Irgendwo in Amerika liegt in diesem Moment ein Mädchen in einem abgeschlossenen Hotelzimmer, betäubt, während der nächste Freier schon im Flur wartet. Der Staat hat es an der Grenze in Empfang genommen, gezählt, versorgt und danach einem Fremden überlassen, dessen Fingerabdrücke niemand sehen wollte, an einer Adresse, die es womöglich gar nicht gibt. Das ist kein Einzelschicksal, das ist ein Verwaltungsvorgang. Und es ist ein nationaler Notstand, den zwei Regierungen hintereinander verschlafen, verwaltet und inzwischen vermarktet haben.
Heimatschutzminister Markwayne Mullin stellte sich am 11. Juni im Justizministerium vor die Kameras und rechnete vor: 146’000 Kinder gefunden, fast 300’000 weiterhin verschwunden. Man gehe Berichten nach, wonach einige dieser Kinder angäben, sechs- bis siebenhundertmal vergewaltigt worden zu sein. Dann die Frage an alle, ob liberal, konservativ oder dazwischen: Wer nicht hinter der Suche nach diesen Kindern stehe, wer sei er dann überhaupt?
Siebenhundertmal und niemand weiss, wo
Zwei Wochen später wurde Mullin vor einem Kongressausschuss deutlicher. Es gehe um Mädchen, sechs- bis siebenhundertmal vergewaltigt, eingesperrt in einem Hotelzimmer, schwer unter Drogen gesetzt, gezwungen, 15 bis 20 Männer am Tag zu «bedienen», einen nach dem anderen, Tag für Tag. Keine Feiertage, keine freien Nächte, keine Wochenenden. Und neuerdings, fügte er an, würden immer öfter auch Knaben gehandelt. Das Grauen hat damit ein Zimmer bekommen. Eine Adresse, ein Aktenzeichen oder einen Täter mit Namen legte er trotzdem nicht vor. Dass die Zahl dennoch als Tatsache durch die Netzwerke jagte, sagt weniger über Mullin als über ein Land, das solche Geschichten längst für plausibel hält. Und plausibel sind sie. Die eigentliche Ungeheuerlichkeit liegt nicht darin, dass ein Kind siebenhundertmal missbraucht worden sein soll. Sie liegt darin, dass kein Beamter in Washington sagen kann, ob es stimmt, weil niemand weiss, wo dieses Kind wohnt.
Zwei Häuser, die es nicht gibt, 34 Kinder
Den Beleg dafür liefert kein Pressesprecher, sondern die hauseigene Aufsicht. Generalinspekteur Joseph Cuffari schlug im August 2024 Alarm: Die Einwanderungspolizei ICE habe zwischen Oktober 2018 und September 2023 über 448’000 unbegleitete Kinder ans Gesundheitsministerium übergeben und könne nicht für alle sagen, wo sie geblieben seien. Über 32’000 erschienen nie vor Gericht.
Im Juli 2025 legte er vor dem Kongress nach. Bei über 31’000 Kindern war die Freigabeadresse leer, unzustellbar oder ohne Wohnungsnummer. Seine Prüfer fuhren mit ICE-Beamten zwei Adressen ab, an die 34 Kinder übergeben worden waren. Beide Häuser existierten nicht. Über 233’000 Kinder bekamen nie eine Vorladung, über 43’000 blieben dem Termin fern und genau diese gelten laut ICE als besonders gefährdet für Menschenhandel, Ausbeutung und Zwangsarbeit. Der Gerichtstermin sei die einzige Gelegenheit, überhaupt nach dem Wohl eines Kindes zu sehen. Ausgerechnet 2021 strichen beide Ministerien aus ihrer Vereinbarung die Pflicht, die Fingerabdrücke aller Sponsoren und ihrer Mitbewohner an ICE zu liefern.
65’605 Hilferufe im Aktenschrank
Wie Wegschauen als Dienstanweisung aussieht, zeigen die Zahlen, die Senator Chuck Grassley im Mai 2025 aus dem Gesundheitsministerium holte: 65’605 Meldungen über Kinder im Programm, liegengelassen oder abgewiesen, darunter 7346 Hinweise auf Menschenhandel und 1688 auf Betrug. Nach gut hundert Tagen waren 28 Prozent abgearbeitet, heraus kamen elf Festnahmen. Das Amt für Flüchtlingsansiedlung zählte im Juni über 76’000 Fälle ohne vorgeschriebene Sicherheitsprüfung, über 97’000 ohne Hintergrundprüfung und über 81’000 Adressen, an die immer wieder Kinder gingen. Ein Haus, das Kinder sammelt wie andere Leute Pakete, fiel niemandem auf, solange der Stempel sass. Wie man Menschenhandel verwaltet statt bekämpft, ist keine amerikanische Erfindung, aber Amerika hat es industrialisiert.
Retter mit Kamerateam
Die neue Regierung hat den Skandal nicht erfunden, sie hat ihn entdeckt wie ein Wahlplakat. Mullin spricht von 450’000 Kindern, die unter Biden verschwunden seien. Die Zählung des Generalinspekteurs beginnt allerdings im Oktober 2018, im zweiten Amtsjahr eines gewissen Donald Trump und Cuffari nennt das Versagen ausdrücklich eines, das über mehrere Regierungen fortbestand. Dass die meisten Kinder in sogenannten Zufluchtsstädten auftauchten, behauptete Mullin ohne Beleg. Die Anklagebank für die Verantwortlichen in den Ministerien bleibt leer. Der amtierende Justizminister Todd Blanche stellte klar, er klage die frühere Führung hier am Rednerpult nicht an. Angeklagt wurden drei Guatemalteken in Ohio, 19 Anklagepunkte. Aus den ersten 28 Prozent des Aktenbergs wurden bis Ende Mai 2025 genau drei Verurteilungen. Für die Abschiebemaschine gab es im Juni knapp 70 Milliarden Dollar, für die geretteten Kinder das Angebot, ein Visum für Verbrechensopfer zu beantragen.
Selbst Mullin räumte vor dem Ausschuss ein, manche der inzwischen 147’000 Gefundenen hätten bei Verwandten gelebt und es sei ihnen gut gegangen. Einwanderungsexperten halten dagegen, es handle sich nicht um verschwundene Kinder, sondern um verschwundene Papiere. Nur steht an einer Adresse, die es nicht gibt, auch kein Kind mit Papieren vor der Tür.
Wer bist du dann, Amerika?
Der Notstand heisst weder Mullin noch Biden. Er heisst: Ein Staat übergibt Kinder an Häuser, die nicht existieren, legt Hilferufe in Schubladen und entdeckt das Elend erst, wenn es in eine Pressekonferenz passt. Das Kino trug das Thema 2023 mit Sound of Freedom in volle Säle, die Akten blieben trotzdem liegen. Dieselbe Empörung, die sich an Epstein und seinen Gästen entzündet, reicht für namenlose Kinder ohne Anwalt nur bis zur nächsten Schlagzeile. 448’000 Kinder übergeben, 34 davon an zwei Phantomadressen. 7346 Hinweise auf Menschenhandel, drei Verurteilungen. Jede Regierung zeigt mit dem Finger auf die vorherige und hinter einer Hoteltür, die in keinem Register steht, klopft der zwanzigste Freier des Tages. Mullin fragte, wer man sei, wenn man nicht hinter der Suche stehe, doch die Gegenfrage stellt ihm keiner: Wer seid ihr, die ihr fünf Jahre lang Kinder an Adressen verschickt habt, hinter denen nur Luft war?










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