Es ist offiziell. Die Diagnose steht fest. Die westliche Diskursgesellschaft leidet an einem Zustand, der in keinem Lehrbuch steht, weil er jeden Arzt, der ihn beschreiben würde, sofort zum Faschisten erklären würde: Chronische Hyper-Vigilanz. Das Abwehrsystem hat sich verselbstständigt. Es bekämpft nicht mehr Feinde — es bekämpft Vokabeln.

Das Wort «Heimat» löst Warnstufe Purpur aus. «Tradition» riecht verdächtig nach Blut und Boden. «Brauchtum» ist für die einschlägig Betroffenen nur ein schlecht camouflierter Putschversuch. Wer «Zigeunerschnitzel» denkt – nicht sagt, denkt – sitzt bereits auf der Anklagebank des kollektiven Gewissens und wartet auf sein Urteil. Das wird nicht lange auf sich warten lassen.

Das Schöne an der Hyper-Vigilanz ist ihre unerschütterliche Selbstimmunität. Diagnosen werden ausschliesslich bei anderen gestellt. Man selbst ist die fleischgewordene Objektivität, der wandelnde Kompass der moralischen Reinheit, der einzig legitime Massstab aller Dinge. Wer so durch die Welt stapft, passt vor lauter moralischem Hochmut kaum noch durch die Tür – bemerkt das aber nicht, weil die Tür für ihn selbstverständlich immer weit aufsteht. Gott öffnet sie persönlich, mit einem devoten Lächeln.

Kein Begriff illustriert diesen Verfall schöner als der deutsche Lieblingsknüppel: «Nazi». Vor zwanzig Jahren war das Wort eine echte Warnung. Ein Signal, das bedeutete: Aufpassen, da ist jemand, der es ernst meint, der gefährlich ist, bei dem der Spass wirklich aufhört. Heute ist die emotionale Reaktion auf das Wort eine andere. Man hört «Nazi» und denkt: Interessant, den möchte ich kennenlernen. Neun von zehn Mal stellt sich heraus, dass die Person eine Meinung hat, die leicht vom Einheitsbrei abweicht, oder – Gott bewahre – das falsche Schnitzel bestellt hat.

Die Inflation ist vollständig. Ein Begriff, der einmal die dunkelste Seite der europäischen Geschichte markierte, wurde so hemmungslos als Schlagstock eingesetzt, dass er heute kaum noch Reaktionen ausser mildem Gähnen erzeugt. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist die Selbstzerstörung eines Warnsystems durch Überbenutzung. Wer jeden als Wolf bezeichnet, steht irgendwann allein auf der Weide, wenn der echte kommt.

Die Therapieversuche sind bekannt und gescheitert. Kontrollierte Dosen Kontext. Ansätze von Selbstironie. Tatsächliches Nachdenken vor dem Tippen. Die Probanden verweigern die Behandlung mit einer Konsequenz, die fast Respekt verdient. Die Komfortzone der Schnappatmung ist warm, sie ist gemeinschaftlich, und sie verlangt keinerlei Eigenleistung ausser dem rechtzeitigen Aufspringen auf den nächsten Empörungszug.

Die Prognose lautet: Stabil-dramatisch. Die Skandalisierung ist Volkssport geworden, niedrigschwellig und für jeden zugänglich. Man benötigt keine Argumente, keine Belege, keine Kenntnisse des Sachverhalts. Man braucht nur den richtigen Reflex und eine Tastatur. Wer nicht reflexartig mitschreit, gilt als «unzumutbar vernünftig» und wird vom Spielbetrieb ausgeschlossen — was angesichts des Spielbetriebs kein Nachteil ist.

Das eigentliche Problem: Die echten Probleme warten. Sie warten geduldig, während die Hyper-Vigilanten den zwanzigsten Schnitzel-Nazi des Monats jagen. Sie sind nicht beleidigt. Sie wachsen einfach.

Bleib wachsam – am besten gegen alles und jeden. Ausser gegen dich selbst. Das wäre unbequem…

Zigeunerschnitzel-Faschismus und andere Katastrophen des öffentlichen Diskurses


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