Hinter verschlossenen Türen, in Los Angeles, Brüssel und Paris, trifft sich das grösste Militärbündnis der Erde mit Regisseuren, Drehbuchautoren und Produzenten. Offiziell zur «Orientierung über die Sicherheitslage in Europa». Inoffiziell: Damit der nächste Blockbuster die richtigen Botschaften trägt – ohne dass irgendwer weiss, wer da eigentlich im Raum sass.
Hollywood ruft, die NATO kommt
Treffen des Militärbündnisses mit Regisseuren, Autoren und Produzenten haben in Los Angeles, Brüssel und Paris bereits stattgefunden. Ein weiteres Gespräch mit Mitgliedern der britischen Autorenvereinigung WGGB ist für Juni 2026 in London geplant, betreut vom Thinktank Chatham House. Das erklärte Thema: Die «sich entwickelnde Sicherheitslage in Europa und darüber hinaus». Die Übersetzung ins Aufrichtige: Wie bringt man das Publikum dazu, mehr Rüstungsausgaben gut zu finden, Russland als existenzielle Bedrohung zu empfinden und das Bündnis als letzten Schutzwall westlicher Zivilisation zu bewundern?
Das feine Handwerk der Anonymität
Die Treffen erfolgten unter dem Schutz der Chatham House Rule – einer Vereinbarung, die zwar die Verbreitung von Inhalten erlaubt, die Identität der Teilnehmer aber im Dunkeln lässt. Ein elegantes Instrument, wenn man etwas zu verbergen hat. Wer dort sass, welche Funktionäre welche Wünsche formulierten – Fehlanzeige. Bekannt ist immerhin: James Appathurai, stellvertretender NATO-Direktor für Cyber- und Innovationstechnologie, soll an den Treffen teilnehmen. Ein Mann, dessen Berufsbezeichnung allein schon ein Drehbuch verdient.
Und die Früchte dieser «Dialoge»? In einem Brief der WGGB-Organisatoren, der dem Guardian vorlag, heisst es, durch die bisherigen Treffen seien «drei separate Projekte» in Entwicklung, zumindest teilweise durch diese Gespräche inspiriert. Man darf gespannt sein, welche dieser Produktionen demnächst als unabhängiges Kunstwerk in die Kinos kommt – und ob im Abspann irgendwo ein Dank an das Hauptquartier in Brüssel auftaucht.
Panikmache als Produktionswert
Der irische Drehbuchautor Alan O’Gorman, Preisträger der Irish Film & Television Awards 2026, hat wenig Geduld für diplomatische Umschreibungen. Er bezeichnet die Treffen als «empörend» und «eindeutig Propaganda». Er verweist dabei ausdrücklich auf Menschen mit Freunden und Familie in Ländern ausserhalb der NATO, «die unter Kriegen gelitten haben, an denen die NATO beteiligt war». Ausserdem sieht er in Irland einen koordinierten Versuch von Medien und Politik, die NATO in einem positiven Licht darzustellen. «Ich glaube, derzeit wird in ganz Europa Panikmache betrieben, dass unsere Verteidigung schwach sei», so O’Gorman.
Andere Drehbuchautoren seien «sehr empört, dass Kunst auf eine Weise genutzt werden soll, die einen Krieg unterstützt», und glaubten, sie würden aufgefordert, «zur NATO-Propaganda beizutragen». Empörung – immerhin. Ein Anfang. Ob sie anhält, wenn die erste grosszügig dotierte Serienproduktion auf dem Tisch liegt, steht auf einem anderen Blatt.
Kognitive Kriegsführung, ganz offiziell
Was hier im Kleinen mit Drehbuchautoren stattfindet, ist Teil eines grösseren Programms, das die NATO selbst nie verleugnet hat. Seit 2020 treibt das Bündnis die sogenannte «Kognitive Kriegsführung» voran, intern als die «fortschrittlichste Form der Manipulation» beschrieben. Das erklärte Ziel: Den menschlichen Verstand als sechsten Kriegsschauplatz zu etablieren, gleichberechtigt neben Wasser, Luft, Boden, Cyberspace und Weltraum. Seit 2020 wird daran gearbeitet, die «Human» oder «Cognitive Domain» als eigenständiges Einsatzgebiet zu verankern. Ein 2021 ausgeschriebener NATO-Innovationswettbewerb zur Entwicklung entsprechender Strategien wurde vom US-Unternehmen Veriphix gewonnen. Kein Geheimnis. Kein Skandal. Einfach Programm.
Im Dezember wurde ein Dokument des Militärbündnisses unter dem Titel «Mentale Kriegsführung» veröffentlicht, das vor der Propaganda externer Akteure wie Russland warnte und Schutzmassnahmen analysierte. Durch die Treffen mit Filmschaffenden rückt dieses Papier nun in neuem Licht in den Fokus: Die Frage, inwiefern die NATO selbst gewillt ist, «mentale Kriegsführung» zu betreiben, stellt sich drängender denn je.
Hollywood war nie unschuldig
Das Pentagon kooperiert seit Jahrzehnten mit der US-Filmindustrie. Wer Militärgerät, Schauspieler in Uniform oder Drehgenehmigungen auf Militärbasen wollte, musste Drehbücher zur Prüfung einreichen und gegebenenfalls anpassen. «Top Gun» war kein Werbespot – doch er funktionierte wie einer. Was neu ist: Die NATO übernimmt dieses Modell, institutionalisiert und internationalisiert es. Nicht mehr bloss Hollywood. Auch London, Brüssel, Paris – und bald überall, wo jemand eine Geschichte erzählen will.
Der Centre for European Reform veröffentlichte Anfang 2026 einen Bericht, der Regierungen ausdrücklich aufforderte, stärker mit Kulturschaffenden zusammenzuarbeiten, um die Bevölkerung von höheren Rüstungsausgaben zu überzeugen und zu erklären, warum diese Investitionen «notwendig» seien. Kulturpolitik und Militärpolitik wachsen zusammen. Was als offener Dialog verkauft wird, ist eine koordinierte Kampagne.
Das Ticket ins Kino ist immer dabei
Im Schreiben an die WGGB betonten die Organisatoren, die NATO sei «auf der Überzeugung aufgebaut, dass Zusammenarbeit, Kompromiss und die Stärkung von Freundschaft und Bündnissen der Weg nach vorne sind». Sogar wenn nur eine «einfache Botschaft» über Zusammenarbeit in einen künftigen Film oder eine Fernsehserie gelange, «wird das genug sein».
Ehrlicher kann man es nicht formulieren. Kein Panzer im Bild, kein Marsch im Ton – nur das Wort «Kooperation», das einen guten Klang bekommt. Dass Bündnisse positiv besetzt sind. Dass der Zuschauer, ohne es zu merken, ein wenig bereitwilliger ist, das nächste Rüstungspaket für selbstverständlich zu halten.
Die BSW-Aussenpolitikerin Sevim Dagdelen, seit Jahrzehnten mit NATO-Strategien vertraut, bringt es auf den Punkt: Die NATO greife auf Methoden zurück, die sie bei anderen stets als Beleg für autoritäre Politik angeprangert habe. Wer sich als Medienschaffender auf eine Kooperation einlasse, leiste dem eigenen Berufsethos und der Pressefreiheit einen Bärendienst – und dem Publikum erst recht. Wenn ein Militärbündnis offiziell erklärt, es brauche nur eine einzige «einfache Botschaft» in einem Spielfilm, dann ist der Unterschied zwischen Information und Propaganda längst verschwunden.
Der Unterschied zwischen NATO-Propaganda und russischer Propaganda besteht offenbar nur noch darin, wer das Popcorn bezahlt – und nennt dies «unsere Freiheit»!









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