Von der Idee eines harten Antihelden-Films bleibt leider nicht viel übrig. «Venom» liefert zweifelsfrei nicht den Antihelden, den die Trailer versprechen. Zu zahm, zu ungefährlich für einen Alptraum, der Menschen frisst. Das extrem hohe Genre-Potential seiner Figuren ertränkt der Film in unnötigem CGI-Gewitter. Für Zuschauer ohne Erwartungen gibt wenigstens genug Schauwerte, um zwei Stunden durchzuhalten.
In Tom Hardys Filmografie überwiegen eigentlich die guten Filme. Man könnte den Eindruck erhalten, dass er sich auch sein Underdog-Image, trotz grosser Filme, ein bisschen bewahren will. «Warrior», «No Turning Back» und «Legend» sind drei kleine Filmproduktionen, die ihm als Schauspieler alles abgefordert haben, aber nicht gezwungen wirken, da er perfekt mit den jeweiligen Rollen verschmilzt. Selbst in grossen Produktionen wie «Mad Max: Fury Road» und «The Dark Knight Rises» bringt er mit nur ein paar Worten und Gesten eine Präsenz auf die Leinwand, wofür ein Shia LaBeouf lange stricken muss. Sony Pictures zaubert nun 2018 noch eine ihrer letzten Marvel-Comic-Helden-Lizenzen aus dem Hut und gibt dem Spider-Man Gegner Venom seinen eigenen Film, worin Hardy in diese alien-schizophrene Rolle schlüpft. Mit Ruben Fleischer (Zombieland, Gangster Squad) als verantwortlicher Regisseur kann eigentlich nichts schiefgehen. Vielleicht dachten die Produzenten dasselbe und reichten das Drehbuch sorgenfrei durch vier (!) Paar Autorenhände. Die kreativen Schreiber konnten sich bei VENOM – ganz nach dem Motto «Viele Köche verderben den Brei» – kaum auf eine originelle Idee einigen und jeder lehnte sich wohl entspannt in der Hoffnung zurück, dass die Kollegen sich schon etwas einfallen lassen werden.
Die Drehbuchgrundlagen «Lethal Protector» und «Planet of the Simbiotes» erzählen von Venoms Läuterung und dem Wandel vom Schurken zum Antihelden. Die Storys sind beliebt, aber gerade für einen Origin-Film denkbar ungeeignet. Es gibt schlichtweg nichts zu läutern, nichts zu bereuen. Verletzt werden nur die bösen Buben, Eddie Brock ist Mr. Nice Guy – obgleich etwas grossmäulig – und auch wenn Venom mit seiner alptraumhaften Erscheinung eine gute Übersetzung auf die Leinwand erfahren hat, bleibt er handzahm. Nicht nur das. Mit seiner Dynamik zweier ungleicher Charaktere, die sich positiv beeinflussen, folgt Venom eher den Mustern bekannter Screwball-Comedy-Filme (beispielsweise «Dumm und Dümmer»), als dem des Alien-Invasion-Genres – oder überhaupt irgendwelchen Horror-Genres. Hat der jeweilige Symbiont den Charakter vollständig umschlossen, überzeugen die Effekte. Regisseur Ruben Fleischer macht es sich allerdings zu leicht und lässt den Symbionten-Effekt einfach als abstraktes CGI-Gebilde durch Körper und Kleidung morphen. Das sorgt leider dafür, dass einige Szenen regelrecht einfallslos und aufgesetzt wirken. Hier ging Sam Raimis «Spider-Man 3» damals einen plausibleren Weg und liess Venom mit Kleidungsstücken und seinem Wirt interagieren.
Der «Mad Max»-Star Tom Hardy hat sich schon im Vorfeld der Venom-Comic-Verfilmung als Fan des Anti-Helden geoutet. Kein Wunder, ist Venom doch einer der grössten Feinde von Spider-Man, ein albtraumhaftes Zerrbild der freundlichen Spinne. Die Bilder zwischen der Action sind gut durchdacht und schön in Szene gesetzt, dank des Kameramanns Matthew Libatique (Black Swan, The Fountain). Jedoch reissen der schnelle Schnitt und die unscharfen Effekte die ganze ästhetische, visuelle Arbeit wieder nieder. Auch die Filmmusik von Ludwig Göransson fällt für das Genre ungewohnt positiv auf und treibt den Film voran. Tom Hardy macht bei «Venom» seine Arbeit, aber leider auch nicht mehr. Das Spiel mit der Persönlichkeitsstörung bleibt auf Grundschulniveau und alle Mühen Venom eine beeindruckende Stimme zu geben bringen nichts, wenn dieser wenig Gehaltvolles zu sagen hat. «Deadpool» und «Logan» haben bewiesen, dass ein FSK 16-Rating einer Comic-Verfilmung viele interessante Aspekte abgewinnen kann. Bei «Venom» war dies gross angekündigt worden und auch die Anti-Held-Charakteristik ohne einen Spider-Man hätte alle Tore für einen harten und interessanten Venom geöffnet. Wer weiss, welche Drehaufnahmen im Schneideraum dem digitalen Papierkorb zum Opfer gefallen sind, denn es lockten die besseren Verkaufszahlen mit einer jugendfreien Ausgabe und Venom wurden die brutal scharfen Zähne gezogen. Tom Hardy gab kurz vor der Premiere in einem Interview mit dem Telegraph bekannt, dass seine Lieblings-Szenen (40 Minuten!) in der finalen Kinoversion nicht auftauchen. Aber um ehrlich zu sein, hätte eine Nicht-Jugendfreigabe dieses seichte Drehbuch kaum gerettet.
Wo «Deadpool» sich einen Dreck um wirtschaftliche Konflikte geschert hat und mit seiner trotzigen Art begeisterte, bleibt «Venom» ein Monster ohne Biss. Die Produktion hätte dem Drehbuchprozess viel mehr Zeit geben müssen mit dem Ziel einen Film für Erwachsene machen zu wollen. Dann hätten alle Talente, in der Besetzung und wie auch in der Produktion, kreativ gezündet und ein originelles, düsteres Filmwesen erschaffen. «Venom» hätte so viel mehr sein können, als der Film am Ende ist. So viele Möglichkeiten ungenutzt, so viel schauspielerisches Talent begraben unter flachen Charakteren. Wenn ihr Filme mit Tiefe und nachvollziehbarer Story sucht, seid ihr hier definitiv falsch. Doch Venom kann durchaus auch punkten, mit seiner imposanten Erscheinung, seinen humorvollen Aussagen und seinen, wegen seines zähflüssigen Zustands unendlichen Möglichkeiten, seine Feinde zu eliminieren. Dazu gibt es tolle Action-Szenen. Trotz der offenkundigen Schwächen («Ich weiss alles von dir. — Wer ist Anne?»), ist «Venom» doch recht unterhaltsam. «Venom» ist trotz seiner Mängel kein schlechter Film geworden, nur sollte man wissen, wo seine Stärken und Schwächen liegen. Einem Aufeinandertreffen mit Spidey steht also nichts mehr im Weg…





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