Gier ist die einzige Religion, die ohne Missionare auskommt. Sie hat keinen Tempel, weil sie längst alle besetzt. Sie benötigt keine Liturgie, weil sie Quartalsberichte hat. Und sie kennt keine Ketzer mehr, weil die Konkurrenz inzwischen verklagt statt diskutiert wird. Wer im Jahr 2026 noch einen frischen Beleg für diese unbestrittene Glaubensführung sucht, schlägt am besten die NZZ vom Wochenanfang auf.
Auf der Titelseite: Fender. Kalifornischer Gitarrenbauer, akustisches Erbstück einer Generation, mit einem frischen Urteil im Rücken auf juristischem Kriegspfad. Konkurrenten, deren Modelle an die Stratocaster angelehnt sind, werden aus dem Markt geklagt. Das Original der Stratocaster stammt aus dem Jahr 1954.
Markenpflege oder Sterbebettplünderung
Sieben Jahrzehnte lang hat sich niemand gestört. Strat-Klone von Schecter, Yamaha, Ibanez und hundert kleineren Marken galten als das, was sie waren – Eintrittsbillette in eine Welt, deren Spitze sich kaum jemand leisten konnte. Wer auf einem 200-Franken-Squier seine ersten Akkorde gelernt hat, kaufte später vielleicht das Custom-Shop-Modell für 5000. Diese Pyramide war das eigentliche Geschäftsmodell, nicht der juristische Formschutz. Sie hat eine ganze Generation an die Marke gebunden und Fender zu dem gemacht, was der Name heute noch verkauft. Jetzt, wo die Pyramide bröckelt, Boomer ihre Sammlungen in den Online-Marktplatz tragen und Streaming-Generationen mit Laptop statt Verstärker aufwachsen, soll die Spitze juristisch absichern, was wirtschaftlich verloren geht. Das ist keine Markenpflege. Das ist das letzte Aufbäumen vor der Insolvenz der eigenen Relevanz.Paragraf 258 als Cashcow
Parallel zum kalifornischen Kapitel ein Inland-Beispiel mit demselben Drehbuch. Die Firma Parkon nutzt Art. 258 der Schweizerischen ZPO – eine eigentlich legitime Norm aus dem Sachenrecht – als Hebel gegen Parker. Begleitet wird das Ganze von einer Drohkulisse, die selbst Inkasso-Veteranen aufhorchen lässt. Dazu kommt eine Intransparenz, die jedes Mahnwesen-Lehrbuch zur Belletristik degradiert. Wer hier widerspricht, sieht sich plötzlich mit Kostenrisiken konfrontiert, die jeden vernünftigen Bürger zur Eile bei der Überweisung treiben. Genau das ist der Punkt. Ein Google-Rating von durchschnittlich 1.1 Sternen – ein Wert, den nicht einmal aufgegebene Eisstandbuden erreichen – ist hier kein Imageproblem. Es ist die ehrlichste Visitenkarte des Geschäftsmodells. Der Paragraf ist sauber. Der Zweck ist Plünderung. Und der Unterschied zwischen Rechtsstaat und Inkasso-Show liegt nur noch in der Schriftart des Briefkopfs.Die Sprache der freien Gesellschaft
Was beide Fälle eint, ist eine semantische Tilgung, die sich seit Jahren in den Mantel des Liberalen kleidet. Wettbewerb heisst Verdrängung. Rechtsdurchsetzung heisst Drohbrief. Toleranz heisst Schweigen, solange das Inkasso läuft. Denunziation heisst Zivilcourage, sobald sie eine Aktennummer trägt. In dieser umgeschriebenen Grammatik gilt Anstand als Naivität und Gier als Realismus. Die Anzeige ist zum Sport geworden, die Lizenzklage zum Geschäftsmodell, das Räumungsverfahren zum Kerngeschäft. Wer den Boden unter sich verliert, gilt als unflexibel. Wer ihn anderen unter den Füssen wegzieht, gilt als visionär. Der freie Markt ist nicht frei. Er ist nur enthemmt – und nennt diese Enthemmung gerne «unternehmerische Verantwortung». In den vergangenen Jahren hat sich das Vokabular der Plünderung so unauffällig in den Mainstream geschoben, dass die meisten Beobachter es für Wirtschaftsnachrichten halten.Die Cree wussten es schon, bevor jemand begriff, was «Quartalsbilanz» überhaupt bedeutet: Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann. Bis dahin werden Anwälte weiter aus 1954er-Holzkonturen, aus vorsorglichen Schutzanträgen und aus jeder anderen verfügbaren Quelle juristisches Wasser pressen, bis selbst die Kanzlei-Kaffeemaschine Strafanzeige erstattet. Und wenn der letzte Akkord verklungen, der letzte Parkplatz versiegelt, der letzte Fisch in der Quartalsbilanz verbucht ist, wird sich die «freie» Gesellschaft an die eigene Brust schlagen und das Ganze «Fortschritt» nennen!








«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








