Ein Konzern mit einer Bewertung von 39 Milliarden Dollar bringt seinen Robotern das Springen bei – in flüssigen Stahl. Figure liess ausgemusterte Humanoide der Baureihe F.02 im finnischen Imatra in einen 75-Tonnen-Lichtbogenofen hüpfen, teils aus eigener Kraft, einen davon senkte Arnold Schwarzenegger an der Kette hinab, Daumen hoch inklusive. Und weil heute niemand mehr einem Video glaubt, schwört die Firma feierlich: Alles echt, nichts aus dem Rechner. Die Wirklichkeit muss inzwischen beglaubigt werden wie ein Testament.

Hasta la vista, baby: Figure lässt seine Roboter in den Freitod springen

Sprungtraining für den Freitod aus Blech

Die Vorbereitung lief gründlicher als jede Rentenplanung. Auf dem Firmengelände in San José stellte das Team riesige Luftkissen auf und liess die Maschinen aus dem zweiten Stock springen. Als Vorlage dienten die Bewegungen von Kaskadeuren, ein eigens trainiertes KI-Modell berechnete in der Simulation die Flugbahn in einen Kübel, den kein Roboter je gesehen hatte. In Finnland blieben dann 24 Stunden, sechs Schmelzgänge und je rund 20 Minuten, bevor der Stahl eine Kruste bildete. Drei mächtige Graphitelektroden befeuern dort einen Ofen, der sonst festen Stahlschrott schmilzt. Diesmal bestand der Schrott aus Angestellten des Jahres. Kameras und andere Elektronik gaben in Hitze und elektromagnetischem Feld den Geist auf, die Todeskandidaten nicht: Sie sprangen laut Hersteller tadellos. Kein Zögern, keine Rückfrage, kein Betriebsrat. Der perfekte Angestellte ist jener, der seine eigene Entsorgung fehlerfrei ausführt.

Beglaubigter Irrsinn

Im Zeitalter KI-generierter Bilder, so Figure, sei Klarheit angebracht: Man habe die Roboter wirklich trainiert, nach Finnland verschifft und in einen Bottich voll flüssigem Stahl springen lassen. Unabhängig nachprüfen lässt sich das nicht, Aufnahmen und Echtheitsschwur stammen aus demselben Haus. Adcock hatte das Spektakel vorab als «umwerfend» angekündigt und kokett von einem «kleinen Umweg» gesprochen. Ausgerechnet eine KI-Firma muss beteuern, dass ihr Werbefilm nicht von einer KI stammt. Die Branche, die das Netz mit synthetischen Bildern flutet, kämpft jetzt gegen das Misstrauen, das sie selbst gezüchtet hat. Auch das Wort «selbstständig» verdient Anführungszeichen. Ein Roboter, der nach monatelangem Drill springt, entscheidet ungefähr so frei wie ein Toaster, der die Scheibe auswirft. Der Wille zum Sprung gehörte der Werbeabteilung. Geplante Obsoleszenz hatte bisher den Anstand, das Gerät nach Ablauf der Garantie still sterben zu lassen. Figure lässt es vor laufender Kamera springen und verkauft den Rest anschliessend als Sammlerstück.

Hasta la vista, baby: Figure lässt seine Roboter in den Freitod springen

Zerlegen kostet, Schmelzen verkauft sich

Die offizielle Begründung klingt nach Sorgfalt. Die F.02 stecken voller selbst entwickelter Antriebe und geistigen Eigentums. Jeden einzeln zu zerlegen hätte die Techniker so lange beschäftigt, dass sich der Start des Nachfolgers F.04 verzögert hätte. Eine Versteigerung für einen guten Zweck lehnte Firmenchef Brett Adcock ab, das Hauptquartier platzte ohnehin aus allen Nähten. Also fragte er das Netz. In seiner Umfrage stimmten 46,3 Prozent von 1422 Teilnehmern fürs Sprengen, Schwarzenegger schrieb: «Ihr solltet sie einschmelzen.» Ein Milliardenkonzern lässt sich sein Entsorgungskonzept vom früheren Gouverneur Kaliforniens diktieren und nennt das Unternehmensführung. Keine Giesserei in den USA oder Mexiko mochte Roboter mit Lithium-Ionen-Akkus in ihre teuren Anlagen springen lassen. Nicht einmal mit Hilfe ehemaliger MythBusters fand sich ein Ofen auf dem eigenen Kontinent. Um Zeit zu sparen, verschiffte man die Flotte deshalb über den Atlantik. Effizienz nach kalifornischer Art. Wer seine Bauteile lieber im Stahlbad versenkt als verkauft, verrät nebenbei, wie viel Angst er vor der Konkurrenz hat.

30’000 BMW später: Danke und ab in die Glut

Dabei hatten die Verschrotteten gearbeitet. Elf Monate standen F.02 im BMW-Werk Spartanburg, luden mehr als 90’000 Blechteile und trugen zur Produktion von über 30’000 X3 bei. Zehn-Stunden-Schichten von Montag bis Freitag, 84 Sekunden pro Takt, über 99 Prozent Treffgenauigkeit, rund 1250 Betriebsstunden. Sie waren die ersten Figure-Roboter bei BMW, die ersten mit dem Steuerungsmodell Helix, die ersten im Haushalt, die ersten in der Logistik und nun eben die ersten im Ofen. Der Unterarm erwies sich als häufigste Schwachstelle, die Maschinen kehrten zerkratzt und verdreckt zurück. «Wir lieben Figure 02», schreibt die Firma im Nachruf, kurz bevor sie ihn im Lichtbogenofen entsorgt. Was geschieht, wenn Maschinen die Arbeiter ersetzen, hat eine KI bereits als Beerdigungsrede für die Mittelschicht formuliert. Neu ist, dass auch der Ersatz ersetzt wird, nach elf Monaten und mit Filmmusik.

Hasta la vista, baby: Figure lässt seine Roboter in den Freitod springen

Reliquien zum Vorbestellen

Das geschmolzene Material reiste zurück in die USA und wird dort zu Andenken gefräst. Das kleine Stück, ein Drittel eines F.02-Kopfs im Massstab, kostet im Firmenladen 500 Dollar, die grosse Fassung zu zwei Dritteln kostete 1900 Dollar und ist bereits ausverkauft. Der mittelalterliche Reliquienhandel kannte immerhin noch den Anstand, Heilige erst nach natürlichem Ableben zu zersägen. Für den Menschen sehen die Technokraten das bedingungslose Gehorsamseinkommen vor, für den ausgedienten Roboter einen Platz im Regal des Sammlers. Wer von beiden das bessere Los gezogen hat, bleibt offen. Einige wenige F.02 überleben übrigens im Lager des Hauptquartiers, vermutlich als stille Reserve für die nächste Abschiedsgala.

Hasta la vista, Restwert

Was hier stattfand, war keine Entsorgung, sondern eine Werbekampagne mit Schrottwert, bei der selbst der Abguss noch Rendite abwirft. 1991 opferte sich der Terminator im Kino, um die Menschheit zu retten. 2026 opfert sich sein Nachfahre, damit der Produktzyklus pünktlich bleibt. Schwarzenegger verabschiedete die Flotte auf X mit «Hasta la vista, F.02» und damit gilt der Satz, den der Film einem Feind widmete, heute dem fleissigsten Mitarbeiter im Haus. Ein Konzern, der seinen Maschinen beibringt, ohne Widerrede in die Glut zu springen, übt nicht an Robotern – er übt an dir!

F.02 Decomission
F.02 Decomission

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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