinblickt. Der Name verspricht Farbe und liefert Arithmetik. Das Theater steht überall, sogar am Himmel selbst.
Der innere Seher, dem wir unter diesem Mond begegnen, sitzt nicht in den Sternen. Er sitzt in uns. Die Konstellation zeigt nichts an, sie spiegelt nur, was ohnehin da ist. Dass der Weg, den wir suchen, längst vor uns liegt – wir haben ihn für eine Mauer gehalten. Dass das Sehen nichts kostet als alles, was uns lieb und bequem geworden ist. Und dass die meisten lieber im vertrauten Theater sitzen bleiben, als durch den Vorhang zu treten – auch wenn der Mond einmal alle Jubeljahre die Tür weit offen stehen lässt!









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