Es gibt Fragen, die man nicht stellen darf. Nicht weil die Antwort gefährlich wäre – sondern weil die Frage selbst den Fragesteller gefährlich macht. «Was ist Antisemitismus heute?» ist eine solche Frage. Wer sie stellt, riskiert sofort das Label, das alle weiteren Diskussionen beendet. Es sei denn, man ist selbst israelischer Jude und Filmemacher. Dann darf man.
Yoav Shamir hat es getan. Sein Dokumentarfilm «Defamation» aus dem Jahr 2009 ist eine der unbequemsten Arbeiten, die das jüdische Filmschaffen der letzten Jahrzehnte hervorgebracht hat – nicht weil er Antisemitismus verharmlost, sondern weil er ihn ernst nimmt. Ernster, als es viele Institutionen tun, die von ihm leben.
Die ADL und ihr 70-Millionen-Dollar-Apparat
Abe Foxman, langjähriger Chef der Anti-Defamation League, einer Organisation mit einem Jahresbudget von über 70 Millionen Dollar und 27 Büros in den USA, ist das Zentrum des Films. Er ist auch sein unfreiwilligster Komiker. Shamir begleitet ihn auf internationalen Missionen, wo er Staatschefs, Botschafter und den Papst trifft – nicht weil er politisch gewählt oder demokratisch legitimiert wäre, sondern weil alle glauben, die jüdische Gemeinschaft habe enormen Einfluss in Washington. Foxman weiss das. Er nutzt es. Und er ist ehrlich genug, es zuzugeben: «Sie glauben, wir sind mächtiger, als wir sind. Wir werden sie nicht vom Gegenteil überzeugen.»
Das ist kein Antisemitismus. Das ist Realpolitik. Aber es ist auch genau das Bild, das Antisemiten als Beweis ihrer Weltverschwörungstheorie anführen. Der Unterschied liegt im Kontext – und Foxman jongliert mit diesem Kontext professionell, während er gleichzeitig wegen polnischer Glücksbringer-Puppen in Form von Juden mit Geldscheinen in Aufruhr gerät.
Fünf Fälle in zwei Wochen
Der erhellendste Moment des Films ist nicht die Reise nach Auschwitz. Es ist die Szene in einem ADL-Büro in New York, wo Shamir nach einem geeigneten Filmfall sucht – einem konkreten Antisemitismus-Vorfall, den er begleiten kann. Was die ADL-Mitarbeiterin nach zwei Wochen Datensichtung präsentiert: Jemand hatte freie Tage für jüdische Feiertage angefragt und bekommen. Jemand anderes hatte eine Beschwerde über einen Zeitungsartikel mit «antisemitischen Untertönen». Ein Polizist hatte am Telefon etwas Abfälliges gesagt – und sich danach entschuldigt.
Fünf Fälle. Zwei Wochen. Einer der mächtigsten Einflussapparate der amerikanischen Zivilgesellschaft. Der Widerspruch zwischen der permanent beschworenen Bedrohung und der tatsächlich dokumentierten Realität ist so gewaltig, dass man ihn eigentlich nicht ignorieren kann. Trotzdem ignoriert ihn fast jeder.
Der Rabbi und die Frage der Identität
Den schärfsten Einwand im Film formuliert ausgerechnet ein orthodoxer Rabbi in Kiew, also jemand, der die leichteste Zielscheibe für tatsächlichen Antisemitismus wäre: Religiöse Juden seien weniger besessen von Antisemitismus als säkulare, weil ihre jüdische Identität im Gebet verankert ist – nicht in der Feindschaft. «Für sehr viele Menschen ist Antisemitismusbekämpfung der einzige Ausdruck ihrer jüdischen Identität.» ADL-Missionsmitglieder bestätigen das unbeabsichtigt selbst: «Die ADL gibt uns ein Forum, jüdisch zu sein.»
Eine milliardenschwere Organisation, die primär der Identitätspflege dient, während sie gleichzeitig als neutrale Bedrohungsbeobachtungsstelle auftritt – das ist ein Interessenkonflikt von beträchtlichem Ausmass.
Finkelstein und der Preis des Widersprechens
Norman Finkelstein, Sohn von Holocaust-Überlebenden, Autor des «Holocaust Industry», verlor seinen Universitätslehrstuhl. Er wurde als «selbsthassender Jude», «Holocaust-Leugner» und «Wahnsinniger» bezeichnet. Israel verweigerte ihm die Einreise und erklärte ihn zum Sicherheitsrisiko – was für einen jüdischen Akademiker eine bemerkenswerte Einschätzung darstellt.
Sein Argument ist einfach und wird deshalb so heftig bekämpft: Der Begriff «Antisemitismus» wird instrumentalisiert, um legitime Kritik an israelischer Politik zu diskreditieren. Wer Israel kritisiert, wird zum Antisemiten erklärt. Das Wort verliert damit seinen Schrecken – und seinen Sinn. Genau das schadet jüdischen Gemeinschaften weltweit, denn wenn alles Antisemitismus ist, ist echte Bedrohung nicht mehr erkennbar.
Walt und Mearsheimer, die Autoren des «Israel Lobby»-Buches – beide angesehene Professoren, keiner davon Jude – sagten Shamir gegenüber schlicht: In ihrer gesamten Reise durch die USA und Europa seien sie kaum auf echten Antisemitismus gestossen. Sehr wohl auf Kritik an israelischer Politik.
Was Auschwitz mit Kindern macht
Der bedrückendste Teil des Films zeigt israelische Schüler in Polen. 30’000 fahren jährlich dorthin – zehnmal mehr als in den 1980ern. Sie kehren zurück mit dem Bewusstsein, in einer Welt zu leben, die sie töten will. Ein Mädchen sagt: «Ich bin jetzt froh, dass ich einen israelischen Pass habe.» Ein anderes: «Ich habe Angst vor jedem Polen.» Israel als Versicherungspolice gegen das nächste Massaker – das ist das Fundament, auf dem eine Generation aufgebaut wird.
Shamirs unausgesprochene Frage ist: Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn die Gegenwart permanent durch die schlimmste Vergangenheit gelesen wird? Wenn jeder kritische Kommentar, jede Unfreundlichkeit, jedes polnische Souvenir als Vorstufe zum Genozid interpretiert wird?
Was Antisemitismus heute ist
Echter Antisemitismus existiert. Der Mann mit dem Messer in der Moskauer Synagoge war kein Missverständnis. Das Radio von Ruanda, das Kakerlaken ankündigte, war keine Metapher. Die Protokolle der Weisen von Zion zirkulieren weiterhin in Millionenauflage in Teilen der Welt, wo sie als Tatsachenbericht gelesen werden.
Aber ein Begriff, der alles abdeckt – von der Weinrebe als antisemitischem Symbol bis zur Synagogen-Messerattacke – deckt am Ende nichts mehr ab. Das ist nicht Shamirs Meinung. Das ist die Logik der Sprache.
«Defamation» ist der Film, den eine ehrliche Debatte über Antisemitismus verdient hätte. Dass er einen israelischen Juden als Autor brauchte, damit er ohne sofortige Vernichtung erscheinen konnte, beantwortet die Titelfrage bereits zur Hälfte.


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








