In meinem Studium der Medizin und auch später in der praktischen Tätigkeit hatte ich keinen Bezug zur Homöopathie – wohl aber zur Naturheilkunde. Ich trenne diese zwei Bereiche. Das Prinzip der Homöopathie wollte mir nie einleuchten. Bis heute. Aber ich akzeptiere es. Weder Herstellung noch Wirkung der Globuli ergeben für mich Sinn. Auch hier steckt ein riesiger Markt mit viel Werbung, Abnehmern und Profit dahinter. Allerdings konnte ich mich immer wieder davon überzeugen, wie die Einnahme klassischer Homöopathiemittel Beschwerden linderte. War das Zufall? War es Glaube? Placebo? Oder Selbstheilungskräfte? Ich startete vor vielen Jahren einen Versuch.
Meine Kinder litten, als sie klein waren, unter furchtbarer Reiseübelkeit. Kaum ein paar Kilometer gefahren, schon begann die Kotzerei. Unser damaliger Kinderarzt, ein Arzt alter Schule, empfahl «Cocculus». Vor der Fahrt 5 Kügelchen je Kind, Potenz D12. Für viel Geld holte ich das Fläschchen mit den Kügelchen und verteilte es wie angewiesen. Die Fahrt begann, und siehe da: Niemand musste speien. Nicht mal übel war ihnen. Neugierig und angefixt wollte ich mehr. Ich fuhr mit Kinder samt Kügelchen Bergstrecken. Nix passierte. Ich konnte es kaum glauben. War es wirklich so einfach? Jede Fahrt mit Kügelchen war problemlos. Liess ich diese weg, kam die Übelkeit.
In dieser Zeit sah ich in der Arbeit Mütter, die ihre Kinder bei Mittelohrentzündungen oder eitrigen Mandelentzündungen damit behandelten. Als klassisch ausgebildeter Arzt war ich entsetzt. Ich empfahl ein Antibiotikum – die Mütter lehnten ab. Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass die Mehrzahl der Mütter/Eltern recht behielten. Die Kinder wurden schnell wieder gesund. Ohne ein Antibiotikum. Jedoch war das nicht bei allen Kindern so. Ich erinnere mich an eine grässliche Mittelohrentzündung, eitrig inkl. geplatzten Trommelfell sowie an zwei furchtbare Mandelabszesse. Beides hätte in meinen Augen durch eine rechtzeitige Antibiotikagabe verhindert werden können. Ich schäme mich noch heute, wie hochnäsig ich auf die Eltern dieser Kinder herabblickte. Statt ihnen beizustehen, verurteilte ich sie. Schlechter Stil!
Doch zurück zu meinem Versuch. Ich sah, dass einige Anwender der Homöopathie erfolgreich waren und wollte mehr wissen. Also machte ich bei meinen Kindern weiter. Sie litten ja immer noch unter ihrer Reiseübelkeit. Bei der nächsten Gelegenheit gab ich ihnen wieder Kügelchen, allerdings nicht die empfohlenen. Nun holte ich Globuli gegen Husten. «Drosera», D6. Auch diese Kügelchen verabreichte ich vor der Fahrt. Und siehe da: Niemanden wurde übel. Liess ich diese Kügelchen weg, war jede Autofahrt eine Qual. Gab ich Drosera, gab es keine Spur von Übelkeit. Ich verstand das nicht. Die Globuli konnten also nicht der Grund sein. Aber woran lag es dann? Zuwendung? Selbsterfüllende Prophezeiung?
Mir fiel auf, dass ich die Gabe der Globuli ritualisierte und stets dabei sagte, dass sie gegen Übelkeit helfen würden. War es das? Ein neuer Versuch musste her. Dieses Mal kaufte ich essbare Zuckerperlen im Supermarkt. Wie gewohnt verteilte ich diese vor der Fahrt – und siehe da: Es wurde keinem Kind übel. Nichts passierte. Ich wiederholte den Versuch. Nichts. Keine Übelkeit. Keine Speierei. Bevor mich die Homöopathen nun schimpfen: Ja, ich sah, dass nach Gabe von Globuli Beschwerden besser wurden. Ich sah fiebernde Kinder abfiebern und gesund werden. Ohne Komplikationen. Ich sah aber auch Komplikationen, die meiner Meinung nach hätten verhindert werden können. Ich kann mir Homöopathie nicht erklären. Ich kann sie nicht verstehen. Ich sehe aber heute immer noch, dass Kinder unter Globuli abfiebern.
Steht es mir nun zu, die Homöopathie zu verurteilen? Nein. Dies steht mir nicht zu. Weshalb auch? Wer bin ich? Ich kann nicht verstehen, weshalb man die Homöopathie momentan so unter Beschuss nimmt. Was ist mit unserer sogenannten Toleranz? Viele Menschen glauben an bestimmte Rituale und Handlungen. Sie helfen ihnen. Das ist zu respektieren. Warum kann die Homöopathie nicht in Ruhe und Frieden von denen ausgeübt werden, die an sie glauben und davon überzeugt sind, dass sie hilft? Ich jedenfalls werde niemanden mehr dafür belächeln oder hochnäsig begegnen. Belassen wir es doch bei einem Nebeneinander.

(via Dr. Friedrich Pürner, MPH)


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