Eurovision Song Contest 1989, Lausanne, Glitzer und Konfettiregen: Der Mann, der die Show als Produktionsleiter inszeniert hat, vergewaltigt seit Jahren seine eigene Tochter zwischen ihrem vierten und achten Lebensjahr. Sechzehn Jahre später wird Raymond Zumsteg verurteilt. Zwei weitere Jahrzehnte später hat seine ehemalige Arbeitgeberin, die Radio Télévision Suisse, dazu noch immer kein Wort der Entschuldigung, kein einziges Foto im Archiv und keinen Eintrag auf Wikipedia übrig.
Fünf Fälle, mehrere rechtskräftige Verurteilungen wegen Sexualstraftaten an Kindern und Jugendlichen, ein in den Hungerstreik gezwungener Informatiker, ein nach Haiti geflohener Moderator, ein am Todestag seines Autors aus dem Internet gewischter Schlüsselartikel. Aufgedeckt nicht von der Anstalt selbst, nicht von Le Temps, nicht vom Tages-Anzeiger und schon gar nicht von der NZZ, sondern jetzt, im Mai 2026, vom französischen Investigativ-Journalisten Idriss Aberkane in einer dreiteiligen Dokuserie. Finanziert wird das ganze Schweige-Universum übrigens mit über 1,2 Milliarden Franken Gebührengeldern pro Jahr.
Der Eurovision-Mann und die eigene Tochter
Zumsteg, Kadermann der TSR und Mitverantwortlicher des Eurovision Song Contest 1989 in Lausanne, wird laut FranceSoir, Vigousse und Le Temps 2005 in der Schweiz wegen wiederholter Vergewaltigung seiner Tochter rechtskräftig verurteilt. Tatzeitraum: Zwischen ihrem vierten und achten Lebensjahr. Mehrere Quellen sprechen von einer Haftstrafe in der Grössenordnung von zehn Jahren. Die Strafe hat er nicht vollständig abgesessen.
Auf der Wikipedia-Seite der RTS findet sich heute kein Eintrag. Bilder verschwunden. Spuren weggewischt. Wer überprüfen will, ob es diesen Mann jemals gegeben hat, muss in Schweizer Bibliotheken nach alten Presseausschnitten graben. Sehr praktisch für eine Anstalt, die jährlich über 1,2 Milliarden Franken für ihre digitale Daseinsberechtigung einstreicht.
Im Doku-Material spricht ein Zeuge: «Tout le monde savait.» Jeder wusste Bescheid. Zumsteg wurde laut Patrick Nordmann zeitweise von Genf nach Bern versetzt – nicht als Strafmassnahme, sondern um ihn schlicht «aus dem Weg zu räumen». TSR-Direktor Guillaume Chenevière willigte später in seine Rückkehr nach Genf ein, gegen eine «ausserordentliche Finanzierung» aus Bern für ein Projekt, das ihm am Herzen lag. So nennt man im öffentlich-rechtlichen Rundfunk das, was im normalen Sprachgebrauch einen anderen Namen trägt.
Allenbach – nur «Privatleben», versteht sich
Patrick Allenbach, dreissig Jahre lang Journalist und Moderator bei der RTS, wird 2012 nicht in Genf, sondern vor dem Tribunal de Bourg-en-Bresse in Frankreich verurteilt: Dreifache sexuelle Übergriffe auf Minderjährige unter fünfzehn Jahren, die berufliche Autorität wird vom Gericht ausdrücklich als erschwerender Umstand anerkannt. Strafe: Drei Jahre auf Bewährung, 20’000 Euro Schadenersatz. Höchststrafe wären zehn Jahre gewesen.
24 Heures dokumentiert die Methode: Allenbach habe seine mediale Bekanntheit eingesetzt, sich an Jugendlichen aus seinem Studiopublikum festgehakt, sie zum Essen eingeladen, sie in sein Haus im französischen Sergy gebeten, Videospiele und Übergriffe in derselben Sitzung. Der damalige RTS-Direktor Gilles Marchand kommuniziert offiziell: Die Vorwürfe beträfen «Handlungen aus seinem Privatleben». Das französische Gericht stellt das exakte Gegenteil fest und schreibt es ins Urteil. Den Direktor einer öffentlich-rechtlichen Anstalt fragt das nicht weiter. Sein Sender ist genauso öffentlich-rechtlich wie sein Schweigen.
Bilder auf dem Dienstrechner, ein Whistleblower im Hungerstreik
Bleiben drei weitere Fälle aus dem Aberkane-Dossier. Thierry C., Mitarbeiter der RTS, dessen voller Nachname im Magazin Omerta längst publiziert wurde. Auf seinem Dienstcomputer entdeckt der Informatiker Jorge Resende laut Recherchen Hunderte kinderpornografische Bilder. Die Anstalt erstattet keine Strafanzeige. Sie nennt das Material später, gezwungen durch die Faktenlage, «punissables» – strafbar. Strafverfolgung dennoch: Keine.
Resende verliert seinen Job. Tritt in Hungerstreik. Der einzige Parlamentarier, der eine Interpellation einreicht, ist Oscar Freysinger – jener Aussenseiter, den die brave Mainstream-Schweiz mit demselben mechanischen Reflex etikettiert, mit dem sie alles abräumt, was nicht ins korrekte Sortiment passt. 2010 wird Resende per gerichtlicher Mediation rehabilitiert. Der zuständige Richter hält fest, die Sache sei «wie ein Familiengeheimnis» behandelt worden. Familie nennt man bei der RTS, was den Strafrechtler interessieren müsste.
Roland B., ebenfalls Mitarbeiter, wird Anfang der 2000er Jahre wegen Besitzes Hunderter kinderpornografischer Bilder auf seinem Dienstcomputer verurteilt. Berichterstattung in Schweizer Mainstream-Medien: Einige Sätze, ein paar Wochen, dann Stille. Walter B., über Jahre Radiomoderator beim Westschweizer Rundfunk, wird in Abwesenheit verurteilt, flüchtet nach Haiti, taucht dort bei einem lokalen Pressenetzwerk und mit einem eigenen Restaurant wieder auf. Tripadvisor leistet investigative Arbeit, an die sich Le Temps bis heute nicht herangewagt hat.
Der Artikel, der am Todestag des Journalisten verschwand
Der Referenzartikel zu dem Komplex stammt von Patrick Nordmann, Mitgründer des Satiremagazins Vigousse: «La SSR ne perd pas le pédophile», 14. Januar 2011. Erstmals wurde dort sauber belegt, dass es bei der RTS nicht um Einzelfälle ging, sondern um ein Geflecht aus gegenseitiger Deckung. Patrick Nordmann ist seither verstorben. Sein Schlüsselartikel verschwand aus dem Internet – am Tag seines Todes.
Ein Zufall, der so vollkommen ausfällt, dass selbst die Drehbuchredaktion des Hauses ihn nicht durchgelassen hätte. Auf den Servern der RTS, einer Anstalt mit 1,2 Milliarden Franken Jahresbudget aus Pflichtgebühren, sollte eigentlich Speicherplatz vorhanden sein, um auch unangenehme Texte zu spiegeln. Vermutlich war der Platz aber gerade durch eine weitere Tagesschau-Wiederholung über Donald Trumps Haarpracht belegt.
Cyberblurring, oder wie man einen Sündenbock baut
Le Temps wird im Januar 2021 von der Fondation Aventinus übernommen. 6,5 Millionen Franken. Heidi.news, ebenfalls Aventinus, im selben Jahr für 728’000 Franken. Seither erscheinen bei Heidi.news Texte, die einen ehemaligen RTS-Mitarbeiter namens Yann Lopez als grossen Belästiger der Anstalt zeichnen – ohne ein einziges Mal die Namen Zumsteg, Allenbach, Thierry C. oder Roland B. zu erwähnen. Eine investigative Glanzleistung im Sinne der investigativen Auslassung.
Le Temps liefert die zweite Hälfte des Manövers: Eine breit ausgerollte Recherche über sexuelle Belästigung bei der RTS, vollständig zentriert auf Darius Rochebin. Den einzigen Hochrangigen iranischer Herkunft. Nie angeklagt. Nie formell beschuldigt. Heute in Paris bei LCI. Der Begriff für das Muster lautet Cyberblurring: Man inszeniert einen harmloseren Ersatz-Skandal und verwischt jede Spur zu den tatsächlich Verurteilten. So funktioniert investigativer Journalismus, wenn er einer Stiftung gehört, die nicht aufklären will.
Depardieu raus, Zumsteg unsichtbar
Im Dezember 2023 kündigt die RTS feierlich an, Filme mit Gérard Depardieu aus dem Programm zu nehmen. Gegen Depardieu existiert zu diesem Zeitpunkt – und auch heute – keine rechtskräftige Verurteilung wegen Sexualstraftaten. Gegen Zumsteg existiert eine. Gegen Allenbach existiert eine. Gegen Walter B. existiert eine. Gegen Roland B. existiert eine.
Die Anstalt schämt sich öffentlich für einen Franzosen, gegen den eine Beschuldigung im Raum steht. Für vier eigene Mitarbeiter mit rechtskräftiger Verurteilung wegen Vergehens gegen Minderjährige fehlt das Schamgefühl bis heute. Keine öffentliche Entschuldigung. Keine vollständige Aufarbeitung. Auf Interview-Anfragen Aberkanes wurde nie reagiert. Das ist die exakte Definition eines Service public, der diesen Namen seit zwei Jahrzehnten nur noch im Logo trägt: Was die eigene Bilanz nicht beschmutzt, wird zelebriert, was sie beschmutzt, wird aus dem Netz gewischt und mit einem importierten Skandal überdeckt. Über 1,2 Milliarden Franken Pflichtgebühren jährlich finanzieren eine Institution, die seit über zwei Jahrzehnten verurteilte Sexualstraftäter in den eigenen Reihen gedeckt hat und im selben Atemzug der Schweizer Bevölkerung erklärt, wer moralisch noch akzeptabel ist und wer nicht.
Wer 1,2 Milliarden Franken jährlich von Schweizer Pflichtgebühren-Zahlern bezieht, jahrzehntelang Pädokriminelle in den eigenen Reihen schützt und gleichzeitig in der Tagesschau erklärt, welche französischen Schauspieler man nicht mehr zeigen darf, betreibt keinen Journalismus, sondern moralische Geldwäsche – und nennt dies «öffentlich-rechtlich»! Sieben Affären, mehrere Verurteilungen, ein verschwundener Schlüsselartikel und ein in den Hungerstreik gezwungener Whistleblower später muss die Schweizer Stimmbevölkerung sich endlich die Frage stellen, was sie eigentlich mit 1,2 Milliarden Franken pro Jahr finanziert – die Wahrheit ist es nicht, denn die kommt seit fünfzehn Jahren aus Paris!






«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








