Es ist Mittwoch, der 4. März 2026, und irgendwo zwischen Iran-Krieg, EU-Verträgen und Kinderwunschmessen versucht eine Radiosendung tapfer, die Welt zu sortieren. Das gelingt ungefähr so gut wie ein IKEA-Regal ohne Anleitung: Man kann es irgendwie zusammenstecken, aber am Ende bleibt immer ein Teil übrig. Bei Kontrafunk moderiert Stefan Milius routiniert durch die Themen der Stunde und liefert gleich zu Beginn das Warm-up: Werbung vom Leonhardkreis, politisch und konfessionell neutral, selbstverständlich. Neutral wie ein Presslufthammer, der behauptet, er mache nur «leichte Wellness-Massage».
Denn wenn «Meinungsfreiheit zum Luxus wird», weil «globale Eliten» entscheiden, was wir denken dürfen, dann braucht es mutige Bürger. Mutig ist hier vor allem, dass man diese Sätze noch immer mit ernster Stimme sagen kann, ohne dabei selbst loszulachen. Aber gut: Fördermitgliedschaft, Link, weiter im Programm. Die Welt brennt, und wir machen erst mal Sponsoring. Ordnung muss sein.
Krieg im Iran: Enthauptungsschlag, Martyrium und die Kunst, nicht zu früh zu jubeln
Dann kommt das Hauptgericht: Die Militärschläge der USA und Israels gegen Ziele im Iran. Die Frage: Bleibt es lokal, oder wird es ein Flächenbrand? Dazu spricht Milius mit Ralph Bosshard, Oberstleutnant a.D. im Generalstab der Schweizer Armee. Ein Mann, der wenigstens das richtige Handwerkszeug mitbringt: Skepsis, Erfahrung, und die unschöne Fähigkeit, Dinge nicht sofort in Jubelmeldungen zu übersetzen.
Bosshards Kernpunkt: Wer jetzt schon das «Ende des Systems» ausruft, könnte sich bald blamieren. Das iranische System sei in einem Testlauf, die Verfassung funktioniere bislang, Nachfolgeregelungen seien offenbar vorbereitet. Und besonders pikant: Selbst der mögliche Tod des obersten Führers könne in die Logik des Systems eingepreist sein. Martyrium hat in der schiitischen Tradition Gewicht und ein solcher Tod wäre nicht nur ein politisches Ereignis, sondern ein religiöser Trigger mit Wirkung von Bagdad bis Indien. Kurz: Es ist noch viel zu früh, um die Konfetti-Kanone zu starten. Das ist unbequem, aber realistisch. Und Realismus ist bekanntlich das, was politische Talkshows am liebsten wegmoderieren.
Was entscheidet nun, ob der Iran implodiert oder nach aussen explodiert? Bosshard bleibt nüchtern: Der Zustand des Sicherheitsapparats sei unklar, der Konflikt stehe erst am Anfang. Gleichzeitig seien schiitische Netzwerke in der Region offensichtlich bereit, zugunsten des Iran einzugreifen. Irak, Libanon, womöglich Bahrain, Aserbaidschan: Das Potenzial zur Ausweitung ist da. Interessant: Iranische Gegenschläge auf symbolträchtige Ziele wie Dubai seien weniger militärisch als kommunikativ gedacht. Das Ziel ist Wirkung im Informationsraum. Physisch überschaubar, psychologisch maximal.
Und dann die grossen Spieler: Russland spricht von zynischem Mord, China warnt vor gewaltsamem Regimewechsel. Bosshard meint: China müsse jetzt wirklich Farbe bekennen, denn iranische Ölexporte seien für Peking relevant und Bomben auf Teheran träfen auch Peking. Zudem sähen viele BRICS-Plus-Staaten den Fall als Test, ob «einer der ihren» fallen gelassen wird. Das ist die Art Satz, die man in Europa gern ignoriert, bis sie vor der eigenen Haustür explodiert.
Zu Europas Rolle liefert Bosshard eine seltene Perle diplomatischer Satire: Die Europäer hätten das «Opfer der Aggression» zur Zurückhaltung aufgefordert. Speziell, aber nicht untypisch. Frankreich und Grossbritannien müssten wegen eigener Angriffe Stärke zeigen, Deutschland rudert nach scharfen Worten gleich wieder zurück. Man wolle Israel in Gaza verurteilen, gleichzeitig die USA nicht stören, gleichzeitig Golfstaaten beruhigen, gleichzeitig irgendwie «relevant» bleiben. Das ist nicht Aussenpolitik, das ist Balanceboard im Sturm.
Und die Dauer? Trump spricht von vier bis fünf Wochen oder «so lange wie nötig». Bosshard traut dieser Zahl nicht. Munitionsbestände und Durchhaltefähigkeit seien Geheimnisse, quantitative Vergleiche ohne Qualität seien nutzlos. Zudem: Wenn die USA schon nach wenigen Tagen Luftabwehrsysteme aus Korea abziehen müssen, wirkt das weniger nach «voller Kontrolle» und mehr nach «hoppla, das ging schneller als gedacht».
EU-Verträge: Wer liest, findet. Wer nicht liest, findet Worthülsen
Weiter geht’s mit der Schweiz und der EU: Neues Abkommen unterzeichnet, das Volk entscheidet später. Der Unternehmer Giorgio Behr (emeritierter Professor, Unternehmer) erklärt seinen Widerstand. Sein erstes Argument ist so simpel, dass es fast schon subversiv ist: Man sollte Verträge lesen. Er hat es getan. Tausende Seiten, alte Verträge von 1999 inklusive, weil der Bundesrat nicht markiert hat, was sich ändert. Und als Bonus: Englische und deutsche Versionen stimmen teils nicht sauber überein. Wenn in einem Vertrag die Sprache die Realität verändert, ist das kein Übersetzungsfehler mehr, das ist ein Warnsignal mit Leuchtreklame.
Behr fokussiert auf drei Bereiche: Technische Handelshemmnisse (Mutual Recognition), Personenfreizügigkeit, Strom. Und er entzaubert die Wirtschafts-Rhetorik: Industrie mache etwa 23% des BIP aus, Pharma sei nicht einmal Teil dieser Anerkennungslogik, Zulieferbetriebe seien von Zulassungen oft ausgenommen. Viele Firmen nutzen ohnehin EU-Zulassungen, weil billiger. Und das beste Detail: Selbst bei Kündigung bleiben bestehende Zulassungen laut Artikel 20 gültig. Das apokalyptische «Ohne neue Verträge keine Zulassungen mehr» klingt damit ungefähr so glaubwürdig wie «Ohne dieses Update explodiert dein Smartphone».
Bei der Personenfreizügigkeit kritisiert Behr, dass hochqualifizierte Drittstaaten-Absolventen nach sechs Monaten gehen müssen, während Zuwanderung aus der EU anders läuft. Zusätzlich sieht er im neuen Paket eine Ausweitung nicht erwerbstätiger Zuwanderung und Missbrauchspotenzial, das am Ende neue Bürokratie erzeugt. Sein Fazit: Geregelte Beziehungen ja, aber das Paket sei nicht zwingend. Die Schweiz könne mit dem Status quo sehr gut leben. Der Ton ist weniger «„Revolution» als «bitte einmal kurz nachdenken».
Weg mit Archäologie: Gegenwartspädagogik statt langer Atem
Dann der Kommentar von Thomas Hartung: Ein archäologisches Institut in Berlin soll schliessen. Für Hartung ist das nicht Sparen, sondern Dekanonisierung. Archäologie, klassische Philologie, alte Geschichte würden den langen Atem vermitteln, das Wissen, dass Zivilisationen entstehen und vergehen. Parallel dazu wachse die Welt der «Haltungsfächer»: Gender Studies, Diversity Management, Transformationsstudien. Der Vorwurf: Nicht Wahrheitssuche, sondern Bewusstseinsformung; nicht offene Fragen, sondern feststehende Antworten. Die Universität werde zur Zulieferin politischer Agenda, Wissenschaft zur Projektarbeit, Kritik zur Sensibilisierung. Und Archäologie sei das Gegenteil: Langsam, konzentriert, nicht «tiktokisierbar», nicht aktivismustauglich. Eine Welt, in der «Critical Witness Studies» die Akropolis schlagen.
Man kann darüber streiten, aber die Pointe sitzt: Wenn eine Gesellschaft das historische Gedächtnis ausdünnt, wird sie erstaunlich formbar. Und Formbarkeit ist, wie man hört, ein Zukunftsmarkt.
Kinderwunschmesse: Kiste Wein oder Baby im Paket?
Zum Schluss der moralische Sprengsatz: «Wish for a Baby» in Berlin und Köln. Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten, aber über das Ausland ein Geschäft. Monika Glöcklhofer vom Verein Frauenheldinnen will juristisch gegen die Messe vorgehen. Ihre These: Auf der Messe wird nicht nur informiert, sondern vermittelt. Es finden Anbahnungsgespräche statt, später kommen Angebote: «64’000 Euro Leihmutter, Kind in Mexiko», teurer in den USA, dort inklusive Geschlechtsselektion und mehreren «Versuchen». Das klingt nicht wie Medizinethik, das klingt wie Produktkonfiguration.
Glöcklhofer betont die Klassenfrage: Reiche «kaufen» sich die Körper armer Frauen, Verträge seien komplex, oft unverständlich, Kaiserschnitt, Kind weg, Rechte abgetreten. Eizellspende sei ebenfalls kein harmloses «Spenden», sondern hormonell und medizinisch riskant. Ihre zentrale Formel: Es gibt kein Recht auf ein Kind. Das ist hart, besonders für Paare mit unerfülltem Wunsch. Aber genau diese Härte soll den Punkt markieren: Ein Wunsch rechtfertigt nicht automatisch ein System, das andere Menschen zu Mitteln macht.
Ihr juristischer Hebel ist interessant: Gegen die Messe direkt geht es kaum, also gegen die Stadt wegen Aufsichtspflicht. Abgelehnt, weil angeblich nicht klageberechtigt. Nächster Schritt: Klage mit einer konkret angeworbenen Frau. Ziel: Verbot der Messe. Italien habe solche Veranstaltungen bereits verboten, politisch gebe es Flankierung, weltweit hunderte Organisationen.
Fazit: Eine Stunde Weltuntergang, sauber portioniert
Kontrafunk liefert an einem einzigen Mittwoch das komplette Menü unserer Zeit: Krieg, Vertragswerke, akademische Abrissbirnen und ein globales Geschäft mit Kinderwunsch. Dazu der Hinweis, dass Meinungsfreiheit Luxus sei, aber Fördermitgliedschaften helfen. Alles drin. Man könnte lachen, wenn es nicht so plausibel wäre.
Und genau das ist das Unangenehme: Das Absurde ist längst normalisiert. Wir haben uns daran gewöhnt, dass geopolitische Eskalationen wie Wetterberichte diskutiert werden, Verträge unterschrieben werden, die kaum jemand liest, und man bei einer Messe theoretisch «ein Kind» als Option bekommt. Modernität ist eben auch nur ein anderes Wort für: «Wir machen es, weil wir es können.»

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








