Wie ein Arzt bestraft wird, weil er ein mit dem Nobelpreis ausgezeichnetes Medikament verschrieb – und warum das mehr über das System aussagt als über den Arzt.
Beginnen wir mit einem kleinen Gedankenexperiment. Ein Arzt verschreibt einem Patienten ein Medikament. Das Medikament ist von der WHO als essenziell eingestuft. Seine Entwickler wurden 2015 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Mehr als hundert Studien belegen seinen Nutzen bei der fraglichen Erkrankung. Der Arzt handelt nach bestem Wissen, nach jahrelanger Erfahrung und im Interesse seines Patienten. In Österreich endet diese Geschichte mit einem Freispruch. In der Schweiz endet sie mit einer Geldstrafe von über 30’000 Franken und einem Grossteil der Prozesskosten auf eigene Rechnung. Man nennt das in der Schweiz Therapiefreiheit.
Das österreichische Urteil – und was es blossstellte
Wien, Verwaltungsgericht. Ein Arzt, jahrelanges Verfahren, Vorwurf: Ivermectin während der Corona-Zeit verschrieben. Die Österreichische Ärztekammer hatte sich ins Zeug gelegt, um diesen Mann zu erledigen – mit dem vollen Gewicht einer Institution, die sich für den Hüter medizinischer Orthodoxie hält und dabei gelegentlich vergisst, dass Orthodoxie und Wissenschaft nicht dasselbe sind. Das Ergebnis: Der Arzt gewann. Rechtsanwalt Beneder formulierte es klar: In Österreich gelte Therapiefreiheit – und diese umfasse auch alternative Behandlungsansätze. Ein Satz. Schlicht. Selbstverständlich. Und in seiner Selbstverständlichkeit eine vernichtende Kritik an allem, was während der Coronazeit mit Ärzten passiert ist, die den offiziellen Protokollen nicht blind folgten.
Ivermectin – das Medikament, das nicht existieren durfte
Erinnern wir uns kurz daran, wie Ivermectin in der öffentlichen Wahrnehmung verwaltet wurde. Ein Antiparasitikum mit jahrzehntelanger humanmedizinischer Anwendung, Nobelpreis für seine Entwickler, WHO-Liste der essenziellen Medikamente – und trotzdem wurde es systematisch als Pferdeentwurmungsmittel diffamiert. Medien, Behörden, Faktenchecker vereint in der Botschaft: Wer das verschreibt, ist gefährlich. Wer das nimmt, ist verrückt. Die Frage, warum ein Nobelpreis-ausgezeichnetes Medikament mit essenzieller WHO-Einstufung plötzlich zur Kurpfuscherei degradiert wurde, beantwortet sich fast von selbst, wenn man weiss, unter welcher Bedingung die mRNA-Impfstoffe ihre Eilzulassung erhielten: Es durfte keine wirksame Alternative geben. Hätte eine existiert – und zugelassen gewesen – wäre die rechtliche Grundlage für die beschleunigte Zulassung entfallen. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Zulassungsrecht.
Dr. Manuel Albert und die Schweizer Therapiefreiheit
Und dann ist da die Schweiz. Dr. Manuel Albert. Ebenfalls Ivermectin verschrieben. Ebenfalls verfolgt. Ebenfalls verurteilt – und jetzt rechtskräftig, nach Bestätigung des Urteils. Über 30’000 Franken Geldstrafe. Prozesskosten grösstenteils selbst zu tragen. Für das Verschreiben eines Medikaments, das auf der WHO-Liste der essenziellen Arzneimittel steht. In der Schweiz, diesem Land des Konsenses, der Direktdemokratie, der angeblichen Freiheitsliebe, wird ein Arzt bestraft, weil er seinem Patienten ein Medikament verschrieb, das ein Nobelpreiskomitee für auszeichnungswürdig hielt. Man nennt das hier Qualitätssicherung.
Die Therapiefreiheit, die in der Schweiz verfassungsrechtlich und standesrechtlich verankert sein soll, ist in der Praxis das, was viele Freiheiten in modernen Demokratien sind: Ein Versprechen mit Ausnahmen. Die Ausnahmen gelten immer dann, wenn die Freiheit tatsächlich ausgeübt wird – abweichend, unbequem, gegen den Konsens der Institutionen.
Was das System schützt – und was nicht
Der Kontrast zwischen Wien und Bern ist nicht nur juristisch interessant. Er ist symptomatisch. In Österreich hat ein Gericht entschieden, dass ein Arzt das Recht hat, nach eigener medizinischer Überzeugung zu handeln – auch wenn diese Überzeugung von der offiziellen Leitlinie abweicht. Das ist die Definition von Therapiefreiheit. Das ist das Fundament des Arzt-Patienten-Verhältnisses, das seit Hippokrates gilt und das während der Coronazeit systematisch demontiert wurde. In der Schweiz wurde ein Arzt dafür bestraft. Nicht weil sein Patient Schaden nahm. Nicht weil er fahrlässig handelte. Sondern weil er ein Medikament verschrieb, das ausserhalb des genehmigten Narrativs lag. Das schützt keine Patienten. Es schützt das System vor Ärzten, die denken.
Die eigentliche Frage
Wer zahlt den Preis für dieses Urteil? Nicht nur Dr. Albert — über 30’000 Franken und Prozesskosten sind real, schmerzhaft, existenzbedrohend genug für einen niedergelassenen Arzt. Den eigentlichen Preis zahlen die Patienten. Jeder Arzt, der das Urteil gegen Albert kennt, weiss: Abweichen kostet. Nicht nur Geld. Auch Nerven, Zeit, Reputation und schlaflose Nächte vor Verwaltungsgerichten.
Also bleibt man beim Protokoll. Immer. Egal, was die Studien sagen. Egal, was der Nobelpreis sagt. Egal, was das eigene klinische Urteil sagt. Das nennt sich evidenzbasierte Medizin – wenn die Evidenz die richtige ist. In der Schweiz nennt man das Therapiefreiheit. Dr. Albert kann bestätigen, was dieser Begriff wert ist…
Es gibt Fälle, die das System stillhält. Nicht durch Verbote, nicht durch Zensur im klassischen Sinne – sondern durch jene elegante Form des institutionellen Schweigens, die effektiver wirkt als jede Nachrichtensperre: Man berichtet einfach nicht. Man ordnet es nicht ein. Man lässt es versickern, bis der Nachrichtenfluss es überrollt und niemand mehr weiss, wo er anfangen soll zu fragen. Der Fall Shoshana Strook ist solch ein Fall.
Die Timeline, die alles sagt
April 2025: Shoshana Strook erstattet Anzeige. In Italien. Gegen ihre eigene Familie – ihre Mutter, ihren Vater, ihren Bruder. Die Mutter: Orit Strook, israelische Ministerin für nationale Missionen. Die Vorwürfe: Jahrelanger Missbrauch, beginnend in der Kindheit. Menschenhandel. Rituelle Zeremonien. Einflussreiche Persönlichkeiten sollen involviert gewesen sein. Das sind keine vagen Andeutungen. Das sind direkte, öffentlich gemachte Aussagen einer Frau, die weiss, was sie sagt – und die weiss, was es bedeutet, es zu sagen.
Februar 2026: Sie spricht öffentlich. Auf Video. Klar. Direkt. Sie benennt Namen, Zeiträume, Strukturen. Sie beauftragt Anwälte. Menschen aus ihrem Umfeld berichten: Sie wollte Gerechtigkeit. Sie hatte Angst um ihr Leben.
März 2026: Sie wird tot aufgefunden. Allein. In ihrer Wohnung. Keine eindeutige Todesursache. Ermittlungen laufen – offiziell.
April 2025. Februar 2026. März 2026. Anzeige. Öffentliche Aussage. Tod. Man muss kein Kriminologe sein, um diese Sequenz zu lesen.
Das Muster, das sich wiederholt
Der Name Jeffrey Epstein fällt sofort. Und er fällt zu Recht – nicht als Verschwörungstheorie, sondern als Strukturvergleich. Ein Netzwerk. Macht. Missbrauch. Verbindungen in höchste Kreise. Zeugen, die schweigen – manchmal freiwillig, manchmal nicht. Akten, die geschwärzt werden. Ermittlungen, die sich in Bürokratie auflösen. Und Menschen, die kurz bevor sie aussagen sollten, nicht mehr aussagen können.
Virginia Giuffre. Jean-Luc Brunel. Epstein selbst. Namen, die in Zusammenhang mit Netzwerken standen, die niemand vollständig aufgeklärt hat – weil die Aufklärung unbequeme Türen öffnen würde. Shoshana Strook ist 34 Jahre alt gestorben. Kurz nachdem sie Anwälte beauftragt hatte. Kurz nachdem sie öffentlich gesprochen hatte. Kurz nachdem sie begonnen hatte, sich zu bewegen – nach vorne, nicht zurück.
Dr. Anat Gur, israelische Traumaexpertin, sagt, organisierter Kindesmissbrauch sei wahrscheinlich weiter verbreitet, als die meisten denken – und er geschehe an Orten, wo man es am wenigsten erwarte. An Orten wie Ministerfamilien. An Orten mit Zugang zu Institutionen, die Schutz gewähren. An Orten, die man nicht benennen soll.
Die Nachrichtensperre, die keine sein darf
Über den Fall Strook liegt ein Vorhang. Beiträge tauchen auf – und verschwinden. Suchergebnisse verschieben sich. Inhalte werden gelöscht. Das Netz reagiert fragmentiert, unruhig, wie bei einem Objekt, das man nicht stillhalten kann, aber auch nicht vollständig erscheinen lassen will. Das ist kein technisches Versagen. Das ist Verwaltung von Information.
Die grossen Medien – jene Häuser, die bei einem Promischeidungskrieg wochenlang Primetime produzieren – schweigen. Kein Leitartikel. Kein investigativer Bericht. Keine ernsthaften Fragen an die israelische Regierung, deren Ministerin beschuldigt wird. Stattdessen: Stille. Es gibt Fälle, bei denen Stille Zufall ist. Und es gibt Fälle, bei denen Stille Methode ist. Der Unterschied liegt darin, wer betroffen ist – und welche Türen eine echte Untersuchung öffnen würde.
Der Preis der Wahrheit
Eine Frau hat gesprochen. Klar, direkt, öffentlich, auf Video. Sie hat rechtliche Schritte eingeleitet. Sie hat sich nach vorne bewegt. Und dann ist sie tot. Keine eindeutige Todesursache. Offener Fall. Laufende Ermittlungen – jener Euphemismus, der in solchen Fällen meistens bedeutet: Es wird gewartet, bis das Interesse nachlässt. Shoshana Strook war 34 Jahre alt. Sie hatte Angst um ihr Leben – und sie hat es trotzdem riskiert. Das verdient mehr als eine Randbemerkung im Internet und ein paar Beiträge, die wieder verschwinden.
Die Fragen, die sie aufgeworfen hat, verschwinden nicht mit ihr. Sie bleiben. Wer hat Interesse daran, dass dieser Fall nicht aufgeklärt wird? Wer profitiert von der Stille? Welche Institutionen sind involviert – und welche schützen wen? Das System, das Epstein jahrzehntelang laufen liess, hat nicht aufgehört zu existieren, weil Epstein tot ist. Es hat nur einen anderen Namen bekommen.
Shoshana Strook hat diesen Namen ausgesprochen. Jetzt ist sie nicht mehr da. Und genau deshalb bleibt dieser Fall nicht ruhig!
Über Epstein als Geheimdienstwerkzeug, Netanyahu als unkündbaren Mitarbeiter und die Frage, warum der mächtigste Mann der Welt von einem israelischen Premierminister am Nasenring durch die Geopolitik geführt wird.
Es gibt Interviews, die man einmal sieht und danach nicht mehr versteht, warum der Rest der Medienwelt über Wetter und Prominentenscheidungen berichtet. Das Gespräch zwischen Afshin Rattansi und Ari Ben-Menashe – ehemaliger israelischer Geheimdienstoffizier, Autor, Mann mit Biografie – ist so eines. Kein Skandal. Keine Enthüllung im Boulevard-Sinne. Nur ein ruhiger Mann aus Montreal, der Dinge sagt, die eigentlich jeder wissen müsste – und die trotzdem nirgendwo landen, weil der Mainstream beschäftigt ist mit der Frage, welche Farbe Meghan Markles Handtasche hatte. Also fangen wir an.
Epstein – das Werkzeug, das nicht sterben durfte
Drei Millionen Dokumente wurden veröffentlicht. Drei Millionen. Und der einzige Konsens, den die westliche Presse daraus destilliert hat, ist: Nichts Weltbewegendes. Weiterfahren. Ben-Menashe sieht das anders – und er hat Gründe dafür, die über Spekulation hinausgehen. Epstein, so seine Einschätzung, wurde von Robert Maxwell rekrutiert – dem Medienmogul, israelischen Asset und Vater von Ghislaine Maxwell – und anschliessend von Ehud Barak, damals Direktor des Militärgeheimdienstes, später Premierminister Israels. Das geht in die 1980er Jahre zurück.
Das Ziel: Kompromittierung. Systematisch, gezielt, mit Zugang zu den höchsten Kreisen der westlichen Machtelite. Politiker, Finanziers, Medienmenschen – wer auf Epsteins Inseln war, hatte ein Problem. Kein akutes. Ein latentes. Ein Problem, das schläft, bis jemand es aufweckt. Dieses Prinzip ist so alt wie die Geheimdienstgeschichte selbst. Honeypot. Erpressung als Steuerungsinstrument. Neu ist nur die Reichweite – und die Dreistigkeit, mit der das Netzwerk über Jahrzehnte ungestört operieren konnte, während Strafverfolgungsbehörden wegschauten und Medien schwiegen.
Ben-Menashe wird dabei explizit: Die sensibelsten Dokumente über Trump und andere amerikanische Regierungsbeamte sind nicht in Washington. Sie sind in Israel. Und sie werden nicht veröffentlicht – noch nicht. Sie werden gehalten. Als Reserve. Als Versicherungspolice. Als Druckmittel für den Moment, in dem Washington etwas tut, das Tel Aviv missfällt.
Netanyahu – der Unkündbare
Man stelle sich vor, ein Angestellter hätte Aktenmaterial über seinen Chef, mit dem er ihn jederzeit vernichten könnte – und der Chef wüsste das. Wie sieht dieses Arbeitsverhältnis aus? Genauso sieht die Beziehung zwischen Donald Trump und Benjamin Netanyahu aus, wenn man Ben-Menashes Analyse folgt.
Trump verlangt einen Deal mit dem Iran. Das ist keine neue Erkenntnis – er hat es in seiner ersten Amtszeit versucht, ist gescheitert und ist mit dem erklärten Ziel angetreten, es dieses Mal durchzuziehen. Die Gespräche in Oman, die Witkoff-Kushner-Aragchi-Runde – all das sind Versuche, das zu realisieren, was geopolitisch eigentlich naheliegend wäre: eine Normalisierung der US-iranischen Beziehungen, die den Nahen Osten stabilisieren und Amerika aus einem kostspieligen Dauerengagement befreien würde.
Netanyahu ist strikt dagegen. Ein iranisch-amerikanisches Abkommen würde Israels strategische Sonderstellung untergraben, die Drohkulisse gegen Teheran entwerten und den gesamten eschatologischen Kriegsplan der israelischen Rechten – mit Unterstützung amerikanischer Evangelikaler – zum Einsturz bringen. Also hält Netanyahu die Karten. Und wenn die Verhandlungen ernsthaft werden, so Ben-Menashe, wird er sie auf den Tisch legen – neues Material, bisher unveröffentlicht, über Trump und andere US-Regierungsbeamte. Nicht aus Rache. Als Operation. Als chirurgischer Eingriff in den amerikanischen Innenpolitikbetrieb, um ein Abkommen zu sabotieren, das Israels Machtposition schwächen würde.
Der gewählte Führer der mächtigsten Nation der Erde – gesteuert durch kompromittierende Akten in den Händen eines ausländischen Regierungschefs. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Machtpolitik, wie sie seit Jahrzehnten funktioniert – nur selten so offen benannt.
Tony Blair, Peter Mandelson und der globale Klub der Diskreten
Wer dachte, das Epstein-Netzwerk ende an amerikanischen Küsten, wird im Gespräch eines Besseren belehrt. In den veröffentlichten Dokumenten taucht eine Konversation zwischen Epstein und Ehud Barak auf, in der Tony Blair besprochen wird – mit Andeutungen über Geldsummen von fünf bis zehn Millionen Dollar, die teilweise an Dritte weitergeleitet worden sein sollen. Blair, der inzwischen als möglicher Gouverneur eines Nachkriegs-Gaza im Trump-Plan gehandelt wird, hat auf diese Passagen nicht reagiert. Keine Stellungnahme. Kein Dementi. Nichts.
Dazu passt der Fall Peter Mandelson – britischer Botschafter in Washington, Vertrauter Epsteins, zurückgetreten wegen eben dieser Verbindung. MI6, so Rattansi, hatte die Ernennung geprüft. MI6 kannte Mandelsons Epstein-Kontakte. MI6 sagte nichts. Ben-Menashes Antwort darauf ist von einer Schlichtheit, die mehr erklärt als jede Analyse: Die wussten es wahrscheinlich. Aber sie arbeiten zusammen. Mit den Israelis. Das ist in Ordnung für sie.
Grossbritannien, das für die Ukraine blutet und sich als Wertegemeinschaft vermarktet, dessen Geheimdienst Botschafter mit Verbindungen zu einem dokumentierten Kompromittierungsnetzwerk unbeanstandet in Position bringt. Das nennt sich in Westminster strategische Partnerschaft.
Die Struktur des Schweigens
Was Ben-Menashe beschreibt, ist kein Skandal im klassischen Sinn. Skandale enden. Das hier endet nicht, weil es keine Fehlfunktion des Systems ist – es ist das System. Epstein tot. Akten geschwärzt. Netzwerk intakt. Druckmittel in Tel Aviv archiviert. Deals blockiert. Kriege verlängert. Und drei Millionen Dokumente, die die Weltpresse als wenig Neues zusammenfasst, bevor sie weiterzieht zur nächsten Pressekonferenz.
Ben-Menashe sitzt in Montreal und sagt Dinge, die niemand hören will – ruhig, präzise, ohne erkennbare Agenda ausser der scheinbar altmodischen Überzeugung, dass die Wahrheit irgendwo gesagt werden muss. Er ist 71. Er war dabei. Er weiss, wie es funktioniert. Und er lebt in Kanada. Das sagt alles…
Going Underground," hosted by Afshin Rattansi interview with Ari Ben-Menashe
Vorab, zur Hygiene des Denkens: Was zwischen Ulmen und Fernandes tatsächlich passiert ist, entscheiden Gerichte. Nicht Redaktionen. Nicht Kommentarspalten. Nicht jene vibrierende Online-Meute, die ihre eigene Erregung längst für eine höhere Form der Wahrheitsfindung hält. Das ist kein Formalismus. Das ist Zivilisation. Und Zivilisation, so scheint es, ist in diesem Land gerade schwer auf dem Rückzug.
Das Wort, das alles sagt – und nichts bedeutet
Beginnen wir mit dem Begriff, der in dieser Debatte die grösste Karriere gemacht hat: Virtuelle Vergewaltigung. Vergewaltigung. Nicht als Metapher gemeint. Als Gleichsetzung. Als Behauptung, dass das Versenden von KI-generierten Nacktbildern einer Frau – übergriffig, geschmacklos, möglicherweise strafbar, ohne Zweifel verletzend – dasselbe sei wie ein brutaler körperlicher Angriff mit Gewalt, Schmerzen, Erniedrigung und Todesangst.
Wer diese Gleichsetzung vornimmt, hat nicht nur jeden moralischen Kompass verloren. Er beleidigt jedes echte Vergewaltigungsopfer, das je vor einem Gericht ausgesagt hat. Er entwertet das schwerste Verbrechen gegen die körperliche Unversehrtheit eines Menschen, indem er es zum rhetorischen Verstärker für einen Promischeidungskrieg macht. Aber das fällt niemandem auf. Oder es fällt auf – und wird trotzdem gesagt, weil es sich besser anfühlt als Präzision. Das ist der Zustand des öffentlichen Diskurses in diesem Land: Hyperventilation als Erkenntnismethode.
Das digitale Standgericht tagt – wieder
Wir kennen das Muster. Kachelmann. Mockridge. Lindemann. Jedes Mal dieselbe Choreographie: Ein prominenter Name erscheint in einer Anschuldigung. Innerhalb von Stunden wälzt sich das digitale Standgericht heran – geschniegelt mit Haltungsvokabeln, besoffen von der eigenen moralischen Wichtigkeit. Aus Verdacht wird Gewissheit. Aus Empörung wird Beweis. Aus der Öffentlichkeit ein informeller Volksgerichtshof mit WLAN-Anschluss und ohne Revisionsinstanz.
Das Ergebnis kennen wir: Kachelmann wurde freigesprochen. Mockridge wurde freigesprochen. Lindemann — keine Anklage. Die Steinewerfer? Längst beim nächsten Fall. Keine Entschuldigung. Keine Reflexion. Keine Sekunde der Frage, ob das eigene Urteilsvermögen vielleicht nicht das verlässlichste Instrument der Wahrheitsfindung ist. Wer Vorverurteilung für Courage hält, verwechselt Charakter mit Herdengebrüll.
Die selektive Empörung und ihr Tarifsystem
Hier liegt der eigentliche Skandal – nicht der Fall selbst, sondern jene, die ihn instrumentalisieren. Die Kreise, die jetzt mit bebender Stimme Anstand simulieren, haben kein konsistentes Interesse an Gerechtigkeit. Sie haben Interesse an politisch verwertbarer Empörung. Ihr Mitgefühl folgt keinem Kompass – es folgt einer Logik der Verwertbarkeit. Passt der Beschuldigte ins Feindbild? Lässt sich der Fall ästhetisch, sozial, ideologisch einbetten? Dann: Volle Lautstärke, maximale Betroffenheit, kollektive Solidaritätsbekundung. Passt er nicht? Dann: auffälliges Schweigen. Oder, schlimmer, die reflexhafte Suche nach Erklärungen, die den Täter entlasten, ohne dass man es so nennen würde.
Man frage sich ehrlich – zehn Sekunden, ohne Kamera: Hätten dieselben Menschen dieselbe Energie aufgewendet, wenn das Geschehen ohne Prominentenbeteiligung in der Nachbarschaft passiert wäre? Wenn der Beschuldigte nicht ins gewünschte Bild gepasst hätte? Die Moral, die hier zur Schau gestellt wird, ist kein Kompass. Sie ist ein Bühnenrequisit. Grell ausgeleuchtet, wenn es sich lohnt. Abgestellt, wenn die Wirklichkeit komplizierter wird als das Narrativ.
Das gilt übrigens auch für reale Vergewaltigungen – jene, bei denen täglich in Deutschland Frauen angegriffen werden, ohne dass eine Schlagzeile entsteht, ohne dass Politikerinnen Statements posten, ohne dass ein Lichtermeer aufzieht. Weil der Täter nicht Uwe oder Peter heisst. Weil der Fall sich nicht in das gewünschte Weltbild fügt. Weil Konsequenz unbequemer ist als Performance.
Was Zivilisation von Meute unterscheidet
Der Rechtsstaat ist keine Zumutung. Er ist die letzte anständige Instanz in einer Öffentlichkeit, die jedes Mass verloren hat. Die unbequeme, nüchterne Unterscheidung zwischen Behauptung, Indiz und Beweis ist nicht Bürokratie. Sie ist der Unterschied zwischen einer Gesellschaft, die Wahrheit ermitteln will und einer, die Wahrheit fühlen will – und den Unterschied für irrelevant hält. Bis zu einem Urteil gilt jeder als unschuldig. Sogar Mörder. Nicht weil Mörder schützenswert wären – sondern weil die Alternative die Herrschaft des lautesten Verdachts wäre. Und in einer Gesellschaft, in der man seinen Nachbarn straflos als Nazi bezeichnen darf, wenn einem seine Meinung nicht passt, ist diese Alternative näher, als sie aussieht. Wer das Verfahren verachtet, verachtet die Wahrheit. Er will gar nicht wissen, was ist – er will bestätigt bekommen, was er ohnehin schon fühlen wollte.
Die Verwahrlosung, die sich für Anstand hält
Am Ende dieses Schauspiels steht eine Beobachtung, die schwerer wiegt als jede Einzelkritik: Eine Öffentlichkeit, die nur nach Sympathie, Milieu und ideologischer Verwertbarkeit entscheidet, ob sie Differenzierung oder Furor will – diese Öffentlichkeit hat jedes Recht verwirkt, sich moralisch überlegen zu fühlen.
Was hier als Anstand auftritt, ist die geschniegelt vorgetragene Verwahrlosung des Urteilsvermögens. Laut. Selbstgewiss. Und vollkommen unberührt von der Frage, ob es stimmt.
Gerichte urteilen.
Öffentlichkeiten gaffen.
Den Unterschied zu kennen – das wäre Zivilisation.
Über die Strasse von Hormus, kollabierte Lieferketten, globale Hungersnot – und die verblüffende Regelmässigkeit, mit der Krisen genau das ermöglichen, was in ruhigen Zeiten niemand durchgesetzt hätte.
Naomi Klein hat es Schockstrategie genannt. Das Prinzip ist simpel, fast schon elegant in seiner Brutalität: Eine Krise – ob natürlich entstanden oder gnadenlos genutzt – erzeugt Angst. Angst erzeugt Bereitschaft. Und Bereitschaft ist der Rohstoff, aus dem Staaten in atemberaubender Geschwindigkeit Massnahmen schneiden, die in ruhigen Zeiten auf massiven Widerstand gestossen wären.
Covid hat das vorgeführt. Jetzt kommt die Wiederholung – dieses Mal ohne Virus, aber mit demselben Drehbuch. Catherine Austin Fitts, Finanzexpertin und ehemalige Staatssekretärin im US-Wohnungsbauministerium, bringt es auf drei Worte: Das ist Covid 2.0.
Die Strasse, die alles blockiert
Die Strasse von Hormus. Zwanzig Prozent des weltweiten Ölhandels. Dreissig Prozent des globalen Flüssiggastransports. Die engste geopolitische Flasche der Weltwirtschaft – und sie ist de facto für den Westen zu. Nicht durch eine militärische Blockade im klassischen Sinne – obwohl auch die BRICS Staaten hier mitmischen und per Yuan die Strasse problemlos passiert werden kann. Sondern durch etwas Subtileres, Effektiveres, Juristisch-Saubereres: Die Versicherer haben die Risikoprämien für Tanker durch die Strasse explodieren lassen. Lloyd’s of London — jene ehrwürdige Institution in der City of London, die seit Jahrhunderten das Rückgrat des globalen Seehandels bildet – hat die Konditionen so gestaltet, dass Durchfahrt für westliche Akteure schlicht unwirtschaftlich geworden ist.
Fitts Analyse ist dabei von bestechender Präzision: Die Blockade begann nicht in Teheran. Sie begann in London. Mit Versicherungsverträgen. Mit Risikomodellen. Mit Zahlen auf Papier, die effektiver wirken als jede Seemine. Wer Yuan bezahlt, fährt durch. Wer Dollar mitbringt und zum falschen Bündnis gehört, rechnet neu.
Die Ernährungskrise, die niemand kommen sehen wollte
Öl und Gas sind das Offensichtliche. Aber Fitts lenkt den Blick auf etwas, das in den Lageberichten westlicher Regierungen auffällig fehlt: Dünger. Düngerproduktion ist energieintensiv. Erdgas ist der Hauptrohstoff für Stickstoffdünger. Wenn die Gaslieferungen einbrechen, bricht die Düngerproduktion ein. Und wenn die Düngerproduktion einbricht – ausgerechnet jetzt, im Frühling, in der Pflanzsaison – dann ist nicht nur die Ernte dieses Jahres in Gefahr.
Dann ist die Ernährungssicherheit des gesamten Westens für mindestens ein Jahr kompromittiert. Fitts nennt das beim Namen: Das grösste Problem hier ist Hungersnot. Kein Drama. Keine Hysterie. Eine nüchterne Analyse der Lieferkette, die von Hormus über die Gasnetzwerke bis zur Maisernte in Brandenburg führt und die ein Bild zeichnet, das kein Politiker öffentlich ausspricht – weil es zu klar wäre, zu direkt, zu wenig zu managen mit Beruhigungsformeln und Verordnungen.
Das Drehbuch, das bekannt sein sollte
Hier ist das eigentliche Argument, das nicht wegzudiskutieren ist. Wirtschaftlicher Einbruch erzeugt Armut. Armut erzeugt Angst. Angst erzeugt Instabilität. Und genau in diesem Zustand – erschöpft, verängstigt, desorientiert – akzeptieren Bevölkerungen Massnahmen, gegen die sie in stabilen Zeiten auf die Strasse gegangen wären. Mehr Kontrolle. Mehr Überwachung. Mehr staatliche Eingriffe in Wirtschaft, Bewegungsfreiheit, Kommunikation. Verpackt in Begriffe wie Sicherheit, Nachhaltigkeit, Verantwortung – jene Weichspülwörter, bei denen der kritische Reflex der meisten Menschen abschaltet, weil sie so beruhigend klingen.
Covid hat gezeigt, wie schnell das geht. Innerhalb von Wochen wurden Grundrechte suspendiert, Bewegungsfreiheit eingeschränkt, Impfpflichten eingeführt und digitale Zertifikate als neue Zugangsvoraussetzung zum öffentlichen Leben etabliert – in Demokratien, die sich für unantastbar gehalten hatten. Jetzt kommt der nächste Schock. Diesmal ökonomisch. Mit Lebensmittelpreisen, die steigen. Mit Energiekosten, die explodieren. Mit einer Mittelschicht, die innerhalb von Monaten ihre wirtschaftliche Sicherheit verliert und die in diesem Zustand für Versprechen von Stabilität erheblich empfänglicher ist als in Wohlstandszeiten.
Agenda 2030 und die verblüffende Pünktlichkeit der Krisen
Fitts formuliert ihr Fazit ohne Umschweife: Die Situation könne bewusst genutzt werden, um die Weltwirtschaft herunterzufahren. Ihr Vorteil liege darin, Kontrollsysteme und Entvölkerung gleichzeitig umzusetzen. Das ist ein schwerer Satz. Und er verdient keine reflexartige Ablehnung – sondern die Frage, ob er sich mit dem deckt, was beobachtbar ist.
Die Agenda 2030 existiert. Die digitalen Kontrollinfrastrukturen werden ausgebaut – e-ID, CBDC, biometrische Erfassung, Sozialkredit-Pilotprojekte im Westen. Der Rahmen steht. Was fehlt, ist der Moment, in dem die Bevölkerung ihn akzeptiert. Krisen sind dieser Moment. Immer. Historisch belegbar. Theoretisch fundiert. Praktisch wiederholt.
Wer das misstrauisch macht, ist nicht irrational. Wer bei der Gleichzeitigkeit von Hormus-Blockade, Düngerknappheit, explodierenden Lebensmittelpreisen und ausgebauten Kontrollsystemen keine Fragen stellt – der schläft.
Was kommt
Öl und Gas werden teurer. Dünger wird knapper. Lebensmittel werden unerschwinglich. Und irgendwo in den Kulissen warten Lösungen, die schon fertig sind – digitale Rationierungssysteme, staatliche Nahrungsmittelverteilung, zentralisierte Energieverwaltung. Alles natürlich nur vorübergehend. Alles natürlich nur zum Schutz. Das Drehbuch kennen wir. Wir haben es 2020 gelesen. Wir haben es abgenickt. Die Frage ist nicht, ob es wieder kommt. Die Frage ist, ob wir diesmal hinschauen…
Hormus, Wirtschaftskollaps & das bekannte Drehbuch
2020 hiess es: Vermeiden Sie nicht notwendige Reisen. Bleiben Sie zu Hause. Verlassen Sie die Wohnung nur für essenzielle Zwecke. Es war eine Gesundheitsmassnahme. Natürlich. Zu deinem Schutz. Immer zu deinem Schutz. 2026 sagt Australiens Regierung: Vermeiden Sie nicht notwendige Fahrten. Japan rationiert Treibstoff. Südkorea rationiert Treibstoff. Bangladesh. Philippinen. Der Dominostein fällt – leise, methodisch, mit derselben Terminologie wie vor fünf Jahren, nur mit anderem Etikett. Diesmal heisst es Energiemassnahme. Das Ergebnis ist dasselbe.
Die Domino-Kette, über die niemand spricht
Fangen wir mit den Zahlen an – nicht mit Theorie, sondern mit dem, was bereits passiert. Öl bei 110 Dollar pro Barrel. Auf dem Weg zu 150, möglicherweise 175. Der CEO von United Airlines plant intern für 175-Dollar-Öl bis Ende 2027 – und hat bereits fünf Prozent der Flüge gestrichen. Nicht als Vorsichtsmassnahme. Als Reaktion auf eine Realität, die bereits eingetreten ist. Was folgt, ist keine Spekulation. Es ist Arithmetik.
Transportkosten explodieren. Jedes Produkt in jedem Regal wird teurer – nicht weil es knapper geworden wäre, sondern weil der Weg vom Produzenten zum Konsumenten teurer wird. Dünger bewegt sich nicht mehr durch Hormus. Bauern zahlen mehr. Lebensmittel kosten mehr. Benzin geht auf fünf, sechs, sieben Dollar pro Gallone – und irgendwo zwischen sechs und sieben beginnt der Konsument, sein Verhalten zu ändern. Zuerst freiwillig. Dann auf Empfehlung. Dann auf Anordnung. Das ist die Kette. Sie läuft bereits.
Das Wörterbuch der Kontrolle
Es gibt ein Prinzip in der politischen Kommunikation, das so alt ist wie die politische Kommunikation selbst: Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert die Wahrnehmung der Realität. 2020 wurde ein Aufenthaltsbeschränkung nicht Ausgangssperre genannt. Es wurde Schutzmassnahme genannt. Quarantäne. Eindämmungsstrategie. Die Massnahme war dieselbe – du verlässt das Haus nicht ohne Erlaubnis – aber die Bezeichnung war sorgfältig gewählt, um Widerstand zu minimieren.
2026 wird ein Bewegungsverbot nicht Lockdown genannt. Es wird Energiesolidarität heissen. Verbrauchsreduktion. Nachhaltige Mobilitätsstrategie. Krisenreaktion. Der Unterschied zur Realität ist marginal. Der Unterschied zur öffentlichen Wahrnehmung ist enorm – und genau darauf kommt es an. Japan rationiert bereits. Südkorea rationiert bereits. Australien empfiehlt bereits, nicht notwendige Fahrten zu vermeiden. Das ist keine Zukunftsspekulation. Das ist der Stand dieser Woche.
Die Frage, die man nicht stellen soll
Man könnte fragen: Ist das alles unvermeidlich? Ist die Energiekrise wirklich nur das Ergebnis eines Krieges, der zufällig ausgebrochen ist – oder ist sie das Ergebnis von Entscheidungen, die über Jahre getroffen wurden und deren Konsequenzen jetzt eintreten? Man könnte fragen, warum Energieinfrastruktur in Europa systematisch abgebaut wurde – Kernkraftwerke, Gasreserven, Raffinationskapazitäten – während die Abhängigkeit von einzelnen Lieferketten wuchs. Man könnte fragen, wer von Energieknappheit profitiert und wer darunter leidet. Man könnte fragen, ob Bewegungsbeschränkungen unter dem Label Energiemassnahme dieselbe gesellschaftliche Akzeptanz benötigen wie unter dem Label Gesundheitsmassnahme – oder ob die Bevölkerung inzwischen so konditioniert ist, dass das Label selbst irrelevant geworden ist. Diese Fragen werden nicht gestellt. Zumindest nicht laut. Zumindest nicht dort, wo es Konsequenzen hätte.
Was 2020 gelehrt hat – und was gelernt wurde
Die Lehre aus 2020 war, je nach Perspektive, eine völlig andere. Die Bevölkerung lernte: In Krisen gehorcht man. Man fragt nicht zu viel. Man vertraut den Institutionen. Man akzeptiert vorübergehende Einschränkungen für das Gemeinwohl – auch wenn vorübergehend länger dauert als angekündigt.
Die Institutionen lernten: Es funktioniert. Die Compliance war höher als erwartet. Die Sprache der Fürsorge öffnet Türen, die die Sprache der Kontrolle verschlossen hätte. Das nächste Mal weiss man, wie es geht. Das nächste Mal ist jetzt.
Nicht mit Virus. Mit Öl. Nicht mit Gesundheitsministerium. Mit Energieministerium. Nicht mit Inzidenzwerten. Mit Barrel-Preisen. Die Infrastruktur der Einschränkung – digital, bürokratisch, kommunikativ – steht. Sie wurde 2020 aufgebaut und nie vollständig abgebaut. Sie wartet auf den nächsten Anlass.
Der Lockdown, der sich nicht so nennt
Am Ende steht eine einfache Beobachtung, die schwer zu widerlegen ist: Wenn du dein Haus nicht verlassen kannst ohne staatliche Genehmigung – ob wegen eines Virus oder wegen eines Ölpreises – dann ist das Ergebnis dasselbe. Die Begründung wechselt. Der Mechanismus bleibt.
Sie werden es nicht Lockdown nennen. Sie haben 2020 gelernt, dass das Wort Widerstand erzeugt. Sie werden es anders nennen. Klüger. Weicher. Fürsorglicher. Und ein erstaunlich grosser Teil der Bevölkerung wird nicken – weil er 2020 auch genickt hat und weil das Nicken damals keine spürbaren Konsequenzen hatte. Bis es welche hatte.
Sie nennen es Energiemassnahme. Du nennst es, was es ist. Oder du nickst wieder…
Die Szene ist von bestechender Komik: Eine SPD-Abgeordnete betritt die Corona-Enquete-Kommission mit dem festen Vorsatz, den ehemaligen Chef-Toxikologen von Pfizer blosszustellen – und verlässt sie als lebender Beweis dafür, dass Vorbereitung manchmal unterschätzt wird.
Dr. Helmut Sterz. Nicht irgendein Kritiker, kein Querdenker, kein Randerscheinung aus dem Internet. Der Mann, der bei Pfizer für Toxikologie zuständig war. Und sein Urteil ist von einer Schlichtheit, die keine Relativierung verträgt: «Wenn man eine Impfung anbietet, dann muss man diese Impfung sicher machen. Und diese Impfung war nicht sicher.» Drei Jahre lang wurde genau dieser Satz als Desinformation eingestuft, zensiert und sein Urheber pathologisiert. Jetzt sitzt der Urheber in einer parlamentarischen Kommission – und sagt ihn erneut. Unter Eid. Mit Expertise. Die SPD-Abgeordnete wollte ihn demontieren. Das Ergebnis ist aktenkundig. Manchmal erledigt die Wahrheit die Arbeit selbst…
Der Pieks, der nach hinten losging - Pfizers eigener Toxikologe räumt auf
Über Jeffrey Epstein, einen Psychiater der alten Schule und die Frage, warum ein Pädophilennetzwerk mit Geheimdienstanschluss seit Jahrzehnten ungestört operieren konnte.
Es gibt Aussagen, die man nicht ignorieren kann – nicht weil sie bequem sind, sondern weil sie von jemandem kommen, dem man das Unbequeme nicht einfach wegdiskutieren kann. Dr. Steve R. Pieczenik. Jude. Psychiater. Autor. Ehemaliger stellvertretender Staatssekretär unter Henry Kissinger. Ein Mann, der nicht am Rand der Macht stand, sondern mittendrin – in jenen Korridoren, wo Entscheidungen fallen, die nie in Protokollen auftauchen und nie in Lehrbüchern landen.
Seine Aussage ist klar, direkt und von vernichtender Präzision: Der Epstein-Pädophilering ist eine Mossad-israelische Operation. Sie reicht Jahrzehnte zurück. Und er fügt hinzu – als Jude, mit sichtbarem Unbehagen – dass er nicht stolz ist auf das, was amerikanische Juden hier getan haben.
Man kann das ignorieren. Man kann es als Verschwörungstheorie abtun, in jene bequeme Schublade schieben, die man immer dann öffnet, wenn eine Aussage zu präzise ist, um als Hirngespinst zu gelten. Oder man kann die Frage stellen, die sich aufdrängt: Wenn ein Mann dieser Biografie, mit diesem Zugang, mit diesem Hintergrund – und ohne erkennbares persönliches Interesse an der Aussage – so etwas öffentlich sagt, was genau muss noch passieren, damit der Mainstream aufhört, wegzuschauen?
Epstein – das Netzwerk, das keines sein durfte
Jeffrey Epstein war kein Einzeltäter. Das ist inzwischen dokumentiert, gerichtlich festgestellt, von Opfern bezeugt und von Ermittlern – soweit man sie liess – bestätigt. Er war der Knotenpunkt eines Netzwerks, das Mächtige versorgte, kompromittierte und damit kontrollierte. Finanziers, Politiker, Royals, Wissenschaftler, Medienmogule – die Gästeliste seiner Inseln und Residenzen liest sich wie das Adressbuch der westlichen Machtelite.
Was Pieczenik behauptet, geht einen Schritt weiter: Das war kein selbstorganisierter Perversionsclub eines exzentrischen Milliardärs. Es war eine Operation. Mit Struktur. Mit Auftraggebern. Mit dem Ziel, Einfluss durch Kompromittierung zu sichern – die weltweit älteste Geheimdiensttaktik, Honigfalle auf Hochglanz poliert und ins 21. Jahrhundert transferiert. Geheimdienstliche Kompromittierungsoperationen existieren. Das ist keine Theorie – das ist Lehrstoff an Geheimdienstschulen weltweit. Die Frage ist nie ob, sondern wer, für wen und mit welchem Ziel.
Der Tod, der keine Fragen beantwortet
Epstein starb 2019 in Untersuchungshaft. Selbstmord, lautete das offizielle Ergebnis – in einer Hochsicherheitszelle, unter Videoüberwachung, die in der entscheidenden Nacht ausfiel, mit einem Wärter, der schlief, mit gebrochenen Knochen im Hals, die Pathologen als unvereinbar mit Selbststrangulation beschrieben.
Der Chefpathologe des New Yorker Gerichtsmedizineramts sprach sich für Mord aus. Die Behörden blieben bei Selbstmord. Die Akten blieben geschwärzt. Die Mittäter blieben weitgehend unbehelligt.
Ghislaine Maxwell wurde verurteilt. Für wen sie die Mädchen besorgte, steht in geschwärzten Dokumenten. Nicht für die Öffentlichkeit. Nicht für die Opfer. Für das Archiv. Das ist die eigentliche Botschaft: Nicht das Verbrechen ist das System. Das Schweigen ist das System.
Pieczenik und die Grenze des Sagbaren
Was Pieczenik tut, ist in seiner Schlichtheit radikal. Er sagt, was viele denken und kaum jemand ausspricht – nicht weil es falsch wäre, sondern weil es Konsequenzen hat. Karrierekonsequenzen. Soziale Konsequenzen. Manchmal andere Konsequenzen.
Dass er es trotzdem sagt – und dabei explizit seine eigene jüdische Identität einbringt, nicht als Schutzschild, sondern als moralischen Kontext – ist bemerkenswert. Es ist die Aussage eines Mannes, dem die Wahrheit wichtiger ist als der Applaus.
Ob seine Analyse in jedem Detail stimmt, ist eine Frage, die Ermittler beantworten müssten – echte Ermittler, mit Zugang zu ungeschwärzten Akten, ohne politischen Druck von oben. Dass solche Ermittlungen nicht stattfinden, ist selbst eine Aussage.
Was bleibt
Epstein ist tot. Die Akten sind geschwärzt. Die Netzwerke funktionieren weiter – unter anderen Namen, mit anderen Gesichtern, mit derselben Struktur. Pieczenik hat gesagt, was er weiss. Oder was er glaubt zu wissen. Oder was er sagen durfte von dem, was er weiss. Der Unterschied zwischen diesen drei Möglichkeiten ist kleiner, als man hoffen möchte…
Der bestbezahlte Schweiger der Weltgeschichte ist tot - und die Akten sind geschwärzt
Wie christliche Zionisten, Silicon-Valley-Milliardäre und Überwachungstechnologie gemeinsam das perfekte System bauen – und warum dein Smartphone dabei betet.
Stellen wir uns kurz vor, jemand hätte vor zwanzig Jahren vorhergesagt, dass ein Milliardär aus dem Silicon Valley geheime Vortragsreihen über den Antichristen in Rom halten würde, sein Unternehmen die komplette digitale Überwachungsinfrastruktur westlicher Demokratien betreibt und sein politisches Netzwerk tief im Weissen Haus verwurzelt ist — während gleichzeitig evangelikale Pastoren im Pentagon Bibelstunden abhalten und Kommandeure ihren Soldaten erklären, Gott persönlich habe den Krieg gegen Iran angeordnet. Man hätte diese Person freundlich, aber bestimmt in eine ruhigere Umgebung gebracht. Willkommen in der Gegenwart. Die Psychiatrie ist ausgebucht.
Das Unternehmen, das alles weiss
Palantir Technologies. Der Name stammt aus Tolkiens Herr der Ringe – ein Seherstein, mit dem man alles sehen, alles wissen, alles kontrollieren kann. Peter Thiel, Mitgründer, war beim Namen offenbar von seltener Ehrlichkeit.
Was Palantir tut, ist im Grunde simpel: Es sammelt Daten. Alle Daten. Von überall. Und es verkauft die Auswertung an Geheimdienste, Militärs, Polizeibehörden und Regierungen weltweit. Wer wen kennt. Wo wer war. Was wer schrieb. Was wer kaufte. Was wer glaubt. Das System nennt sich Gotham – erneut eine bemerkenswert offenherzige Namensgebung für ein Instrument totaler Kontrolle. Aber Palantir ist nur die sichtbare Spitze. Darunter liegt die eigentliche Infrastruktur: Dein Smartphone.
Es hört. Es liest. Es loggt. Es sieht. Es speichert – und es schickt brav alles in eine Cloud, die dir nicht gehört, von der du die Adresse nicht kennst und über deren Inhalt du keine Kontrolle hast. Unabhängig von den Apps, die du freiwillig installiert hast, jenen kleinen digitalen Spionen, denen du per Klick Zugang zu Mikrofon, Kamera, Kontakten und Standort gewährt hast. Du hast unterschrieben. Du hast bestätigt. Du hast eingewilligt. Irgendwo in Absatz 47 der Nutzungsbedingungen, die kein Mensch liest, stand alles drin. Das Ergebnis ist ein Überwachungsapparat, für den die Stasi mit Karteikästen und Informanten ein halbes Jahrhundert gebraucht hätte – und den du dir selbst in die Tasche gesteckt hast.
Der Milliardär und der Antichrist
Nun könnte man sagen: Technologieunternehmen überwachen, das ist ihr Geschäftsmodell. Unangenehm, aber bekannt. Was die Sache jedoch von gewöhnlicher Datengier unterscheidet, ist der ideologische Überbau – und der ist bei Peter Thiel von erstaunlicher Dichte.
Thiel reist nach Rom. Privat. Auf Einladung. Für eine Vortragsreihe über den Antichristen. Nicht als Kuriositätsbesuch, nicht als akademisches Seminar – sondern als ernsthafte Auseinandersetzung eines Mannes, der globale Institutionen, internationale Ordnung und Multilateralismus für die eigentliche Bedrohung hält. Ein Weltsystem, gestützt auf KI, Daten und Überwachung, das Macht zentralisiert – das, so Thiel, ist das Modell des Antichristen. Man lese das zweimal.
Der Mann, dessen Unternehmen Palantir exakt das baut – ein auf KI, Daten und Überwachung gestütztes System zur Zentralisierung von Macht – warnt in geheimen Vortragsreihen vor dem Antichristen. Die Ironie ist so dicht, dass man sie mit dem Messer schneiden könnte. Thiel beschreibt die Apokalypse. Und baut gleichzeitig ihre Infrastruktur. Ob das Chuzpe ist, Schizophrenie oder einfach das Privileg unantastbarer Überzeugung – schwer zu sagen. Wahrscheinlich ist es das dritte: Wer genug Geld hat, muss keine inneren Widersprüche mehr auflösen.
Die Zionisten im Kontrollraum
Thiel steht nicht allein. Er ist Teil eines Netzwerks, das man christlichen Zionismus nennt – jene eigentümliche amerikanische Ideologie, die Israel nicht aus ethnischer Solidarität, sondern aus eschatologischer Kalkulation unterstützt. Israel muss existieren, damit Jesus zurückkehren kann. Der Krieg im Nahen Osten ist kein geopolitisches Problem – er ist ein Schritt im göttlichen Plan. Armageddon ist kein Risiko, das man vermeiden muss. Es ist ein Termin, den man einhalten will.
Diese Ideologie sitzt heute nicht mehr in Hinterzimmern baptistischer Gemeinden. Sie sitzt im Pentagon. Sie sitzt im Kongress. Sie sitzt im Oval Office – und legt die Hände auf den Präsidenten. Pete Hegseth, Verteidigungsminister, hält Bibelstunden. Mike Huckabee, Botschafter in Israel, erklärt, Israel sei vom Buch Genesis her berechtigt, den gesamten Nahen Osten zu beanspruchen. Kommandeure erzählen Soldaten beim Einsatzbriefing, Trump sei von Gott gesalbt worden, das Feuer in Iran zu entzünden. Und Palantir liefert die Daten, die all das möglich machen – wer zweifelt, wer widerspricht, wer sich verweigert. Das ist kein loses Netzwerk frommer Einzelpersonen. Das ist ein System. Ideologie oben, Technologie unten, Macht in der Mitte.
Das perfekte Dreieck
Fassen wir zusammen: Ein Milliardär baut die Überwachungsinfrastruktur des Westens, warnt privat vor dem Antichristen und finanziert politische Netzwerke, die apokalyptische Theologie in Aussenpolitik übersetzen. Sein Smartphone weiss bereits mehr über dich als dein Arzt, dein Therapeut und dein engster Freund zusammen. Das Dreieck ist vollständig: Gott gibt die Legitimation. Daten geben die Kontrolle. Geld gibt die Straffreiheit.
Du hast eingewilligt. Du hast bestätigt. Du hast installiert. Irgendwo in Absatz 47 stand, dass der Rest der Geschichte nicht mehr dir gehört.
Und das Beste daran? Du hast diesen Artikel auf deinem Smartphone gelesen…
Still und leise, zwischen zwei Gitarrenriffs und einem dritten Ouzo, ist etwas Unaufhaltsames geschehen. «The Fall» hat die Drei-Millionen-Marke auf Spotify geknackt. Drei Millionen Menschen. Freiwillig. Nüchtern — oder auch nicht. Bei vollem Verstand — oder zumindest mit guten Kopfhörern. Drei Millionen Seelen, die sich ohne Vorwarnung in den Klang gestürzt haben, den die Band – ohne Scham, ohne Reue, mit voller Absicht und einem Glas in der Hand – Greek Taverncore nennt. Ja. Das ist jetzt ein Genre. Her Last Sight hat es erfunden. Die Musikgeschichte wird das verkraften müssen. Der Song entstammt aus der kommenden EP «Seasons // Spring» — weil nach jedem Winter etwas aufbricht, ob man will oder nicht. Manchmal ist es Frühling. Manchmal ist es ein Riff, das sich in den Schädelknochen brennt und dort bleibt. Die Taverne hat gerufen. Das Riff hat geantwortet. Der Rest ist Geschichte…
Her Last Sight - "The Fall" | (Official Music Video)
Das Internet vergisst nicht. Das ist seine grösste Stärke – und für manche Menschen ein grosses Problem. Vor etwa dreizehn Jahren, auf einer Gala, gab Christian Ulmen ein Interview. Er kündigte stolz seine neue Show an. Der Titel: «Who wants to fuck my girlfriend?» Collien Fernandes stand daneben. Lächelnd. Amüsiert. Sichtlich unbeeindruckt von der Unflätigkeit des Titels, der öffentlich, auf einer Veranstaltung, mit ihr als anwesender Partnerin in die Kameras gesprochen wurde. Heute präsentiert sich dieselbe Frau als Opfer eines Mannes, dessen Sprache, Verhalten und Selbstdarstellung sie damals öffentlich lächelnd kommentarlos mitgetragen hat.
Die Zeitreise, die niemand buchen wollte
Dreizehn Jahre sind lang. Menschen verändern sich. Beziehungen verändern sich. Was einmal lustig war, kann rückblickend anders wirken – das ist menschlich, das ist verständlich, das ist sogar nachvollziehbar.
Was allerdings weniger verständlich ist: Die vollständige Auslöschung des früheren Ichs aus der öffentlichen Selbstdarstellung, als wäre es nie dagewesen. Wer heute als Opfer sexualisierter Erniedrigung auftritt – und das mag berechtigt sein, das mögen Gerichte klären – der darf sich die Frage gefallen lassen, wie er damals auf einer Gala neben einem Mann stand, der öffentlich eine Show ankündigte, deren Titel seine Partnerin zum Objekt sexueller Verfügbarkeit erklärte. Nicht als Anklage. Als Frage. Als jene Art von Kontextualisierung, die man in jedem anderen Fall selbstverständlich vornehmen würde.
Feministinnen und das selektive Gedächtnis
Nun könnte man erwarten, dass eben jene Feministinnen aus Prominenz und Politik, die sich derzeit lautstark mit Fernandes solidarisieren, diese Frage stellen. Dass sie die Ambivalenz benennen. Dass sie – konsequent, wie Feminismus es eigentlich verlangt – auch die Frage stellen, wie eine Frau mit gefestigtem Selbstbewusstsein und öffentlicher Plattform jahrelang neben einem Mann steht, dessen Verhalten sie heute als traumatisierend beschreibt, ohne einmal öffentlich Widerspruch zu zeigen.
Stattdessen: Schweigen zu dieser Frage. Voller Fokus auf das Narrativ des Augenblicks. Das ist keine Solidarität. Das ist selektive Empörung mit Scheuklappen – die Art, bei der man die Geschichte so lange zuschneidet, bis sie ins Bild passt.
Das Schneeflöckchen und die Showbühne
Fernandes ist keine naive Frau. Sie ist eine gestandene Medienprofessionelle mit jahrzehntelanger Erfahrung vor der Kamera. Sie weiss, wie Öffentlichkeit funktioniert. Sie weiss, was ein Titel wie «Who wants to fuck my girlfriend?» bedeutet – gesellschaftlich, symbolisch, in Bezug auf das Bild, das damit von ihr gezeichnet wird. Und sie stand daneben. Amüsiert.
Das macht die heutigen Vorwürfe nicht automatisch falsch. Das macht Ulmen nicht automatisch unschuldig. Das entscheiden Gerichte. Aber es macht das Bild des unschuldigen Schneeflöckchens, das plötzlich erkennt, dass der Mann neben ihr ein Monster war, erheblich komplizierter. Komplizierter, als die Medien es darstellen. Komplizierter, als die solidarischen Statements zulassen. Komplizierter, als eine öffentliche Empörungswelle verarbeiten kann.
Die Gala, die schlecht gealtert ist
Es gibt einen Begriff im Englischen: Aged poorly. Dinge, die zum Zeitpunkt ihres Entstehens akzeptabel wirkten und heute – im Licht neuer Erkenntnisse oder neuer gesellschaftlicher Massstäbe – anders gelesen werden. Das Interview auf der Gala ist schlecht gealtert. Das stimmt.
Aber es ist nicht nur Ulmen, der darin schlecht aussieht. Es ist auch Fernandes – nicht als Opfer, sondern als Person, die in diesem Moment eine Entscheidung getroffen hat. Die Entscheidung, dabei zu stehen. Die Entscheidung, zu lächeln. Die Entscheidung, schweigend mitzutragen, was später als Erniedrigung beschrieben wird. Das sind keine moralischen Urteile. Das sind Beobachtungen, die eine komplexere Geschichte zeichnen als jene, die gerade erzählt wird.
Was die Öffentlichkeit verdient
Die Öffentlichkeit verdient keine einfachen Narrative. Sie verdient die Frage, warum dreizehn Jahre gemeinsames öffentliches Auftreten – mit Shows, Galas, Werbeverträgen und gemeinsamen Auftritten – erst dann problematisch werden, wenn die Ehe endet und ein Scheidungsverfahren läuft. Sie verdient die Frage, wer hier die Agenda setzt – und warum ausgerechnet jetzt. Und sie verdient die Beobachtung, dass ein Schneeflöckchen in der Regel nicht lächelnd bei Titeln steht, die es zum Objekt machen…
Das Schneeflöckchen bei "Who wants to fuck my girlfriend?"
Wie ein 2500 Jahre alter Halbsatz zum Drehbuch für Kriege, Tempel und politische Heilsversprechen wurde – und warum der Countdown immer dann beginnt, wenn jemand Geld, Macht oder beides braucht.
Aufgepasst. Die Prophezeiung hat begonnen. Gottes Uhr tickt. Der Hohepriester ist bereit. Der Altar ist geweiht. Die Leviten proben ihre Lieder. Die goldene Menora glänzt hinter Sicherheitsglas. Und Daniel 9:27 – jener eine Halbsatz aus einem aramäischen Manuskript des 6. Jahrhunderts vor Christus – ist wieder das heisseste Ticket in der eschatologischen Unterhaltungsindustrie. Man muss die Chuzpe bewundern. Wirklich.
Seit zweitausend Jahren zieht dieser Vers seine Runden durch die Weltgeschichte wie ein chronisch überforderter Platzanweiser, der bei jedem Grossereignis auftaucht und flüstert: Das war vorhergesagt. Steht alles drin. Ich hab’s gewusst. Nero? Daniel. Die Kreuzzüge? Daniel. Napoleon? Daniel. Hitler? Daniel. Der Kalte Krieg? Daniel. 9/11? Daniel. Und jetzt, mit frisch geweihtem Altar, genetisch zertifiziertem Hohepriester und US-Bomben über Teheran: Daniel. Natürlich. Immer Daniel.
Der Mann, die Abstammung, der Haplotyp
Baruch Kahane. Der Name klingt wie eine Figur aus einem Dan-Brown-Roman, ist aber angeblich bitterer Ernst. Direkter Nachkomme Aarons. Genetisch verifiziert – man hat den sogenannten Cohen Modal Haplotyp nachgewiesen, einen Y-chromosomalen Marker, der die Abstammung von Aarons Linie belegen soll. Ausgebildet in Mischna, Talmud, Maimonides. Ernannt vom wiederhergestellten Sanhedrin – jener Versammlung von 71 Rabbinern, die 2004 still und leise reaktiviert wurde, damit die prophetische Bürokratie wieder ordnungsgemäss funktioniert.
Man beachte die Präzision dieser Inszenierung. Nicht irgendein frommer Mann hat sich selbst zum Priester erklärt. Nein. Es gibt Dokumente. Genetische Tests. Jahrhundertealte Traditionslinien. Zeremonielle Messer aus rekonstruiertem Silber. Ein Brustpanzer mit zwölf Edelsteinen. Glöckchen aus echtem Gold an der blauen Tunika – damit Gott hört, dass jemand kommt, der ihm etwas zu sagen hat.
Das Tempelinstitut, strategisch günstig nahe der Klagemauer gelegen, ist laut Eigenbeschreibung kein Museum. Es ist eine operative Basis. Dort trainieren Priester. Dort werden Gewänder gefaltet, Utensilien poliert, Psalmen geprobt. Alles bereit. Nur der Tempelberg fehlt noch – jenes komplizierte Stück Erde, auf dem derzeit der Felsendom steht und das von der islamischen Waqf-Behörde verwaltet wird. Ein kleines logistisches Detail.
Das Drehbuch steht. Die Bühne fehlt
Hier liegt die eigentliche Genialität des ganzen Arrangements: Das Hindernis ist eingebaut. Der dritte Tempel kann nicht gebaut werden, solange der Felsendom steht. Der Felsendom steht seit 691 nach Christus. Für den Bau des Tempels bräuchte es ein globales Friedensabkommen – oder, alternativ, einen Krieg apokalyptischen Ausmasses.
Und was liefert Daniel 9:27? Genau das: Einen Bund mit vielen. Einen diplomatischen Vertrag. Einen Friedensgaranten, der den Tempel ermöglicht – und ihn dann nach dreieinhalb Jahren entweiht, sich selbst zum Gott erklärt und damit die grosse Trübsal auslöst.
Das Schöne an diesem Narrativ: Es erklärt alles im Voraus und kann durch nichts widerlegt werden. Frieden im Nahen Osten? Der Bund des Antichristen. Kein Frieden? Noch nicht so weit. Tempel gebaut? Die Prophezeiung erfüllt sich. Tempel nicht gebaut? Noch eine Runde warten. Der Countdown, der nie endet. Die Deadline, die sich immer verschiebt. Das Endspiel, das seit zweitausend Jahren kurz vor dem Finale steht.
Die politische Dimension des heiligen Theaters
Man wäre versucht, das alles als frommen Nischenwahn abzutun – interessant für Theologen, irrelevant für die Wirklichkeit. Wäre da nicht die unangenehme Tatsache, dass dieser Wahn gerade im Pentagon Bibelstunden hält, im Oval Office Hände auflegt und in Jerusalem Altäre weiht.
Die Dispensationstheologie – jene 200 Jahre alte britische Erfindung des Reverend John Nelson Darby, die sich wie ein geistiges Virus durch den amerikanischen Evangelikalismus gefressen hat – liefert den ideologischen Klebstoff. Israel muss existieren. Der Tempel muss stehen. Die Opfer müssen fliessen. Der Antichrist muss erscheinen. Und dann kommt Jesus zurück und macht alles gut.
In dieser Logik ist jeder Krieg im Nahen Osten kein geopolitisches Problem, sondern ein prophetischer Fortschritt. Bomben auf Teheran? Ein Schritt in Richtung Erfüllung. Eskalation? Gottes Plan. Tote? Kollateralschaden der Ewigkeit.
Und Baruch Kahane — der schweigsame Gelehrte, der keine Reden hält und nicht auf sozialen Medien postet – ist in dieser Lesart kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern ein Rädchen in einem kosmischen Getriebe, das von unsichtbarer Hand bewegt wird.
Der ewige Countdown
Was an alldem wirklich verstört, ist nicht die Theologie. Es ist die Seriosität, mit der Akteure in Regierungen, Militärs und Finanzkreisen dieses Narrativ nicht nur glauben, sondern aktiv befördern. Ein Vers. Siebenundzwanzig Worte. Dreieinhalb Jahrtausende Wirkungsgeschichte. Und am Ende steht derselbe Befund wie immer: Wer den Weltuntergang ankündigt, braucht keine Beweise – nur Gläubige. Wer die Prophezeiung kontrolliert, kontrolliert die Deutung der Gegenwart. Und wer die Deutung der Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.
Daniel hat das nicht geschrieben. Aber er hätte es verstanden.
Der Hohepriester ist bereit. Der Altar wartet. Und die Welt scrollt weiter…
Daniel 9:27 – Der meistmissbrauchte Vers der Weltgeschichte ist wieder im Einsatz
Wie die britische Gesundheitsbehörde das Mikrobiom von Tausenden opfert, um zwei Todesfälle zu erklären – und dabei ein Problem schafft, das die nächsten Generationen bezahlen werden.
Zwei Menschen sind tot. Das ist tragisch. Das ist real. Das verdient Ernst und Mitgefühl. Was es nicht verdient, ist das, was die britische Gesundheitsbehörde UKHSA daraufhin veranstaltet hat – ein präventives Antibiotikaprogramm von einer Reichweite, die weniger nach medizinischer Präzision aussieht als nach dem Reflexhammer-Prinzip: Irgendwo schmerzt es, also schlagen wir überall. Willkommen im modernen Gesundheitswesen. Wo Verhältnismässigkeit eine Fussnote ist und das Mikrobiom von Tausenden gesunden Menschen als akzeptabler Kollateralschaden gilt.
Der Ausbruch – und was er wirklich ist
Meningokokken vom Typ Neisseria meningitidis. Bakterien, die im Hals leben – bei bis zu 10 Prozent der Bevölkerung, dauerhaft, ohne jede Konsequenz. Harmlose Mitbewohner des menschlichen Organismus, die unter bestimmten Umständen, bei bestimmten Menschen, mit bestimmten Risikofaktoren, gefährlich werden können.
Zwei Todesfälle. Im Süden Englands. Verbunden mit einem Club namens Chemistry in Canterbury, wo sich Studierende der Universität Kent angesteckt hatten. Die Reaktion der Behörde: Kontaktpersonen der Infizierten sowie alle Besucher des Clubs um den 6. März herum sollen prophylaktisch Antibiotika nehmen. Man lese das nochmals durch.
Nicht die Erkrankten. Nicht die Hochrisikopersonen mit nachgewiesenem Kontakt. Alle. Pauschal. Vorsorglich. Weil sie zufällig zur gleichen Zeit am gleichen Ort Musik gehört haben. Das ist keine Medizin. Das ist Verwaltung mit Rezeptblock.
Das Mikrobiom – der Angriff, den niemand sieht
Sprechen wir über das, worüber die Pressemitteilung der UKHSA schweigt. Über das, was passiert, wenn man einer gesunden Person Antibiotika verabreicht, die keine bakterielle Infektion hat. Der menschliche Darm beherbergt zwischen 38 und 100 Billionen Mikroorganismen – Bakterien, Viren, Pilze, Archaeen – in einer Komplexität, die die Wissenschaft bis heute nicht vollständig kartiert hat. Dieses Ökosystem reguliert das Immunsystem, produziert Neurotransmitter, beeinflusst den Stoffwechsel, schützt vor Pathogenen und steht in direkter Kommunikation mit dem Gehirn über die Darm-Hirn-Achse.
Es ist kein Nebenorgan. Es ist ein zweites Nervensystem. Ein zweites Immunsystem. Ein Fundament der menschlichen Gesundheit, das Jahrzehnte benötigt, um sich aufzubauen – und das eine einzige Antibiotikakur in Tagen nachhaltig destabilisieren kann. Breitbandantibiotika, wie sie prophylaktisch eingesetzt werden, unterscheiden nicht zwischen dem Meningokokken im Hals und dem Lactobacillus im Darm, der dafür sorgt, dass das Immunsystem funktioniert. Sie unterscheiden nicht zwischen dem Pathogen, das man bekämpfen will und den symbiotischen Mikroben, die seit der Geburt Teil des Organismus sind. Sie töten alles. Unterschiedslos. Mit der chirurgischen Präzision einer Bombe in einem Wohngebiet.
Antibiotikaresistenz – das Geschenk an die nächste Generation
Und dann ist da noch das andere Problem. Das grössere. Das, das in zwanzig Jahren in den Lehrbüchern stehen wird als eines der grössten medizinischen Versagen des frühen 21. Jahrhunderts. Antibiotikaresistente Bakterien. Die WHO nennt sie eine der grössten globalen Gesundheitsbedrohungen der Gegenwart. Jährlich sterben weltweit bereits Hunderttausende an Infektionen, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt – eine Zahl, die bis 2050 in die Millionen gehen soll, wenn der Trend sich fortsetzt.
Wie entsteht Resistenz? Durch Antibiotikaeinsatz. Durch jeden unnötigen Einsatz, durch jede prophylaktische Verschreibung an Menschen, die nicht krank sind, durch jede Kur, die zu kurz ist, zu breit gefächert, zu unspezifisch. Jedes Mal, wenn Antibiotika eingesetzt werden, wo sie nicht gebraucht werden, überleben die resistentesten Bakterienstämme – und geben ihre Resistenz weiter.
Die UKHSA verteilt also präventiv Antibiotika an gesunde Studenten, schädigt dabei deren Mikrobiom, und züchtet gleichzeitig die Resistenzstämme von morgen. Alles in einem Programm. Effizient, wenn man so will. Der medizinische Fortschritt des 20. Jahrhunderts hat uns Antibiotika gegeben – eine der transformativsten Entdeckungen der Menschheitsgeschichte. Der bürokratische Reflex des 21. Jahrhunderts ist dabei, sie zu verspielen. Nicht durch bösen Willen. Durch Bequemlichkeit. Durch das Prinzip: Lieber zu viel als zu wenig, Hauptsache die Pressemitteilung klingt entschlossen.
Die Impfung – die schon da war
Das Zynischste an diesem ganzen Vorgang ist eine kleine Randnotiz, die im Originaltext fast beiläufig erwähnt wird: Es gibt bereits eine schützende Impfung gegen Meningokokken. Sie existiert. Sie ist verfügbar. Sie ist erprobt.
Zwei Menschen sind trotzdem gestorben. Was das über Impfquoten, Aufklärung, Zugänglichkeit oder Impfstoffabdeckung verschiedener Serotypen aussagt, wäre eine interessante Untersuchung wert – eine, die tatsächlich zu Erkenntnissen führen könnte, die Leben retten. Stattdessen verteilt man Antibiotika an Clubbesucher.
Es ist die Logik der Sichtbarkeit. Eine Impfkampagne ist langwierig, unsichtbar in ihrer Wirkung und schwer zu kommunizieren. Eine Antibiotikaverteilung ist sofort, greifbar, entschlossen – sie sieht nach Handeln aus, auch wenn das Handeln mehr Schaden anrichtet als das Problem, das es lösen soll.
Was bleibt
Zwei Menschen sind gestorben. Das Mikrobiom von Tausenden gesunden Menschen wird geschädigt. Resistenzstämme werden gestärkt. Und die eigentliche Frage – warum die vorhandene Impfung nicht gewirkt hat oder nicht genutzt wurde – bleibt unbeantwortet.
Prophylaktische Antibiotika für alle. Weil zwei Menschen gestorben sind. Weil ein Club einen fragwürdigen Namen hatte. Weil Entschlossenheit wichtiger ist als Evidenz. Das britische Gesundheitssystem nennt das Krisenmanagement. Das Mikrobiom von Canterbury nennt es etwas anderes…
Prophylaktische Antibiotika für alle - weil Nachdenken zu teuer ist
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