Die CT-Untersuchung ist das Wundermittel der modernen Medizin. In Sekunden liefert sie dreidimensionale Bilder des Körperinneren – präzise, detailliert, diagnostisch unschätzbar. Kein Arzt zweifelt daran, dass die Computertomographie Leben rettet. Täglich. Millionenfach. Die Frage, die eine 2023 in JAMA Network Open veröffentlichte Studie aufwirft, ist eine andere: Rettet sie auch jene Leben, die sie durch übermässigen Einsatz gefährdet? Die Antwort ist unbequem. Und sie kommt nicht von Querdenkern oder Gesundheitsaktivisten – sie kommt aus der Wissenschaft selbst.
Was die Studie zeigt
CT-Scans liefern erheblich höhere Strahlungsdosen als konventionelle Röntgenaufnahmen. Das ist bekannt, wird aber im klinischen Alltag oft unterschätzt. Eine einzelne Thorax-CT entspricht je nach Protokoll mehreren Hundert normalen Röntgenaufnahmen in Strahlungsäquivalenten.
Die JAMA-Studie geht weiter: Die Forscher schätzen, dass die Zahl der Krebserkrankungen, die möglicherweise durch CT-Strahlung verursacht werden, erheblich höher sein könnte als bisher angenommen. Besonders betroffen: Jüngere Patienten, die noch Jahrzehnte vor sich haben, in denen sich strahleninduzierte Schäden entwickeln können – und Patienten mit wiederholter Exposition, also jene, die aufgrund chronischer Erkrankungen regelmässig gescannt werden.
Konkret genannt werden erhöhte Risiken für Leukämie, Schilddrüsenkrebs und Brustkrebs. Die Forderung der Forscher ist klar: Kritischere Indikationsstellung. Nicht weniger Diagnostik, wo sie notwendig ist – sondern erheblich weniger dort, wo sie Routine, Absicherung oder wirtschaftlicher Reflex ist.
Die Ökonomie der Überdiagnostik
Hier liegt das eigentliche Problem. Nicht in der CT als Technologie, sondern im System, das sie einsetzt. Radiologische Abteilungen sind Umsatzzentren. CT-Geräte sind kapitalintensiv – ein modernes System kostet zwischen einer und drei Millionen Euro. Die Amortisation erfordert Auslastung. Auslastung erfordert Überweisungen. Überweisungen erfordern Ärzte, die – im Zweifel – lieber ein Bild zu viel als eines zu wenig anordnen.
Das nennt sich Defensive Medicine: Die Praxis, diagnostische Massnahmen nicht primär zum Wohl des Patienten anzuordnen, sondern zur Absicherung gegen Haftungsansprüche. «Wir hätten ja eine CT machen können» – dieser Satz vor Gericht wiegt schwer. Also macht man die CT.
Hinzu kommt das Abrechnungssystem. In vielen westlichen Gesundheitssystemen gilt: Mehr Leistungen, mehr Vergütung. Die CT ist teuer, gut vergütet und schnell durchgeführt. Klinisch-logisches Denken, das zum Schluss kommt «brauchen wir nicht», ist schlechter bezahlt als das Bild, das für alle Fälle gemacht wird.
Das Ergebnis: In Deutschland werden jährlich Millionen CT-Untersuchungen durchgeführt. Ein Teil davon rettet Leben. Ein Teil davon ist medizinisch unnötig – und hinterlässt eine Strahlungsdosis, die kumuliert über Jahre ein reales Risiko darstellt.
Besonders betroffen: Kinder und chronisch Kranke
Die Alarmglocke der JAMA-Studie gilt am lautesten für zwei Gruppen. Erstens: Kinder. Ihr sich entwickelndes Gewebe reagiert empfindlicher auf ionisierende Strahlung. Ein Kind, das mit zehn Jahren eine CT erhält, trägt das Risiko über Jahrzehnte. Pädiatrische Radiologie hat eigene Niedrigdosis-Protokolle entwickelt – aber die werden nicht überall konsequent angewendet. Zweitens: Patienten mit chronischen Erkrankungen, die regelmässig kontrolliert werden. Krebspatienten in Nachsorge. Entzündungspatienten mit abdominellen Beschwerden. Menschen mit neurologischen Erkrankungen. Sie alle sammeln Strahlungsdosen über Jahre – ohne dass je jemand die kumulative Gesamtbelastung berechnet und gegen den diagnostischen Nutzen aufgewogen hat.
Was verantwortungsvolle Medizin bedeutet
Die JAMA-Studie fordert keine Abschaffung der CT. Sie fordert das, was im Kern jeder medizinischen Entscheidung stehen sollte: Abwägung. Ist diese Untersuchung für diesen Patienten jetzt notwendig? Gibt es eine Alternative mit weniger Strahlenbelastung – Ultraschall, MRT, klinische Beobachtung? Hat der Patient schon Voraufnahmen, die verglichen werden könnten, statt neue Bilder zu erzeugen? Ist die Wahrscheinlichkeit eines relevanten Befundes hoch genug, um die Strahlungsdosis zu rechtfertigen? Diese Fragen sollten selbstverständlich sein. Sie sind es nicht – weil das System Anreize setzt, die in eine andere Richtung zeigen.
Was fehlt
Was in der öffentlichen Gesundheitsdebatte fehlt, ist die ehrliche Diskussion über den Unterschied zwischen medizinischem Fortschritt und medizinischer Überanwendung. CT-Scanner retten Leben. Das steht ausser Frage. Aber jedes Werkzeug hat eine Indikation – und eine Kontraindikation. Ein Skalpell, das überall eingesetzt wird, richtet mehr Schaden an als eines, das gezielt geführt wird. Die Wissenschaft sagt es. Die Studie ist publiziert. Die Forderung nach kritischerer Entscheidungsfindung liegt auf dem Tisch.
Das Bild ist gemacht.
Die Diagnose steht.
Die Frage, ob sie notwendig war, stellt niemand.
Die Strahlungsdosis bleibt trotzdem…








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