Angefangen hat es mit fehlenden Lehrern, überfüllten Klassen und bröckelnden Gebäuden. Drei Wochen später brennen in Frankreich Schulen, Feuerwehrautos werden zertrümmert und Pädagogen mit Benzin übergossen. Wer für bessere Bildung auf die Strasse geht und mit dem Feuerzeug zurückkommt, protestiert nicht mehr für die Schule, sondern gegen alles, was sie ihm beibringen sollte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.
Dabei war das Anliegen echt. Mitte September blockierten Gymnasiasten vor den Toren von Paris ihr Lycée, genervt von überladenen Stundenplänen, Lehrermangel und der Zukunftsangst vor Parcoursup. Keine Partei, keine Gewerkschaft, kein Drehbuch. Das Drehbuch kam danach. Am 1. Oktober stand bereits jedes vierte Lycée des Landes still, rund tausend Schulen, die stärkste Jugendbewegung seit 2018.
Brüderlichkeit mit Benzin
In Marseille prügelt eine Meute vor einer Schule auf ein Feuerwehrauto ein, die BBC hat das Video verifiziert. Wer ausrückt, um Brände zu löschen, wird zur Zielscheibe jener, die sie legen. In La Ciotat wird ein Schulleiter mit Benzin übergossen und zusammengeschlagen, der erste Verdächtige spaziert wieder frei, später sitzt ein 16-Jähriger in Gewahrsam. Bis zum 4. Oktober zählt der Bildungsminister 78 verletzte Angestellte, 24 angezündete oder geplünderte Schulen und bis zu 500 geschlossene Lycées.
In Marseille will eine 40-jährige Pflegehelferin verhindern, dass Jugendliche ein Wartehäuschen zerlegen. Ein maskierter 15-jähriger Gymnasiast zündet eine Spraydose an und brennt ihr das Gesicht an, die Staatsanwaltschaft verlangt ein Verfahren wegen Barbarei. Ein Schüler, der mit dem Feuerlöscher eine brennende Mülltonne bekämpft, wird von einer Horde Gleichaltriger gejagt. Das ist die neue Brüderlichkeit: Wer löscht, wird gejagt. In Belfort tritt eine Gruppe auf einen Polizisten in Zivil ein, bis er das Bewusstsein verliert, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchter Tötung. Über 5000 Menschen wurden seit Beginn festgenommen, 85 Prozent davon minderjährig. Die Kinder der Republik führen Krieg gegen jene, die sie unterrichten, beschützen und ihre Brände löschen.
Die Schärpe liegt im Auto
Und die gewählten Vertreter der Republik? Jean-Luc Mélenchon befiehlt seinen Leuten, sich überall zwischen Schüler und Polizei zu stellen. Der Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, verkündet, Gewalt könne ab einem gewissen Punkt legitim sein. Der Abgeordnete Louis Boyard erscheint vor einem blockierten Lycée, wird mit Konfetti empfangen und hat seine Trikolore-Schärpe im Auto vergessen. Ein treffenderes Bild für den Zustand der Republik hat noch kein Karikaturist gezeichnet.
Ritchy Thibault, Ex-Mitarbeiter einer Abgeordneten von La France Insoumise (LFI), brüllt in Saint-Denis mit dem Megafon vor Gymnasiasten, man werde «alle Polizeiwachen dieses Landes angreifen» und morgen den Élysée-Palast anzünden. Minuten später führen ihn Zivilpolizisten ab, er landet in Untersuchungshaft. Eine Notiz der Pariser Polizeipräfektur sieht hinter der Bewegung Schülergewerkschaften und linksextreme Strukturen, rund zwanzig LFI-Mandatsträger mittendrin. Premierminister Sébastien Lecornu spricht von «LFI und ihren Proxys», ein Begriff, den man sonst für Hilfstruppen im Krieg reserviert. Marine Le Pen sieht von Profis organisierte Krawalle unter Aufsicht von LFI-Abgeordneten. Mélenchon nennt alles «selbstorganisiert».
Fahnenappell ohne Trikolore
Wer wissen will, wofür diese Jugend marschiert, muss nur auf die Stangen schauen. Schon in Créteil, wo alles anfing, flattert die palästinensische Fahne neben den Schildern, die Lehrer fordern. In Palaiseau halten Vermummte vor einem Feuer palästinensische und algerische Fahnen hoch. Die britische Zeitschrift Spiked zählt algerische, marokkanische und palästinensische Fahnen samt Kufiya, während die Trikolore auffällig fehlt. In Aurillac weht die algerische Flagge über einer Blockade, worauf ausgerechnet ein franko-algerischer Verband die Eltern bittet, sie zu Hause zu lassen. Ein Einwandererverband zeigt mehr Gespür für die Symbole der Republik als der Abgeordnete, der ihre Schärpe im Auto liegen lässt.
Die Folgen tragen andere. In Rouen sagt die jüdische Gemeinde ihre Gedenkfeier zum 7. Oktober ab, aus Angst vor all den Palästinafahnen in den Schülerzügen. Die Islamismusforscherin Florence Bergeaud-Blackler vom CNRS nennt das Vorbild beim Namen: Die Intifada sei das Mobilisierungsmodell, Jugendliche an vorderster Front gegen die Polizei, jede Prügelei gefilmt und verbreitet. Liberté heisst hier Barrikade, Égalité heisst gleiche Fahne für alle, nur nicht die eigene.
Der Staat verteilt Fragebogen
Paris antwortet mit der ganzen Wucht der Verwaltung: Eine Online-Plattform stellt zwei Fragen, was dich stört und was du erwartest. Drei Wochen Bedenkzeit, Analyse nach den Herbstferien. Kurz darauf zaubert der Minister 3024 Lehrer aus dem Hut, die längst auf der Lohnliste standen, aber keiner Klasse zugeteilt waren. Eine Software, die 114 Schulen als «rot» markiert, war eigentlich erst für November geplant. Man musste erst ein paar Schulen anzünden, damit jemand die Personalakte aufschlägt. In der Region Paris bleibt am 5. Oktober mehr als ein Drittel der 468 Lycées geschlossen.
Fairerweise: Der Politologe Olivier Fillieule erinnert daran, dass Bauern 2024 Mist vor Präfekturen kippen durften und der Innenminister «grosse Zurückhaltung» befahl, während gegen Teenager sofort die Bereitschaftspolizei anrückt. Bei den Bauern hiess die Wut Anliegen, bei den Schülern heisst sie Aufruhr. Ein Schüler verlor durch ein Gummigeschoss die Zähne, Amnesty spricht von unverhältnismässiger Polizeigewalt. Le Monde zählt 235 verletzte Schüler und Lehrer, dazu 305 verletzte Polizisten an einem einzigen Donnerstag. Eine Doppelmoral entschuldigt die andere nicht: Der Staat, der Mist vor der Präfektur duldet und Gymnasiasten mit Tränengas eindeckt, ist dieselbe Republik, deren Feuerwehrautos vor ihren Schulen zertrümmert werden.
Marianne, ausgebrannt
Gegenwehr gibt es. Die Studentengruppe La Cocarde Étudiante räumt blockierte Hörsäle wieder frei, ihr Video zählt rund eine Million Aufrufe. Die grossen Gewerkschaften dagegen rufen zum Streik an der Seite der Blockierer, die CGT erklärt die Schüler von heute zu den Arbeitern von morgen, die nicht für die Sparpolitik bezahlen dürften. Für die brennenden Schulen bezahlt jemand anders. Solidaires warnt, man dürfe nicht «auf unsere Kinder schiessen». Auf die Feuerwehr einprügeln darf man offenbar weiterhin. Wer wissen will, wer diesen Zorn finanziert, findet die Spur bei den NGO-Söldnern mit Steuerabzug. Neu ist nichts davon, die Banlieue brannte schon 2023.
Die Schule sollte aus Kindern Bürger machen. Stattdessen hat sie Gesinnung statt Wissen gelehrt und erntet nun Schüler, die das Gebäude anzünden, in dem man ihnen die Republik erklären wollte. Das Lycée in Nantes, dessen Eingangshalle für mindestens zwei Millionen Euro ausbrannte, heisst übrigens Nelson Mandela. Allein in Nantes summiert sich der Schaden an fast vierzig Schulen auf rund drei Millionen Euro. 1789 stürmten die Franzosen die Bastille, um die Freiheit zu holen. 2026 stürmen ihre Nachfahren das Klassenzimmer, um sie zu verbrennen. Die Republik schickt einen Fragebogen. Liberté, Égalité, Benzin!











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