Es gibt ein Theaterstück aus den 1930er Jahren und einen Film aus den 1940er Jahren mit Ingrid Bergman, in dem ein skrupelloser Erbschleicher seine wohlhabende Ehefrau systematisch an ihrem eigenen Verstand zweifeln lässt. Er dreht heimlich das Gaslicht herunter. Sie bemerkt das Flackern. Er sagt: Du bildest dir das ein. Und weil sie ihm vertraut, weil er ihr am nächsten steht, weil er der Mensch ist, dem ihr Gehirn die Kategorie «vertrauenswürdige Quelle» zugewiesen hat – beginnt sie, sich selbst zu misstrauen statt ihm.
Gaslighting. Ein Begriff, der im deutschsprachigen Raum erst seit wenigen Jahren wirklich angekommen ist. Ein Konzept, das in seiner individuellen Form bereits verstörend genug ist – und in seiner kollektiven, medialen, politischen Form so alltäglich geworden ist, dass wir ihn kaum noch wahrnehmen. Was eine Ironie ist, die sich selbst erklärt.
Der Psychiater Rafael Bonelli bringt das Prinzip auf seinen erkenntnistheoretischen Kern: Wahrheit ist die Übereinstimmung von Gedanke und Wirklichkeit. Denken beginnt bei der Wahrnehmung. Gaslighting boykottiert genau diesen ersten Schritt – es greift die Wahrnehmung selbst an, bevor der Verstand überhaupt zu arbeiten beginnt. Das Ergebnis ist keine Lüge, die man widerlegen könnte. Es ist eine induzierte Denkstörung, die den Betroffenen dazu bringt, an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, bevor er überhaupt anfängt, das Gehörte zu prüfen.
Der Mechanismus funktioniert über Vertrauen. Das ist der Schlüssel, und er ist erschreckend simpel. Unser Gehirn unterscheidet aus Energiespargründen zwischen vier Quellkategorien: Vertrauenswürdig, unsicher, uninteressant, unerwünscht. Nur die unsichere Quelle wird kritisch geprüft. Die vertrauenswürdige wird direkt internalisiert, ohne den Umweg über kritisches Denken. Wer also erst das Vertrauen besitzt – der Ehemann, die Regierung, die Tageszeitung, die Wissenschaft mit Grossbuchstaben – kann danach nahezu beliebige Inhalte in das Gehirn des Opfers einschleusen, ohne dass dieser Inhalt einer kritischen Prüfung unterzogen wird.
Bonellis Fallbeispiel: Karina, Migrantin aus Russland, verheiratet, zwei Kinder. Der Mann bringt eine Arbeitskollegin mit – Monika, frisch geschieden, aggressiv flirtendes Verhalten, lange Umarmungen vor Karinas Augen, ständige Nachrichten. Karinas Bauchgefühl meldet: Alarm. Ihr Mann antwortet: Du übertreibst, die ist nun mal so. Als Karina schliesslich eingreift, erklärt Monika ihr, Eifersucht sei mittelalterlich. Der Mann erklärt ihr, sie sei toxisch für die Beziehung. Und Karina – reflektiert, gutgläubig, bereit zur Selbstkritik – fragt sich tatsächlich, ob vielleicht sie das Problem ist.
Das ist Gaslighting in seiner klassischen Form: Täter-Opfer-Umkehr kombiniert mit gespielter Empörung als Taktik. Die gespielte Empörung ist dabei kein Zufall – sie ist Methode. Empörung verhindert Denken. Wer beschämt ist, zieht sich zurück. Wer sich entschuldigt, hört auf zu analysieren. Der Schock des Täters über das «altmodische Verhalten» des Opfers dient einzig dazu, das Opfer in die Defensive zu drängen, bevor es seine eigene Wahrnehmung verteidigen kann. Das funktioniert im Schlafzimmer. Es funktioniert genauso im Fernsehen.
Bonelli deutet es an, ohne es vollständig auszuführen – die kollektive, mediale Dimension des Gaslichts. Es war zwar der wärmste Monat seit Menschengedenken, auch wenn du einen Monat lang gefroren hast. Die Massnahmen waren verhältnismässig, auch wenn dir das Gegenteil direkt vor Augen stand. Das Impfmittel ist sicher und wirksam, auch wenn dein Körper dir etwas anderes signalisiert. Du bildest dir das ein. Mit dir stimmt etwas nicht. Du bist rückständig. Toxisch. Verschwörungstheoretiker.
Der Mechanismus ist identisch. Die Skalierung ist nur eine andere. Statt eines Erbschleichers mit einer Motivation sitzt ein System dahinter, das aus Institutionen, Medien und wissenschaftlichen Autoritäten besteht – allesamt in die Kategorie «vertrauenswürdige Quelle» vorsortiert, bevor die eigentliche Manipulation beginnt. Wer täglich dieselbe Zeitung liest, dieselben Experten hört, dieselben Nachrichtensendungen konsumiert, internalisiert irgendwann deren Realität – nicht weil die Argumente überzeugend sind, sondern weil das Gehirn aufgehört hat zu prüfen.
Die Heilung, so Bonelli, ist Tiefendenken. Die bewusste Entscheidung, vermeintlich vertrauenswürdige Quellen wieder in die Kategorie «unsicher» zu verschieben und sie entsprechend zu behandeln. Ein Dritter, der bestätigt: Nein, du siehst richtig. Das Licht flackert wirklich…






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