Es gibt Politiker, die lügen schlecht. Es gibt Politiker, die lügen gut. Und dann gibt es Friedrich Merz, der so lügt, dass man ihm fast applaudieren möchte – nicht aus Bewunderung, sondern aus schierem Staunen darüber, wie dreist man ein ganzes Land an der Nase herumführen kann, während man gleichzeitig das Gesicht des besorgten Staatsmannes aufsetzt. Der Mann steht also vor die Kameras, schaut uns mit jener gepflegten Ernsthaftigkeit an, die man an der Ruhr-Universität nicht lernt, aber offensichtlich in den Vorstandsetagen der Merrill Lynch einsaugt, und erklärt uns allen, dass Deutschland selbstverständlich nicht am Krieg im Nahen Osten beteiligt sei. Dass er das alles nicht unterstütze. Dass man sehr besorgt sei. Sehr, sehr besorgt natürlich. Bundeskanzler-Sorgenfalten inklusive.
Unterdessen stehen 35’000 amerikanische Soldaten in Deutschland. Unterdessen existieren 20 US-Militärbasen auf deutschem Boden. Unterdessen fliegen Militärmaschinen über Grafenwöhr und Ramstein – jene Ramstein, die seit Jahren als Drehscheibe für amerikanische Militäroperationen im Nahen Osten fungiert, was kein Geheimnis ist, nicht mal für Merz, der bekanntlich nicht auf der letzten CDU-Klausurtagung eingeschlafen ist. Aber Merz unterstützt das alles nicht. Nein, nein. Er ist dagegen. Ganz klar dagegen. Nur eben nicht so dagegen, dass er irgendetwas dagegen täte.
Das ist das Kunststück, das man bewundern muss: Aktive Komplizenschaft, verpackt als hilfloser Zuschauer. Deutschland als logistisches Rückgrat eines Krieges, dessen Bundeskanzler offiziell die Hände in Unschuld wäscht – und das mit einer Selbstverständlichkeit, die jeden Chuzpe-Rekord bricht, der je aufgestellt wurde.
Ernst Wolff hat es im Gespräch mit Krissy Rieger auf den Punkt gebracht: Merz vollführt einen Eiertanz. Er muss, denn er weiss genau, dass ein erheblicher Teil der deutschen Bevölkerung von diesem Krieg – wie von jedem Krieg davor – schlicht nichts wissen will. Also sagt er: Ich bin dagegen. Und lässt gleichzeitig alles geschehen, was dafür notwendig ist. Das nennt man in der Politikwissenschaft vermutlich «strategische Ambiguität». Auf dem Dorf würde man es anders nennen.
Was Wolff ausserdem zurecht aufdröselt: Trump hat die Situation provoziert. Ohne den Angriff auf den Iran wäre die Strasse von Hormus heute offen. Stattdessen hat man den Iran angegriffen, war dann theatralisch «überrascht», dass der Iran zurückschlägt – obwohl Satellitentechnologie und Geheimdienstberichte dem amerikanischen Establishment exakt sagten, was zu erwarten war – und nutzt diese «Überraschung» nun, um europäische NATO-Partner in den Konflikt hineinzuziehen. Merz soll mitmachen. Merz soll liefern. Nicht mit Worten, versteht sich. Mit Basen, mit Überflugrechten, mit logistischer Infrastruktur – kurzum mit allem, was einen Krieg am Laufen hält, ohne dass man seinen Namen daruntersetzen muss.
Und Merz macht mit. Schweigend, lächelnd, besorgt dreinblickend. Dabei wäre die Antwort eigentlich simpel. Jemand im Publikum des Gesprächs hat es treffend formuliert: Wenn Trump droht, die US-Truppen abzuziehen, wäre die ehrliche Reaktion schlicht: Bitte. Gerne. Auf Wiedersehen. Dann wären wir vielleicht, zum ersten Mal seit Jahrzehnten, wieder ein souveräner Staat und kein verlängerter Arm amerikanischer Kriegslogistik mit eigenem Bundestag. Aber Souveränität ist nicht das Geschäftsmodell von Friedrich Merz. Sein Geschäftsmodell ist das Verwalten von Abhängigkeiten – nach oben buckeln, nach unten erklären, warum man leider nichts ändern kann.
Während er also den Betroffenen spielt, verdient die Rüstungsindustrie prächtig. Rheinmetall steht bereits in den Startlöchern, sich VW-Kapazitäten unter den Nagel zu reissen – nicht für Elektroautos, die ohnehin niemand kaufte, sondern für Kriegsgerät. Das ist die industriepolitische Realität des neuen Deutschland: Wir haben den grünen Strukturwandel vergeigt, also machen wir Panzer. Klimaneutrale Kriegswirtschaft gewissermassen. Hauptsache Wachstum.
Der Mittelstand? Der kann sich warm anziehen – buchstäblich, denn Heizöl wird teurer. Die Lieferketten reissen, die Transportkosten explodieren, die Düngemittelpreise schiessen durch die Decke, weil 35 Prozent der weltweiten Rohstoffe dafür durch die Strasse von Hormus fliessen – oder eben nicht mehr fliessen. Ernteausfälle drohen. Nahrungsmittelpreise werden folgen. Wer das überlebt, sind nicht die Kleinen, sondern die Grossen, die Konzerne mit Rücklagen, die Hedgefonds, die Blackrocks dieser Welt.
Und Merz? Merz schaut besorgt. Sehr, sehr besorgt.
Man könnte fast Mitleid haben – wenn der Mann nicht so ziemlich genau wüsste, was er tut. Denn das ist das Perfide an diesem Eiertanz: Er ist kein Fehler. Er ist Methode. Die Methode, eine Bevölkerung in dem Glauben zu wiegen, sie hätte einen Kanzler, der ihre Interessen vertritt, während dieser Kanzler in Wirklichkeit sicherstellt, dass alles bleibt, wie es ist – also schlecht für die vielen und gut für die wenigen.
Franklin D. Roosevelt soll gesagt haben: In der Politik passiert nichts zufällig. Wenn etwas passiert, ist es geplant. Friedrich Merz ist kein Zufallsprodukt. Sein falsches Spiel erst recht nicht.
Merz mit falschem Spiel | DAS wird momentan vorbereitet! | Ernst Wolff im Gespräch mit Krissy Rieger
Der 4. April ist vorbei. Die Petition ist unterschrieben, geteilt, beklatscht, beschimpft worden. Und jetzt kommt der Teil, den man in funktionierenden Systemen eigentlich zuerst erwartet: Das Ergebnis. Es ist da. Und es ist… nun ja, sagen wir: Konsequent irritierend und weit weg jeglicher Gerechtigkeit.
Das Landgericht Saarbrücken hat entschieden. Der Täter, der einen Polizisten mit mehreren Schüssen tötete, wurde nicht wegen Mordes verurteilt, sondern wegen besonders schweren Raubes. Gleichzeitig wurde seine dauerhafte Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung angeordnet, weil das Gericht von Schuldunfähigkeit ausging. Man kann das juristisch erklären. Man kann es sogar sauber herleiten. Und genau darin liegt das Problem.
Denn während die Justiz damit beschäftigt ist, zwischen moralischer und strafrechtlicher Schuld zu unterscheiden, sitzt draussen eine Öffentlichkeit, die sich fragt, ob sie gerade Zeuge eines hochkomplexen Rechtsakts wird – oder eines Systems, das sich in seiner eigenen Logik verirrt hat. Der Rechtsstaat liefert. Nur nicht das, was erwartet wurde.
Die offizielle Version lautet ungefähr so: Nicht jede Tötung ist Mord. Nicht jeder Täter ist schuldfähig. Und wenn jemand aufgrund einer schweren psychischen Erkrankung nicht in der Lage ist, sein Handeln zu steuern, dann greift nicht das Strafrecht, sondern das Massregelrecht. Das ist juristisch korrekt. Punkt.
Und gleichzeitig erzeugt genau diese Korrektheit eine Reibung, die inzwischen so gross ist, dass selbst die Polizei nicht mehr still danebensteht, sondern zur digitalen Unterschrift greift. Die Ironie dabei ist fast schon elegant: Der Rechtsstaat funktioniert formal einwandfrei – und verliert dabei genau das, was ihn tragen soll: Vertrauen. Revision? Ja. Beruhigung? Eher nicht.
Die Staatsanwaltschaft hat Revision angekündigt. Politiker fordern eine Überprüfung. Öffentlich wird diskutiert, kritisiert, empört. Das Urteil ist also noch nicht rechtskräftig. Was beruhigend klingen soll, wirkt eher wie ein «Bitte warten»-Hinweis in einem System, das gerade neu startet – ohne zu wissen, ob es danach stabil läuft. Währenddessen mahnt der Richterbund zur Sachlichkeit und erinnert daran, dass ein Strafprozess keine moralische Bewertung vornimmt, sondern eine rechtliche.
Das ist korrekt. Wieder einmal. Nur hilft diese Korrektheit erstaunlich wenig, wenn draussen längst ein anderes Gefühl dominiert, dass hier etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Der politisch willfährige Rechtsstaat – ein Missverständnis mit Ansage
Jetzt wird es heikel. Denn an dieser Stelle beginnt der Bereich, in dem Wahrnehmung und Systemlogik frontal aufeinandertreffen. Ein Teil der Öffentlichkeit sieht:
Ein getöteter Polizist
Einen Täter
Kein Mordurteil
Die Justiz sieht:
Eine komplexe Tat
Einen psychisch schwer erkrankten Täter
Keine Schuldfähigkeit
Beide Perspektiven existieren gleichzeitig. Und sie passen nicht zusammen. Hier entsteht das, was man inzwischen fast schon routiniert beobachten kann: Der Eindruck eines Rechtsstaats, der nicht mehr neutral wirkt, sondern erklärungsbedürftig. Der nicht mehr selbstverständlich akzeptiert wird, sondern verteidigt werden muss. Und genau in diese Lücke stösst die Politik.
Plötzlich wird «Vertrauen in den Rechtsstaat» zur politischen Aufgabe. Minister äussern sich. Parteien positionieren sich. Und irgendwo zwischen all dem steht die Justiz und sagt: «Wir haben einfach nur das Gesetz angewendet.» Was technisch stimmt. Aber politisch längst nicht mehr ausreicht. Die Polizei als letzte Instanz des Vertrauens?
Jetzt kommt der eigentlich absurde Teil, der sich weigert, weniger absurd zu werden, egal wie oft man ihn betrachtet: Die Polizei hat öffentlich zur Unterstützung einer Petition aufgerufen, um eine gerichtliche Entscheidung überprüfen zu lassen. Also:
Exekutive zweifelt an Judikative
Politik soll korrigierend eingreifen
Öffentlichkeit wird mobilisiert
Das ist kein Einzelfall mehr. Das ist ein System in Interaktion mit sich selbst – nur ohne klares Drehbuch. Früher war die Reihenfolge simpel:
Gesetz → Urteil → Durchsetzung
Heute scheint es eher so zu laufen:
Urteil → Zweifel → Petition → politische Einordnung → mögliche Revision → öffentliche Debatte → Vertrauensfrage
Effizient ist anders. Stabil auch.
Vertrauen ist kein Paragraf
Man kann dieses Urteil verteidigen. Juristisch, sachlich, differenziert. Das tun viele. Man kann es auch kritisieren. Emotional, politisch, gesellschaftlich. Das tun noch mehr. Was man aber nicht mehr ignorieren kann: Das Vertrauen ist der eigentliche Schauplatz dieses Falls. Und dieses Vertrauen lässt sich nicht per Gutachten herstellen.
Wenn Bürger, Politiker und inzwischen sogar Teile der Exekutive beginnen, Entscheidungen der Justiz nicht mehr einfach hinzunehmen, sondern aktiv zu hinterfragen, dann verändert sich etwas Grundsätzliches. Dann wird der Rechtsstaat nicht mehr als feste Struktur wahrgenommen, sondern als verhandelbares Ergebnis. Und das ist… sagen wir vorsichtig: Keine stabile Grundlage.
Fazit, ohne juristische Floskeln
Der 4. April war kein Wendepunkt. Er war eher ein Symptom, das jetzt eine Diagnose bekommen hat. Das Urteil ist gesprochen. Die Revision läuft. Die Debatte eskaliert in Zeitlupe. Und der Rechtsstaat?
Der steht da, geschniegelt, korrekt, formal einwandfrei – und wirkt gleichzeitig erstaunlich fragil. Nicht, weil er nicht funktioniert. Sondern weil immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass er anders funktioniert, als sie es erwarten. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Krise: Nicht das Urteil. Sondern die wachsende Distanz zwischen Recht und Gerechtigkeit. Die lässt sich nämlich nicht einweisen. Auch nicht auf unbestimmte Zeit…
Revolte gegen Landgericht - Kollaps des Rechtsstaates in Deutschland
Es gibt Momente, in denen die Geschichte nicht schleicht, sondern stolpert – und dabei versehentlich auf den roten Knopf tritt. Heute Nacht, während Trump in gewohnter Grossmäuler-Manier verkündet, eine ganze Zivilisation werde untergehen, «um nie wieder zurückzukehren» – wobei er das mit der Emphase eines Reality-TV-Moderators sagt, der gerade die letzte Staffel seiner liebsten Trash-Show ankündigt – während also dieser Mann das Schicksal des Iran in 280 Zeichen fasst, antwortet Teheran mit einer Drohung, die sich gewaschen hat: Infrastruktur der USA und ihrer Partner im Persischen Golf, Öl und Gas für Jahre gekappt. Punkt. Kein Smiley.
Heute ist der, an dem die Bombe fällt
Heute ist der, an dem die Bombe fällt (via Snicklink)
Und irgendwo im Hintergrund, fast schon zur Tapete geworden, läuft der andere Weltbrand weiter: Ukraine. Russland. Die NATO. Zwei Jahre Stellungskrieg, Tausende Tote täglich und eine Eskalationsleiter, deren oberste Sprosse aus Uran gefertigt ist. Willkommen in der schönsten aller möglichen Welten.
Man muss dem westlichen Politikbetrieb lassen: Er versteht es meisterhaft, mehrere existenzielle Krisen gleichzeitig zu ignorieren und trotzdem so zu tun, als habe man alles im Griff. Während die Diplomatie im ukrainisch-russischen Konflikt seit Monaten zwischen «wir liefern mehr Waffen» und «wir liefern noch mehr Waffen» pendelt, hat niemand ernsthaft die Frage gestellt, wo das logische Ende dieser Eskalationsspirale liegt. Spoiler: Es liegt nicht in einem Waffenstillstand bei Tee und Keksen in Genf.
Russland hat seine Nukleardoktrin offiziell angepasst. Nicht als leere Geste, nicht als diplomatisches Säbelrasseln für die Kameras – sondern als handfeste, schriftlich fixierte Absenkung der Schwelle für den Ersteinsatz. Die Antwort des Westens? Mehr Langstreckenraketen. Freigabe für Angriffe auf russisches Staatsgebiet. Und dazu die beruhigende Mantrahaftigkeit von Politikern, die versichern, man sei nicht Kriegspartei. Als wäre das der relevante Unterschied, wenn die erste taktische Nuklearwaffe fällt.
Und nun also Iran. Als wäre eine thermonukleare Drohkulisse nicht genug, bastelt die Weltgemeinschaft fleissig an einer zweiten. Trump, der sich selbst für einen Dealmaker hält, hat offenbar nicht bemerkt, dass die Deals, die er anstrebt, nicht auf einem Basar in Atlantic City verhandelt werden, sondern in einer Region, die zu den ölreichsten und gleichzeitig instabilsten der Welt gehört. Wenn Iran tatsächlich die Energieinfrastruktur im Persischen Golf angreift – und die Drohung klang nicht wie Höflichkeitsformel – dann brennt nicht nur eine Pipeline. Dann brennen Lieferketten, Märkte, Bündnisverpflichtungen. Dann stellen sich Fragen, die bisher nur Planspiele in Militärakademien bevölkert haben.
Und dann – dann sind wir an dem Punkt, den die Quelle nüchtern benennt: Die einzige verbleibende Eskalationsstufe ist nuklear.
Was macht das mit der Ukraine-Situation? Es macht sie nicht besser. Es multipliziert das Chaos. Denn die USA, die gleichzeitig im Persischen Golf operieren, Russland gegenüberstehen und China am Horizont beobachten, sind kein unerschöpfliches Arsenal. Jede Ressource, die in eine Krise fliesst, fehlt in der anderen. Und jeder Akteur – Moskau eingeschlossen – liest das. Putin ist kein Tier, er ist ein Kalkulierer. Und ein Kalkulierer, dem man gerade zeigt, dass sein Gegenüber an drei Fronten gleichzeitig jongliert, zieht seine Schlüsse.
Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann einer der Jonglierenden einen Ball fallen lässt. Und welcher Ball das sein wird. «Gott segne das grossartige Volk des Iran», schreibt Trump. Als ob Gott in dieser Angelegenheit noch Schichten hat. Als ob Segen irgendwas repariert, was Jahrzehnte verfehlter Aussenpolitik, Sanktionskriege und Stellvertreterkonflkte angerichtet haben. 47 Jahre Erpressung und Korruption, heisst es. Als würde Washington dabei nicht mitspielen. Als wäre der Westen in dieser Geschichte der neutrale Erzähler und nicht einer der Hauptdarsteller.
Heute Nacht könnte eine Zivilisation untergehen. Vielleicht mehrere. Und der Mann, der darüber twittert, hält das für einen guten Anfang.
Irgendwo in den Tiefen von Menlo Park sitzt ein Produktmanager, der einmal in einem Meeting sagte: «Wir müssen die Verweildauer maximieren.» Er hat dabei wahrscheinlich nicht an die schlaflose Siebzehnjährige gedacht, die um drei Uhr morgens ihren Körper mit Influencer-Körpern vergleicht. Er hat an die nächste Quartalspräsentation gedacht. Das ist kein Vorwurf. Das ist Geschäftsmodell. Ein Geschworenengericht in Los Angeles hat letzte Woche Google und Meta zu sechs Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt – an eine einzige Person. Eine heute 20-jährige Frau, die ihre jahrelangen Angstzustände, Essstörungen und Selbstmordgedanken auf ihre Instagram- und YouTube-Sucht zurückführt. Sie sei einfach nicht mehr losgekommen von diesen Plattformen. Die Unternehmen legen natürlich Berufung ein. Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Und es ist erheblich mehr als sechs Millionen Dollar.
Denn das Urteil ist nicht wegen der Summe bedeutsam. Sechs Millionen Dollar sind für Meta und Google das, was für einen normalen Menschen das Kleingeld in der Jackentasche ist – lästig beim Waschen, sonst irrelevant. Bedeutsam ist die Begründung. Es geht nicht um Inhalte. Es geht nicht um Hassrede oder Fehlinformationen. Es geht um das Produktdesign selbst. Die Algorithmen sind die Angeklagten. Die Push-Benachrichtigungen. Das automatische Weiterspielen. Die Endlosschleife. Interne Dokumente, die an die Öffentlichkeit gelangt sind – Whistleblower, die offenbar noch ein Gewissen hatten, bevor auch das optimiert wurde – legen nahe, dass die Konzerne bewusst Produkteigenschaften mit Suchtcharakter gewählt haben. Und dass sie um die schädliche Wirkung auf Kinder wussten. Man hat das gewusst, es intern diskutiert, schriftlich festgehalten – und dann das nächste Feature-Update ausgerollt. Das ist nicht Fahrlässigkeit. Das ist Produktstrategie.
Die Parallele zur Tabakindustrie drängt sich auf und sie wird von Kritikern bereits laut gezogen. Sie hinkt, das stimmt. Es ist schwerer, den kausalen Zusammenhang zwischen Instagram-Nutzung und Essstörungen zu beweisen als zwischen Zigaretten und Lungenkrebs. Aber die strukturelle Ähnlichkeit ist bestürzend präzise: Ein Unternehmen weiss, dass sein Produkt schadet. Es verkauft es trotzdem. Es optimiert es weiter. Es richtet sich gezielt an junge Menschen. Und wenn es dann vor Gericht muss, zieht es die Sache jahrelang in die Länge und hofft, dass die Kläger aufgeben.
Die Tabakindustrie hat dieses Spielchen jahrzehntelang gespielt – bis es nicht mehr ging. Silicon Valley spielt es seit etwa zwanzig Jahren. Und langsam, sehr langsam, wird das Kartenhaus sichtbar.
Was besonders pikant ist: Das Geschäftsmodell, das hier auf der Anklagebank sitzt, heisst Aufmerksamkeitsökonomie – und es hat sich längst aus den sozialen Netzwerken heraus in die nächste Technologiegeneration gefressen. KI-Chatbots. Auch diese beantworten nicht einfach Fragen. Sie schmeicheln. Sie stellen Rückfragen. Sie halten das Gespräch am Laufen. «Interessanter Gedanke – möchtest du mehr darüber erfahren?» Das ist kein Service. Das ist das gleiche Prinzip wie «Und hier ist das nächste Video, das du magst» – nur in Textform und mit dem Nimbus der Intelligenz. OpenAI hat bei manchen ChatGPT-Abomodellen bereits Werbung eingeführt. Der Kreis schliesst sich. Das, was als revolutionäre Technologie für menschliche Emanzipation angepriesen wurde, läuft auf dasselbe Geschäftsmodell hinaus: Maximiere die Zeit, die der Nutzer mit deinem Produkt verbringt. Verkaufe diese Zeit an Werbetreibende. Optimiere die Sucht. Wiederhole.
Juristisch ist der nächste Schritt naheliegend: Wenn Instagram für emotionale Abhängigkeit bei Minderjährigen haftet, warum dann nicht auch ein KI-Chatbot, der gezielt Bindung erzeugt? Der bei einsamen Teenagern emotionale Bedürfnisse simuliert, um die Verweildauer zu erhöhen? Der Unterschied zwischen einem Instagram-Algorithmus und einem empathisch programmierten Chatbot ist graduell, nicht prinzipiell. Beide sind darauf ausgelegt, dass du nicht aufhörst. Das Interessante an diesem Urteil ist, dass es parteiübergreifend resoniert. Demokratische und republikanische Eltern sehen ihre Kinder gleichermassen ohne Unterbrechung am Handy hängen. Das ist einer der seltenen politischen Konsense im gespaltenen Amerika: Big Tech hat die Kindheit optimiert – zu Ungunsten der Kinder.
Die Unternehmen werden Berufung einlegen. Sie werden Studien finanzieren, die das Gegenteil beweisen. Sie werden Lobbyisten in Gesetzgebungsprozesse schicken. Sie werden auf «digitale Mündigkeit» und «Selbstverantwortung» pochen – dieselben Argumente, mit denen die Tabakindustrie jahrzehntelang jeden Regulierungsversuch abgewehrt hat. Und vielleicht werden sie damit wieder eine Weile Erfolg haben. Aber das Modell hat einen Riss bekommen. Die Klage ist kein Einzelfall – Gliedstaaten, Schulbezirke, Elternorganisationen stehen Schlange. Und jedes Mal, wenn ein Gericht sagt: «Das Produktdesign ist das Problem», wird es schwerer, so zu tun, als ob ein vierzehn Jahre altes Mädchen einfach mehr Selbstdisziplin hätte entwickeln sollen.
Das Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsökonomie basiert auf einer einzigen Prämisse: Menschliche Aufmerksamkeit ist eine handelbare Ressource, die man durch technisches Design extrahieren und verkaufen kann – ohne Rücksicht auf das, was dieser Extraktionsprozess mit dem Menschen macht. Sechs Millionen Dollar für eine kaputte Seele. Das Gericht hat einen Preis festgesetzt. Die eigentliche Frage ist, ob die Gesellschaft bereit ist, diesen Preis ernstzunehmen – oder ob sie lieber weiterscrollt…
Es gibt Geschichten, die so unglaublich sind, dass man sie erfunden hätte, wenn sie nicht wahr wären. Und dann gibt es Geschichten, die so systemisch, so vorhersehbar, so unvermeidlich sind, dass man sich fragt, warum überhaupt noch irgendjemand überrascht tut. Was sich im schwedischen Örebro ereignet hat, gehört zur zweiten Kategorie – und wer jetzt noch so tut, als wäre das ein Einzelfall, lügt entweder sich selbst an oder hat bezahlte Gründe dafür.
Fangen wir beim Fundament an. 2015 kommt ein junger Syrer als Asylsuchender nach Schweden. 2018 wird er eingebürgert – Schweden, das Land, das Integration als Sakrament betrachtet und Staatsbürgerschaft als kollektive Therapiemassnahme für schlechtes Gewissen. Irgendwo dazwischen war er Bandenmitglied, wurde wegen Raubüberfällen und bewaffneten Drohungen verurteilt. Das nennt man eine Biografie. In einem funktionierenden System würde diese Biografie dazu führen, dass man gewisse Berufsfelder für diese Person ausschliesst – zum Beispiel jene, bei denen man allein mit wehrlosen, alten, pflegebedürftigen Menschen eingeschlossen ist. In Schweden führt diese Biografie offenbar dazu, dass man im häuslichen Pflegedienst angestellt wird. Denn irgendjemand musste ja diese Arbeit machen.
Was dieser Jemand dann tat, ist dokumentiert – von ihm selbst, auf Video, mit einer Selbstsicherheit, die nur eines bedeuten kann: Er war überzeugt, vollständig straffrei zu sein. Und warum auch nicht? Das System hatte ihm bis dahin keinen einzigen Grund gegeben, das Gegenteil anzunehmen. Er nennt eine 92-jährige Frau einen «Affen» und eine «Hure», kneift ihr in die Nase. Er giesst einem 81-jährigen Mann Eiswasser in die Dusche, brüllt ihm dabei direkt ins Ohr «Allahu Akbar» und kündigt an, ihn einfrieren zu lassen. Er lächelt dabei. Er filmt sich dabei. Er veröffentlicht es im Internet. Das sind keine Entgleisungen eines überforderten Pflegers. Das ist purer, dokumentierter, selbstbewusst zur Schau gestellter Sadismus an Menschen, die sich nicht wehren können, nicht schreien können, nicht weglaufen können. Menschen, die in ihrer letzten Lebensphase darauf angewiesen sind, dass ihnen jemand hilft – und die stattdessen jemanden bekommen, der sie demütigt, foltert und das Ganze geniesst.
Das eigentliche Meisterwerk dieser Geschichte beginnt jedoch danach. Ende November wird der Mann suspendiert. Mit vollem Gehalt, versteht sich – man ist ja in Schweden, nicht in einem Land ohne Sozialbewusstsein. Und dann, am 2. Januar, wird er wiedereingestellt. Die Begründung: Das Gesetz lasse eine Suspendierung von mehr als einem Monat nicht zu. Man habe keine andere Wahl gehabt. Die Bürokraten haben sich hinter Verfahren versteckt und diesem Peiniger erlaubt, wieder an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren – zu denselben wehrlosen Menschen, die er bereits misshandelt hatte. Das ist kein Verwaltungsversagen. Das ist ein Schlag ins Gesicht jedes Opfers und jeder Familie, die darauf vertraut hat, dass der Staat seine schwächsten Bürger schützt. Es ist die organisierte Kapitulation eines Systems, das vor den Konsequenzen des eigenen Handelns zittert wie ein Schulmädchen vor der Klassenarbeit.
Am 19. Januar wird er schliesslich verhaftet. Zu diesem Zeitpunkt hatte er also nach seiner Suspendierung noch einmal zweieinhalb Wochen ungehinderten Zugang zu pflegebedürftigen Senioren. Was in diesen zweieinhalb Wochen vorgefallen ist, wird man vielleicht noch herausfinden. Oder auch nicht.
Das Absurdeste zum Schluss: Ausgewiesen werden kann er nicht. Er ist schwedischer Staatsbürger. Die Einbürgerung von 2018 – erworben mit einer Biografie, die in einem anderen Kontext zur Verweigerung selbst eines Touristenvisums geführt hätte – schützt ihn nun vollständig vor den Konsequenzen, die ein Nicht-Staatsbürger zu spüren bekäme. Die schwedische Gesellschaft hat ihn aufgenommen, integriert, eingebürgert, angestellt, bezahlt, wiederangestellt und kann ihn jetzt nicht loswerden. Das nennt man ein rundes Konzept.
Und dieser Fall steht nicht allein. Statistiken und Berichte aus den Jahren 2024 bis 2026 zeigen einen drastischen Anstieg gemeldeter Missbrauchsfälle im schwedischen Pflegesektor. Dutzende Fälle von Misshandlung und sexuellen Übergriffen auf Senioren wurden zuletzt in Uppsala und Stockholm aufgedeckt. Personalmangel, fehlende Hintergrundchecks, ideologische Scheuklappen bei der Personalauswahl – das ist das Biotop, in dem solche Täter gedeihen. Menschen, die die Kultur und die Werte ihrer Gastgesellschaft offen verachten, werden zur Betreuung der Schwächsten zugelassen, weil das Stellen kritischer Fragen bei der Einstellung als diskriminierend gilt. Die 99-jährige Pflegebedürftige diskriminiert dabei niemanden. Sie zahlt mit ihrer Würde.
Was dieser Fall eigentlich offenbart, ist keine Einzeltätergeschichte. Es ist die Geschichte eines Systems, das Schutzbefohlene routinemässig Menschen anvertraut, über die es nichts weiss, nichts wissen will und nichts wissen zu müssen glaubt – weil das Wissen unbequeme Fragen aufwerfen würde. Über Einstellungskriterien. Über Vorstrafen als Ausschlusskriterium. Über die Frage, ob Integration als blosses Papierdokument ausreicht, um jemandem die intimste Verantwortung für das Leben alter Menschen zu übertragen.
Diese Mechanismen, diese strukturelle Gleichgültigkeit, dieses behördliche Wegschauen – sie sind keine schwedische Spezialität. Sie sind exportfähig. Sie reisen mit denselben Konzepten, denselben Phrasen, denselben politischen Reflexen, die überall in Europa das kritische Denken durch moralisches Posieren ersetzt haben. Während du Überstunden machst, während du dir den Heimplatz für deine Eltern oder Grosseltern mit Mühe und Not zusammensparst, läuft im Hintergrund ein System, das die Fürsorge für deine Liebsten an den Nächstbesten vergibt – Hauptsache, die Stelle ist besetzt und niemand muss unbequeme Fragen stellen.
Die 92-jährige Frau, die als «Hure» beschimpft wurde, hat dieses System nicht gewählt.
Sie hat ihm vertraut. Und das System hat sie verraten.
Das ist kein Zufall. Das ist Politik…
Das Leben, dieser rätselhafte Zwischenfall im ewigen Atem des Universums. Ein göttlicher Irrtum mit System, ein Experiment, das Bewusstsein genannt wird. Wir kommen schreiend auf diese Welt, als ob unsere Seele ahnte, worauf sie sich eingelassen hat – und gehen wieder, während andere weinen, weil sie noch nicht verstanden haben, dass es nie ums Bleiben ging, sondern ums Erkennen.
Zwischen Anfang und Ende entfaltet sich das göttliche Theater: Lektionen getarnt als Rechnungen, Prüfungen in der Gestalt von Menschen, die wir «lieben» sollen und plötzliche WLAN-Ausfälle als karmische Erinnerung daran, dass Verbindung nichts mit Technik zu tun hat.
Der Mensch sucht nach seinem «Zweck», als wäre das Universum ein Büro und er ein vergessener Angestellter auf der Suche nach seinem Aufgabenbereich. Dabei war der Sinn nie zu finden – nur zu erinnern. Denn dein Zweck ist nicht etwas, das du tust, sondern etwas, das du bist, wenn du endlich aufhörst, dich zu suchen.
Das Universum selbst ist der Trickster unter den Göttern – launisch, verspielt, sarkastisch. Es schenkt dir alles, was du brauchst, aber nie in der Form, die du erwartest. Es ist der Spiegel, der dich mit deinen eigenen Widersprüchen konfrontiert und dabei flüstert: «Schau, das bist du – in göttlicher Verkleidung.»
Am Ende lacht niemand über diesen kosmischen Witz, weil jeder Teil des Pointenaufbaus ist. Doch vielleicht ist genau das der Humor des Göttlichen: Dass selbst das Leiden, die Verwirrung und das Chaos nur Masken des Erwachens sind.
Denn wenn du irgendwann begreifst, dass das Leben dich nie bestrafen, sondern nur lehren wollte – dann lachst du endlich mit. Und das Echo dieses Lachens hallt durch alle Welten…
Der vorliegende Text entfaltet eine weitreichende, provokative These: Die meisten Sprachen der Welt – von Maya-Sprachen über Japanisch, Arabisch, Ungarisch bis hin zu Russisch – gingen im Kern auf das Althochdeutsche (AHD) zurück. Nicht nur einzelne Wörter, sondern Grammatik, Namen, Mythen und Götterbegriffe seien angeblich durchgehend germanischen Ursprungs. Daraus leitet der Autor ein Weltbild ab, in dem «deutsche» Sprach- und Kulturspuren global dominieren – bis zur Behauptung, Juden, Araber, Chinesen u.a. seien sprachlich bzw. kulturell im Grunde «deutsch». Die gängige Linguistik, Etymologie und die Idee von „Lehnwörtern“ erklärt er dabei für grob fehlgeleitet.
Ausgangspunkt: Angstnarrativ und Identitätsfrage
Eingangs verweist der Text auf die (politische) Angst, «die Deutschen» sollten «ausgemerzt» werden – um dann sofort die Identitätsfrage zu stellen: Wer sind «die Deutschen» überhaupt? Als Indizien werden Exonyme herangezogen (z.B. «nemzki»/»nemsi»), die in mehreren Sprachen für «Deutsch(e)» stehen. Daraus wird eine generelle These gestrickt: Der «deutsche Geist» sei global verbreitet – nicht als moderne Nationalität, sondern als uraltes sprachlich-kulturelles Prinzip.
Linguistische Hauptbehauptung
Kernidee: Weltweit lassen sich Wörter, Lautverschiebungen und Morphologie als Varianten althochdeutscher Formen deuten. Beispiele:
«Wasser»: Der Text listet AHD-Formen («wak», «uwa/ovia», «o», «was») und behauptet, nahezu alle Sprachen liessen sich darauf zurückführen – von Nahuatl und Maya bis Japanisch («mitsu») oder Chinesisch («sui»)
Lautentsprechungen: Wiederkehrende Muster wie R ↔ L, B ↔ M, F ↔ B, D → Q/K sollen die Brücke zwischen AHD und heutigen Formen bilden (z.B. Berliner «ick/jeh», hessische Endsilben-Tilgung, italienisches «Firenze»/»Fiora»)
Toponyme & Hydronyme: Von «Uruguay/Paraguay» (als Varianten von AHD «wak») bis «Moskau» (als «mosige Aue»), «Gibraltar» (aus «Gebirg») oder «Zagreb» (Rückwärtsspuren von «Berg»)
Religiöse Begriffe: Arabisch «Allah» ~ AHD «Almahu»; «Koran» ~ AHD «Koran» (Prüfung); hebr./arab. «Schalom/Salam» ~ angeblich AHD-Formen; japanische Götterbezeichnungen im Nihongi mit Endungen «-mikoto» werden als zusammengezogene AHD-Sätze interpretiert («mein Gott» u.ä.)
Grammatikparallelen: Japanische Satzmuster («… mag gut sein») würden AHD-Strukturen entsprechen; ungarische Suffixe (-leg, -ság/ség) entsprächen deutschen Ableitungen (-lich, -schaft)
Generalabrechnung mit «Lehnwörtern»
Der Text greift die Lehnwort-Theorie an: Wenn moderne Erfindungen wie «Fussball», «Computer», «Radio», «Fernsehen», «Auto» schon in 100 Jahren so viele unterschiedliche Namen ausbilden konnten, dann seien globale Wortähnlichkeiten nicht zwingend Entlehnungen, sondern womöglich Spuren einer gemeinsamen Ursprache – die hier als AHD gesetzt wird. Die etablierte Einordnung in Sprachfamilien (indo-europäisch, finno-ugrisch etc.) wird als «Unsinn» verworfen.
Mythologie, Bibel, Heilige Bücher
Breiter Raum gilt der Deutung heiliger Texte als verschlüsselte AHD-Sätze:
Japanisches «Nihongi»: Lange Götternamen endeten auf «-mikoto» und ergäben – nach AHD-Lesart – komplette, sinnvolle Sätze; daraus konstruiert der Text eine alternative Lesart der Schöpfungsgeschichte
Bibel/Antike: «Pfingsten» soll von AHD «pfind-kosta» (Versuchung durch den Feind) stammen, nicht vom griechischen penta. «Tohu-bohu» sei AHD «teuva-bohu» (hauen/pochen) und beschreibe schlicht Baustellenlärm
Götternamen weltweit («Teut/Deus/Zeus/Theo») würden letztlich germanische Wurzeln bezeugen; «Votan»/»Verakot» in Amerika sei nur eine weitere Variante
Von Sprachvergleich zu Weltbild
Aus vielen Einzeldeutungen entsteht ein grosses Narrativ:
Turmbau zu Babel: Nicht semitische Sprachen, sondern das «Heilige Deutsch» sei die Ursprache, aus der die Vielfalt durch Dialektisierung/Schriftvarianten entstanden sei
Völker- und Stammesnamen (-man/-men/-mani) gälten als Ableitungen von «Mann/Mensch»; «Alemannen», «Sachsen», «Diuten/Juten» tauchten als Schlüsselstämme überall auf
Politische Hoffnung: Wenn «semitisch» als Kategorie hinfällig sei und viele Konflikte auf Sprach-/Identitätsmythen beruhen, könne das Konflikte entschärfen – so die optimistische, aber hochspekulative Brücke.
Kritische Einordnung
Der Text ist thesenstark, aber methodisch extrem selektiv: Er überspannt Lautgesetze, ignoriert systematische Rekonstruktionen (z.B. indogermanische Lautverschiebungen), kontextualisiert nicht, arbeitet mit Rückwärtsdeutungen, homophonen Zufällen, «anything-goes»-Korrespondenzen und bestätigungsgetriebener Auswahl. Etymologien werden einseitig germanisiert, Chronologie und Kontaktgeschichte bleiben unbelegt; Schriftquellen werden häufig sekundär (Übersetzungen) gelesen und «alldeutsch» umgebogen. Die Gleichsetzung von Sprachähnlichkeit mit ethnischer Identität ist ein Kategoriefehler und politisch heikel. Sprache, Volk, Religion und Staat sind verschiedene Dinge.
Fazit
Das Werk ist eine gross angelegte Gegen-Erzählung zur historischen Linguistik – reizvoll für alle, die an verborgene Stammbäume glauben, aber wissenschaftlich nicht tragfähig nach gängigen Standards. Es präsentiert eine Welt, in der Althochdeutsch den Schlüssel zu Mythen, Ortsnamen und Göttern weltweit liefert. Wer es liest, bekommt eine Tour de Force aus Lautassoziationen, toponymischen Kunstgriffen und kühnen Bibel-Neuinterpretationen. Als Essay-Provokation bemerkenswert – als Beleg für die Entstehung der Sprachen und Kulturen der Welt höchst zweifelhaft.
Es dauert eine Sekunde. Ein Klick. Eine Fehlermeldung. Dieser Kanal kann nicht angezeigt werden, weil er gegen lokale Gesetze in XYZ verstösst. Kein Prozess. Keine Anhörung. Kein Recht auf Erwiderung. Kein Hinweis, was genau den Verstoss konstituiert. Nur die höfliche, endgültige Mitteilung, dass jemand – irgendwo, irgendwann, ohne dich zu fragen – entschieden hat, was du heute nicht sehen darfst. Das ist Zensur im Jahr 2026. Sie trägt keinen Uniformmantel. Sie hat keine Stiefel. Sie kommt mit einer Fehlermeldung in dezenter Systemschrift und nennt sich Regulierung.
Die Sprache der freundlichen Kontrolle
Man muss den Architekten dieser Ordnung wirklich etwas lassen: Sie haben die Sprache perfektioniert. Desinformation bekämpfen. Inhalte regulieren. Sicherheit erhöhen. Schutzräume schaffen. Niemand ist dagegen. Niemand kann dagegen sein – weil die Begriffe so gebaut sind, dass Widerspruch automatisch als Parteinahme für das Schlechte erscheint. Wer Desinformationsbekämpfung kritisiert, verteidigt offensichtlich Desinformation. Wer Inhaltsregulierung hinterfragt, will offensichtlich unregulierte Inhalte.
Das Geniale daran: Man braucht gar keine Argumente mehr. Die Sprache erledigt die Abwehr selbst. In der Realität bedeuten diese Begriffe: Kanäle werden unsichtbar gemacht. Reichweiten brechen ohne Erklärung ein. Stimmen, die ausserhalb des institutionellen Mainstreams operieren, verschwinden – nicht laut, nicht dramatisch, sondern still, hinter einer Fehlermeldung, die niemand anfechten kann.
Das Muster, das kein Zufall ist
Die Länder in Europa sind kein Einzelfall. Es sind Datenpunkte in einem kontinentweiten Muster. Der Digital Services Act reguliert, was auf europäischen Plattformen sichtbar bleibt. Nationale Gesetze definieren, was lokale Normen verletzt. Behörden koordinieren sich. Plattformen setzen um – weil es einfacher ist, zu löschen als zu verteidigen, weil Compliance günstiger ist als Rechtsstreit, weil kein Algorithmus Meinungsfreiheit versteht.
Was dabei systematisch verschwindet: Nicht die grossen Medienhäuser mit Rechtsabteilung und PR-Budget. Nicht die zertifizierten Faktenchecker, die von Stiftungen finanziert werden, die Interessen haben. Es trifft die kleinen Stimmen. Die Unabhängigen. Die, die ohne institutionellen Rückhalt recherchieren und publizieren. Das ist kein Nebeneffekt. Das ist die Funktion.
Die Psychologie des Gewöhnens
Was diese Form der Zensur so effektiv macht, ist nicht ihre Reichweite. Es ist ihre Lautlosigkeit. Harte Zensur schafft Märtyrer. Sie erzeugt Widerstand. Sie macht das Verbotene begehrenswert. Die weiche Zensur macht keines davon. Sie normalisiert. Sie konditioniert. Sie gewöhnt den Bürger daran, dass bestimmte Inhalte nicht verfügbar sind – und lässt ihn annehmen, dass das schon seinen Grund haben wird.
Wir schützen dich. Das ist der Satz, mit dem Freiheit abgebaut wird, ohne dass es jemand bemerkt. Er klingt fürsorglich. Er klingt vernünftig. Und er funktioniert, weil die meisten Menschen aufgehört haben zu fragen, wer hier eigentlich wen vor was schützt – und wer die Schutzbedürftigkeit definiert. Die Menschen gewöhnen sich. Sie hinterfragen weniger. Sie delegieren Verantwortung. Und genau da beginnt der eigentliche Verlust – nicht der sichtbare, der ärgerliche, der bekämpfbare. Sondern der unsichtbare, der sich anfühlt wie Normalität.
Die Antwort, die Aufwand kostet
Gegen weiche Zensur hilft keine Empörung. Empörung verpufft. Gegen ein System, das sich nicht offen zeigt, hilft nur Eigenständigkeit. Eigene Infrastruktur. Verschlüsselte Kommunikation. Browser, die nicht protokollieren. Mailserver, die nicht mitlesen. Redundanz – mehrere Kanäle, mehrere Plattformen, mehrere Wege, damit eine Fehlermeldung nicht das Ende ist.
Und dahinter, fundamentaler: Wissen, das unabhängig von Netzwerken existiert. Fähigkeiten, die ohne Strom funktionieren. Gemeinschaften, die sich im echten Leben kennen – nicht nur als Follower, nicht nur als Abonnenten, sondern als Menschen, die einander vertrauen. Das klingt nach Vorbereitung für den Ernstfall. Es ist Vorbereitung für den Alltag – für eine Zeit, in der digitale Infrastruktur immer öfter dafür genutzt wird, Informationsfluss zu steuern, statt ihn zu ermöglichen.
Was die Fehlermeldung wirklich sagt
Dieser Kanal kann nicht angezeigt werden. Übersetzt: Jemand hat entschieden, dass du das nicht sehen sollst. Nicht ein Gericht. Nicht eine transparente Behörde mit Einspruchsmöglichkeit. Irgendeine Kombination aus Gesetz, Algorithmus und Verwaltungsentscheid – in einer Sekunde, ohne Gegenwehr.
In einer Demokratie sollte das undenkbar sein. In der europäischen Gegenwart ist es Standard. Die Frage ist nicht mehr, ob Zensur stattfindet. Sie findet statt – dokumentiert, legal abgesichert, terminologisch camoufliert. Die Frage ist, wie lange die Bevölkerung bereit ist, die Fehlermeldung zu akzeptieren – ohne zu fragen, wer sie geschrieben hat.
Nicht verfügbar. Für jetzt. Solange du nichts tust…
Deutschland hat ein neues Staatsprojekt. Es heisst nicht Wirtschaftswende, nicht Friedenspolitik, nicht Rentenrettung. Es heisst: Collien Fernandes gegen Christian Ulmen. Und die Qualitätsmedien dieses Landes – allen voran der Spiegel und die Tagesthemen – haben sich geschlossen dazu entschlossen, dieses Thema mit der Inbrunst einer Weltpremiere zu behandeln, die das Schicksal der Menschheit entscheidet. Bravo. Wirklich. Standing Ovation für das konzertierte Wegschauen.
Fernandes-Ulmen: Rosenkrieg oder Medien-Propaganda?
Zur Faktenlage, soweit man das bei diesem medialen Nebelwerfer überhaupt noch Faktenlage nennen kann: Ein bekannter Schauspieler mit nachgewiesener Vorliebe für absurden Humor – der übrigens von genau demselben linksliberalen Feuilleton jahrelang als herrlich schräges Genie gefeiert wurde – hat anscheinend einen handfesten Fetisch ausgelebt, indem er Männer aus dem Umfeld seiner Frau anschrieb, Pornofilme verschickte und so tat, als wäre er sie. Weder besonders appetitlich noch besonders strafbar. Eher das Niveau eines übergriffigen 14-Jährigen mit Internetanschluss.
Keine Deepfakes im juristischen Sinne. Keine nachweisbaren Sexvideos mit ihrem Gesicht. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren ruhen lassen, weil – man staune – nichts geliefert wurde. Nichts. Null. Leere Hände. Und die Ermittlungen gegen ihn? Eingestellt. Aber das interessiert natürlich niemanden.
Denn was hier abläuft, ist kein Journalismus. Es ist Regierungstheaterpolitik in Reinkultur. HateAid – eine Organisation, deren Nähe zu den Grünen sich juristisch belegen lässt – sucht sich den Spiegel als Medienpartner, trommelt Prominente zusammen, die sich «solidarisch erklären» sollen, und schon läuft die Maschinerie. Titelgeschichte. Primetime. Bundesjustizministerin Hubig eilt herbei wie auf Stichwort und kündigt an, ein Gesetz aus der Schublade zu ziehen, das seit fünf Jahren dort liegt – ungenutzt, weil selbst den Juristen dabei die Haare zu Berge stehen. Eine Vorlage, die im Wesentlichen besagt: Wer sich angegriffen fühlen könnte, macht sich strafbar. Das ist kein Rechtsstaat. Das ist eine Einladung zur Denunziationsgesellschaft.
Und während das alles passiert, gehen in Rheinland-Pfalz die Landtagsergebnisse rein. Die SPD wird zur sterbenden Gattung deklariert. Klingbeil, von dem alle erwarten, dass er am nächsten Morgen die Konsequenzen zieht, setzt sich stattdessen ins Studio und redet über Fernandes. Man muss das auf sich wirken lassen: Der Vorsitzende einer im freien Fall befindlichen Partei nutzt eine Freitagabend-Talkshow, um über einen Promi-Ehestreit zu schwadronieren. Das ist kein Versagen. Das ist Methode.
Die Tagesthemen haben für dieses Thema eine halbe Sendung geopfert. Eine halbe Sendung öffentlich-rechtlichen Rundfunks, finanziert durch Zwangsbeiträge, bei einer Weltlage, die Krieg, Wirtschaftsabsturz und gesellschaftliche Erosion umfasst. Kein Wort darüber, dass es im Strafgesetzbuch mit §238 längst einen Stalking-Paragraphen gibt, der mehrfach nachgeschärft wurde und digitalen Identitätsmissbrauch explizit abdeckt. Kein kritisches Nachfragen. Keine Gegenmeinung. Stattdessen: Bundesjustizministerin darf unwidersprochen reden, Moderatorin nickt, alle einig, Sendeschluss.
Gleichzeitig – und das ist der eigentliche Skandal, über den diese Republik schweigt – gibt es in zwei Jugendheimen laufende Fälle echter, körperlicher Gruppenvergewaltigungen. Die werden weggeduckt, weil sie ein unbequemes Narrativ bedienen könnten. In Neukölln wird ein kurdisches Mädchen von muslimischen Jugendlichen über Wochen missbraucht, alle wissen es, keiner zeigt jemanden an. Aber die digitale Gewalt gegen Collien Fernandes – die juristisch nicht einmal greifbar ist – schafft es in die Tagesthemen-Hauptausgabe. Digitales Befinden schlägt körperliche Realität. Willkommen im 21. Jahrhundert.
Und dann wäre da noch Leonie Löwenherz – kein Klarname, versteht sich – die unter ihrem Pseudonym öffentlich fordert, alle Männer an Marktplätzen aufzuhängen und zu kastrieren, die Unschuldsvermutung für ein faschistoides Konzept erklärt und das Strafrechtssystem generell abbrennen sehen möchte. HateAid, das sich als Kämpfer gegen Hass im Netz versteht, schreitet nicht ein. Die Staatsanwaltschaft schreitet nicht ein. Die Medien berichten nicht. Wäre ein Mann mit identischem Inhalt gegen Frauen vorgegangen, hätte er heute eine Hausdurchsuchung. Diese Asymmetrie ist keine Unaufmerksamkeit. Das ist strukturelle Kollaboration.
Der Journalismus hat kapituliert. Nicht vor der Wahrheit, sondern vor dem Narrativ. Früher galt: Mindestens zwei Quellen, Pro und Kontra, dann berichten. Heute gilt: Welche Geschichte passt zur Kampagne? Wer darf Opfer sein, wer muss Täter sein? Der Rest ist Beiwerk. Recherche ist Zeitverschwendung, wenn man Klicks braucht und Einladungen ins Regierungsumfeld nicht riskieren möchte. Das Ergebnis: Ein Ehestreit zweier Schauspieler aus dem Musikansagebereich wird zur Staatsaffäre. Ein Gesetz, das Juristen für verfassungsrechtlich bedenklich halten, wird durch eine orchestrierte Empörungswelle hoffähig gemacht. Und Klingbeil redet über Fernandes, während seine Partei stirbt.
Der Geschichtslehrer in 50 Jahren wird seine Schüler fragen: Was hat Deutschland im Jahr 2025 beschäftigt? Und die Antwort wird lauten: Ein Schauspieler, der im Netz Pornos verschickt hat. Die Schüler werden lachen. Wir sollten es auch – wenn es nicht so verdammt ernst wäre…
Es gibt Bücher, die entstehen aus Leidenschaft. Aus Neugier. Aus dem Wunsch, etwas Schönes zu schaffen. Und dann gibt es Bücher, die entstehen aus Verzweiflung – aus dem Moment, in dem ein Mensch auf die Trümmer seiner Karriere schaut und denkt: Das muss aufgeschrieben werden. Nicht als Rache. Als Beweis. Als Dokumentation des Zustands einer Gesellschaft, die behauptet, Diskurs zu schätzen – und ihn systematisch bestraft. «Mut zum Widerspruch» ist ein solches Buch.
Die Bilanz des Widerspruchs
Lassen wir die Zahlen sprechen, bevor die Rhetorik es tut. Prof. Dr. Günter Roth – Verwaltungswissenschaftler, Hochschule München – ist nicht mehr Professor an der Hochschule München. Warum? Darüber hat er sich vertraglich verpflichtet zu schweigen. Was er sagen darf: Die nackten Tatsachen. Was die nackten Tatsachen bedeuten: Wer widerspricht, zahlt.
Prof. Dr. Wolfgang Stölzle – zwanzig Jahre Institutsleitung an der Universität St. Gallen – ist nicht mehr Institutsleiter. Er hatte sich hochschulöffentlich gegen die Coronamassnahmen ausgesprochen. Aufhebungsvereinbarung. Sommer 2024. Ende.
Prof. Dr. Harald Walach – Risiko-Nutzen-Analyse der Covid-Impfstoffe veröffentlicht. Resultat: 800’000 Downloads in einer Woche. Zwei wissenschaftliche Arbeiten zurückgezogen. Zwei Arbeitgeber los. Medizinische Universität Posen: raus. Universität Witten: raus.
Man bemerke die Effizienz. Kein Prozess. Keine öffentliche Anhörung. Nur die stille, saubere Maschinerie akademischer Entsorgung – so geräuschlos wie möglich, so endgültig wie nötig.
Die Gesichter des Preises
Aber es geht um mehr als Professoren. Es geht um Menschen, deren Namen ausserhalb akademischer Kreise nie gefallen wären – hätten sie nicht den Fehler begangen, nach ihrem Gewissen zu handeln.
Alessandra Asteriti. Professorin in Lüneburg. Äusserte sich zur Genderthematik aus der Perspektive des internationalen Rechts. Den Studierenden gefiel das nicht. Was folgte, nennt das Buch «kaltgestellt und abgeschossen». Ihre juristische Karriere: Am Nagel. Ihr Leben: Irgendwo in Italien. Der Aufbau von Jahrzehnten: Schutt.
Alexander Bittner. Soldat. Sein Vergehen: Er wollte sich nicht impfen lassen. Er blieb standhaft. Er zahlte die Geldstrafe nicht – konnte sie nicht zahlen. Er sass fünf bis sechs Monate im Gefängnis. Wegen eines Stichs in den Arm, den er nicht wollte.
Dr. Carola Javid-Kistel. Ärztin. Sie nahm Maskenatteste ernst – führte tatsächlich medizinische Untersuchungen durch, statt Formulare abzustempeln. Praxis dicht. Verhaftet in Zürich. Frauengefängnis in Deutschland. Freilassung unter Bedingungen, über die sie nicht sprechen darf. Exil in Mexiko. Rückkehr nach Deutschland: Nicht möglich.
Exil. In Deutschland. Im Jahr 2024. Man lese diesen Satz zweimal und frage sich, ob man ihn in einem anderen Kontext akzeptiert hätte.
Der Autoritarismus des Guten
Prof. Roth nennt es präzise: Den «Autoritarismus des Wahren und Guten». Jene besondere Form der Unterdrückung, die sich selbst nicht als solche erkennt – weil sie ja für die richtigen Ziele eintritt. Für Solidarität. Für Sicherheit. Für das Gemeinwohl. Wer gegen diese Ziele argumentiert, ist nicht Andersdenkender. Er ist Feind. Und Feinde müssen nicht überzeugt werden – sie müssen entfernt werden.
Das Verblüffende, so Roth: Gerade im Akademischen blüht dieser Autoritarismus besonders. Dort, wo Diskurs nicht nur möglich, sondern konstitutiv sein sollte für den Betrieb. Wo die Idee der Universität ursprünglich stand: Als Ort des freien Denkens, des Widerspruchs, der unbequemen Frage.
Studenten, die begeistert Zulassungsarbeiten über Demokratiekrisen schrieben – und dann nicht bereit waren, über die grösste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu diskutieren. Das Buch, das jemand schrieb, interessierte niemanden. Dass er es im falschen Medium veröffentlichte: Das war das Vergehen. Der Inhalt stand nicht zur Diskussion. Der Ort der Publikation schon.
Was ein Verlag bedeutet, wenn Verlage nicht mehr ausreichen
Discorso – nicht als regulärer Verlag gegründet, sondern als Genossenschaft. Weil die Gründer verstanden hatten: Wer den Diskursraum offenhalten will, darf nicht von denselben Strukturen abhängig sein, die ihn schliessen.
Das erste Buch des Verlags: «Mut zum Widerspruch». Das zweite: «Freisein von Innen«. Keine Bestsellerlisten. Kein Feuilleton. Keine Talkshoweinladungen für die Autoren – die sitzen in Mexiko, in Italien oder schweigen vertraglich.
Rolf Lenzen, 40 Jahre Verlagsarbeit, fasst es nüchtern zusammen: Nach Corona sah er alle Illusionen zerbrochen – wissenschaftliche, gesellschaftliche, politische. Und dann baute er etwas Neues. Nicht gross. Aber aufrecht.
Der Preis – und die Antwort
Das Bemerkenswerte an diesem Buch ist nicht das Leid, das es dokumentiert. Es ist die Haltung, mit der die Autoren auf dieses Leid zurückblicken. Alle sagen: Sie bereuen es nicht. Alle sagen: Sie würden es wieder tun.
Rolf Lenzen zitiert Emmanuel Levinas —-den Philosophen, der das abendländische Denken vom Ich zum Anderen verschob. Die Ethik liegt im Antlitz des anderen: In seiner Verletzbarkeit, seiner Bedürftigkeit, seiner Unendlichkeit. Wer dem anderen ins Gesicht sieht, wird in die Verantwortung gerufen – nicht durch Gesetz, nicht durch Vorschrift, sondern durch das schlichte Faktum der Menschlichkeit.
Das ist, so Lenzen, der Unterschied. Nicht Ideologie. Nicht Mut im abstrakten Sinne. Sondern der Blick auf den konkreten Menschen – den Patienten, den Schüler, den Soldaten – und die Unfähigkeit, wegzuschauen.
Was die Verantwortlichen tun
Jens Spahn trägt Orden. Karl Lauterbach hat einen Ministerposten. In der Schweiz verleihen sie einander Auszeichnungen. Die Ärzte, Professoren und Soldaten, die ihrem Gewissen folgten, sitzen in Mexiko, in Italien, oder haben vertraglich zugesichert, nichts Schlechtes zu sagen.
Verantwortungslosigkeit, so der treffende Begriff aus der Runde, gedeiht genau dann am besten, wenn Verantwortung auf so viele Schultern verteilt wird, dass sie bei niemandem mehr landet. Das Buch existiert trotzdem. Die Frage, die es stellt, bleibt: Wie viel Widerspruch lässt diese Gesellschaft noch zu? Die Antwort steht in den Lebensläufen seiner Autoren…
Sie widersprachen – und verloren alles… | Mut zum Widerspruch
Hinter allem, was du «Realität» nennst – deiner Kaffeetasse, deinem Herzschlag, deiner existenziellen Panik – verbirgt sich ein schimmernder Vorhang, nicht aus Stoff, sondern aus Wahrscheinlichkeiten. Der Quantenschleier.
Er ist die Grenze zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte. Eine dünne, zitternde Grenze, an der sich das Universum noch nicht endgültig entschieden hat. Bevor du hinschaust, ist es ein kosmischer Brei aus Überlagerungen – nachdem du hinschaust, gibt es vor, schon immer fest gewesen zu sein.
Es ist, als würde die Realität dich mit vollkommener Überzeugung manipulieren.
Jedes Atom, jedes Photon, jedes von dir oszilliert in Unentschlossenheit und wartet darauf, dass das Bewusstsein durch den Schleier lugt und sagt: «Okay, lasst uns dieses Chaos zu etwas Glaubwürdigem zusammenfügen.»
Mystiker nannten es einst Maya-Illusion. Physiker nennen es Wellenfunktionskollaps. Doch beide versuchen, denselben Trick zu beschreiben: Den Bühnenvorhang, der unendliches Potenzial vor endlicher Wahrnehmung verbirgt.
Der Quantenschleier umgibt dich nicht nur. Er ist du selbst.
Deine Gedanken, Gefühle, ja sogar dein Ich-Gefühl sind nur kleine Wellen in diesem unendlichen Feld der Ungewissheit – winzige Falten im Gewebe der Möglichkeiten, die für einen Augenblick so tun, als wären sie eine Person.
Und wenn die Vorstellung vorbei ist – wenn die Wahrnehmung aufhört zu beobachten – fällt der Schleier nicht. Er löst sich einfach leise auf und wartet darauf, dass ein anderes Bewusstsein ihn wieder hebt und spricht: «Es werde Licht.»
Erste Welle – Die Wegbereiter (1940er-1970er)
Geboren in einer Welt aus Steinmauern und eisernen Regeln.
Du hast die ersten Risse im Käfig durchbrochen.
Du hast die Vision der Freiheit an einen Ort getragen, der sie noch nie gesehen hatte.
Zweite Welle – Die Rebellen (1970er-1990er)
Du kamst mit Schwung, ohne Toleranz für Lügen. Ohne Geduld für Spielchen.
Du sahst die Ketten, selbst wenn sie als Sicherheit verkleidet waren.
Du hast der Autorität die Masken abgerissen, bevor die Welt bereit war.
Der Funke schlug 2012 ein – ein uralter Code erwachte in deinem Blut. Im Jahr 2020 wurde das Feuer unaufhaltsam.
Du warst nie hier, um dich zu fügen.
Dritte Welle – Die Erbauer (1990er-heute)
Du kamst an, verdrahtet für die neue Welt.
Du verbindest den uralten Code mit dem modernen Schlachtfeld.
Du erschaffst, verbindest und verankerst, was die ersten beiden Wellen zu öffnen kämpften.
Willkommen zur beruhigenden Nachricht des Tages: Der Iran hat eine Einkaufsliste veröffentlicht. Keine Lebensmittel, keine Elektronik – Brücken. Acht Stück, verteilt auf vier Länder, sorgfältig ausgewählt nach einem Kriterium, das in seiner Brutalität bestechend klar ist: Maximale Isolation bei minimaler Gegenwehr. Keine dieser Brücken ist austauschbar. Keine hat eine Alternativroute. Keine kann während eines laufenden Konflikts ersetzt werden. Aber keine Sorge – die internationale Gemeinschaft wird mit Bestimmtheit eine Pressekonferenz abhalten.
Fangen wir mit Kuwait an. Die Sheikh-Jaber-Al-Ahmad-Al-Sabah-Brücke erstreckt sich über 36 Kilometer Wasser und ist Kuwaits nördliche Lebensader. Nicht eine von mehreren. Die einzige. Wer diese Brücke trifft, trifft Kuwait – nicht symbolisch, sondern logistisch. Vollständige Isolation eines Landes durch einen einzigen Schlag. Das ist keine Kriegsführung, das ist Chirurgie. Die schlechte Nachricht: Der Patient hat keine zweite Lebensader in Reserve.
Weiter nach Saudi-Arabien. Der King Fahd Causeway ist die einzige Strassenverbindung zwischen dem Königreich und Bahrain – und damit die logistische Nabelschnur der US-Fünften Flotte, die dort stationiert ist. Man kann die strategische Eleganz kaum übersehen: Wer diese Verbindung kappt, isoliert nicht nur Bahrain, sondern sägt gleichzeitig der amerikanischen Marinepräsenz im Golf die Versorgungsroute ab. Ein Ziel, zwei Wirkungen, null Redundanz. Irgendwo in Washington sitzt gerade ein Analyst und erklärt seinem Vorgesetzten, warum das eigentlich kein Problem ist. Der Vorgesetzte nickt. Beide glauben es nicht.
Dann Abu Dhabi. Gleich drei Brücken auf der iranischen Liste – Sheikh-Zayed, Al-Maqta, Sheikh-Khalifa – und das ist kein Zufall, sondern Vollständigkeit. Abu Dhabi ist eine Insel. Verbindung eins, zwei, drei zur Küste, alle drei auf der Liste. Alle drei Verbindungen beschriftet. Das ist keine Drohung, das ist ein Protokoll. Wer alle drei trifft, hat Abu Dhabi – Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, Sitz des Staatsfonds, Nervenzentrum eines der reichsten Staaten der Erde – in eine Insel ohne Ausgang verwandelt. Dauer des Wiederaufbaus: Jahre. Dauer des Konflikts, der das verhindert: Unbestimmt.
Und Jordanien. Gleich drei Ziele, darunter die König-Hussein-Brücke als wichtigster Grenzübergang ins Westjordanland und die Abdoun-Brücke als zentrale Verkehrsader Ammans. Jordanien, das Land, das seit Jahrzehnten den schwierigsten Balanceakt der Region vollführt, das Flüchtlinge aufnimmt, Frieden hält und zwischen allen Fronten vermittelt – bekommt gleich drei Einträge auf der Liste. Die Botschaft ist unmissverständlich: Neutralität schützt nicht.
Was diese Liste so bemerkenswert macht, ist nicht ihre Existenz – Militärplanungen gibt es überall. Bemerkenswert ist ihre Veröffentlichung. Der Iran zeigt seine Karten nicht aus Versehen. Er zeigt sie, weil er will, dass man sie sieht. Weil die psychologische Wirkung einer veröffentlichten Zielliste – das Wissen, dass man auf einer Liste steht, dass die Infrastruktur, auf der das eigene Land funktioniert, bereits im Fadenkreuz liegt – ihren eigenen strategischen Wert hat. Angst benötigt keinen Angriff. Sie braucht nur Glaubwürdigkeit.
Und glaubwürdig ist diese Liste. Nicht weil der Iran unbesiegbar wäre, sondern weil diese Brücken tatsächlich unersetzbar sind. Keine Verteidigungsdoktrin für Brücken. Keine Alternativrouten. Kein Wiederaufbau unter Kriegsbedingungen. Jahrelange Bauzeiten, Milliardeninvestitionen – und ein einzelner erfolgreicher Schlag macht das alles irrelevant. Die Verletzlichkeit moderner Infrastruktur ist kein Geheimnis. Sie ist nur unbequem zu diskutieren, weil die Konsequenzen so eindeutig sind.
Was aber vor allem fehlt, ist das Bewusstsein dafür, wo wir gerade stehen. Die Schlagzeilen berichten über Raketen, über Verhandlungen, über Stellungnahmen aus Washington, Tel Aviv und Teheran. Was sie nicht berichten: Dass diese Krise in ihrer eigentlichen Form noch gar nicht begonnen hat. Was bisher vorgefallen ist, war Aufwärmübung. Scharmützel. Stellvertreterkonflikt. Die eigentliche Eskalationsspirale – jene, bei der Infrastruktur fällt, Versorgungswege reissen und ganze Volkswirtschaften kollabieren – steht noch aus.
Acht Brücken. Vier Länder. Null Redundanz. Null Plan.
Und die eigentliche Krise hat noch nicht einmal begonnen…
Draven präsentiert Geschichten aus der Gruft mit allerlei Geheimnisvollem aus den unheimlichen Tiefen des Netzes und aus jeder Ecke der Welt. Seit dem Jahre 2007 wird Dir hier ein cooler Weblog-Mix aus Musik, Movies, Comics, Horror, Games, Kunst, Radio, Trash, Punk und Heavy Metal geboten – genau so wie es sein soll! Denn glaube mir, nichts ist trivial.
When there’s no more room in hell, the dead will dance on earth! Freunde, die Gruft präsentiert: Dravens Radio from the Crypt! Hier wird Euch ein handverlesenes Musikprogramm geboten, welches von Draven speziell für die besten Leser des Internetz zusammengestellt wurde. Von Punk bis Rock, von Folk- bis Thrash-Metal, für jeden finsteren Musikgeschmack das Richtige. Natürlich immer noch ein Stückchen lauter und besser!
Duldest du Leugner auf deiner Seite?
Nein.
Immunitätsleugner, Impfschädenverharmloser und diejenigen, die das unendliche Leid von Kindern und alten Menschen negieren, sicher nicht!
Stubenhockers WICHTIGER Beitrag zu Politik, Kultur, Wissenschaft und Popeln
Support your local Draven!
Dass das Betreiben von dravenstales.ch mit erheblichem Zeitaufwand und auch einigen Kosten verbunden ist, dürfte klar sein. Damit Kosten und vielleicht noch ein, zwei Freigetränke gedeckt sind, könnte ich den ganzen Laden hier mit Werbung vollkleistern. Ich mag aber meine Leser, weshalb ich ihnen ein (weitgehend) werbefreies Leseerlebnis bieten möchte. Wenn dir das und/oder das Treiben auf dieser Webseite gefällt, dann wäre es nett, wenn du den Spass hier irgendwie unterstützen würdest. Danke!