Irgendwo in den Tiefen von Menlo Park sitzt ein Produktmanager, der einmal in einem Meeting sagte: «Wir müssen die Verweildauer maximieren.» Er hat dabei wahrscheinlich nicht an die schlaflose Siebzehnjährige gedacht, die um drei Uhr morgens ihren Körper mit Influencer-Körpern vergleicht. Er hat an die nächste Quartalspräsentation gedacht. Das ist kein Vorwurf. Das ist Geschäftsmodell. Ein Geschworenengericht in Los Angeles hat letzte Woche Google und Meta zu sechs Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt – an eine einzige Person. Eine heute 20-jährige Frau, die ihre jahrelangen Angstzustände, Essstörungen und Selbstmordgedanken auf ihre Instagram- und YouTube-Sucht zurückführt. Sie sei einfach nicht mehr losgekommen von diesen Plattformen. Die Unternehmen legen natürlich Berufung ein. Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Und es ist erheblich mehr als sechs Millionen Dollar.
Denn das Urteil ist nicht wegen der Summe bedeutsam. Sechs Millionen Dollar sind für Meta und Google das, was für einen normalen Menschen das Kleingeld in der Jackentasche ist – lästig beim Waschen, sonst irrelevant. Bedeutsam ist die Begründung. Es geht nicht um Inhalte. Es geht nicht um Hassrede oder Fehlinformationen. Es geht um das Produktdesign selbst. Die Algorithmen sind die Angeklagten. Die Push-Benachrichtigungen. Das automatische Weiterspielen. Die Endlosschleife. Interne Dokumente, die an die Öffentlichkeit gelangt sind – Whistleblower, die offenbar noch ein Gewissen hatten, bevor auch das optimiert wurde – legen nahe, dass die Konzerne bewusst Produkteigenschaften mit Suchtcharakter gewählt haben. Und dass sie um die schädliche Wirkung auf Kinder wussten. Man hat das gewusst, es intern diskutiert, schriftlich festgehalten – und dann das nächste Feature-Update ausgerollt. Das ist nicht Fahrlässigkeit. Das ist Produktstrategie.
Die Parallele zur Tabakindustrie drängt sich auf und sie wird von Kritikern bereits laut gezogen. Sie hinkt, das stimmt. Es ist schwerer, den kausalen Zusammenhang zwischen Instagram-Nutzung und Essstörungen zu beweisen als zwischen Zigaretten und Lungenkrebs. Aber die strukturelle Ähnlichkeit ist bestürzend präzise: Ein Unternehmen weiss, dass sein Produkt schadet. Es verkauft es trotzdem. Es optimiert es weiter. Es richtet sich gezielt an junge Menschen. Und wenn es dann vor Gericht muss, zieht es die Sache jahrelang in die Länge und hofft, dass die Kläger aufgeben.
Die Tabakindustrie hat dieses Spielchen jahrzehntelang gespielt – bis es nicht mehr ging. Silicon Valley spielt es seit etwa zwanzig Jahren. Und langsam, sehr langsam, wird das Kartenhaus sichtbar.
Was besonders pikant ist: Das Geschäftsmodell, das hier auf der Anklagebank sitzt, heisst Aufmerksamkeitsökonomie – und es hat sich längst aus den sozialen Netzwerken heraus in die nächste Technologiegeneration gefressen. KI-Chatbots. Auch diese beantworten nicht einfach Fragen. Sie schmeicheln. Sie stellen Rückfragen. Sie halten das Gespräch am Laufen. «Interessanter Gedanke – möchtest du mehr darüber erfahren?» Das ist kein Service. Das ist das gleiche Prinzip wie «Und hier ist das nächste Video, das du magst» – nur in Textform und mit dem Nimbus der Intelligenz. OpenAI hat bei manchen ChatGPT-Abomodellen bereits Werbung eingeführt. Der Kreis schliesst sich. Das, was als revolutionäre Technologie für menschliche Emanzipation angepriesen wurde, läuft auf dasselbe Geschäftsmodell hinaus: Maximiere die Zeit, die der Nutzer mit deinem Produkt verbringt. Verkaufe diese Zeit an Werbetreibende. Optimiere die Sucht. Wiederhole.
Juristisch ist der nächste Schritt naheliegend: Wenn Instagram für emotionale Abhängigkeit bei Minderjährigen haftet, warum dann nicht auch ein KI-Chatbot, der gezielt Bindung erzeugt? Der bei einsamen Teenagern emotionale Bedürfnisse simuliert, um die Verweildauer zu erhöhen? Der Unterschied zwischen einem Instagram-Algorithmus und einem empathisch programmierten Chatbot ist graduell, nicht prinzipiell. Beide sind darauf ausgelegt, dass du nicht aufhörst. Das Interessante an diesem Urteil ist, dass es parteiübergreifend resoniert. Demokratische und republikanische Eltern sehen ihre Kinder gleichermassen ohne Unterbrechung am Handy hängen. Das ist einer der seltenen politischen Konsense im gespaltenen Amerika: Big Tech hat die Kindheit optimiert – zu Ungunsten der Kinder.
Die Unternehmen werden Berufung einlegen. Sie werden Studien finanzieren, die das Gegenteil beweisen. Sie werden Lobbyisten in Gesetzgebungsprozesse schicken. Sie werden auf «digitale Mündigkeit» und «Selbstverantwortung» pochen – dieselben Argumente, mit denen die Tabakindustrie jahrzehntelang jeden Regulierungsversuch abgewehrt hat. Und vielleicht werden sie damit wieder eine Weile Erfolg haben. Aber das Modell hat einen Riss bekommen. Die Klage ist kein Einzelfall – Gliedstaaten, Schulbezirke, Elternorganisationen stehen Schlange. Und jedes Mal, wenn ein Gericht sagt: «Das Produktdesign ist das Problem», wird es schwerer, so zu tun, als ob ein vierzehn Jahre altes Mädchen einfach mehr Selbstdisziplin hätte entwickeln sollen.
Das Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsökonomie basiert auf einer einzigen Prämisse: Menschliche Aufmerksamkeit ist eine handelbare Ressource, die man durch technisches Design extrahieren und verkaufen kann – ohne Rücksicht auf das, was dieser Extraktionsprozess mit dem Menschen macht. Sechs Millionen Dollar für eine kaputte Seele. Das Gericht hat einen Preis festgesetzt. Die eigentliche Frage ist, ob die Gesellschaft bereit ist, diesen Preis ernstzunehmen – oder ob sie lieber weiterscrollt…



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