Das Gleichgewicht – so wie es uns gepredigt wird – ist ein Mythos, der in das Gewand der Tugend gehüllt ist, eine Verschwörung mit Samthandschuhen, die durch die Korridore der Kultur geflüstert wird und uns davon überzeugt, dass die schwer fassbare Harmonie aller Dinge möglich und obligatorisch ist. Sie ist der stille Tyrann unserer Zeit – verführerisch, geschliffen und strafend. Uns wird gesagt, wir sollen ihr nachjagen und unser Leben um sie herum gestalten und wenn es uns unweigerlich nicht gelingt, ihre Symmetrie zu erreichen, wird uns weisgemacht, dass das Versagen in uns selbst liegt.
Es ist eine Wirtschaft, die auf unserer vermeintlichen Unzulänglichkeit aufbaut – ein Optimierungsimperium. Sie verkauft Yogamatten wie Schriftrollen der Erlösung, vermarktet Achtsamkeit als Betäubungsmittel und verkauft uns über digitale Abonnements und Lavendelöl-Diffusoren ein Stückchen Stille. Wir werden zu Pilgern der Produktivität, knien vor dem Altar der Checklisten und opfern Spontanität für die Illusion von Kontrolle. Wir schliessen Geräte an die Wände unseres hektischen Lebens an und versuchen, die Stille zu elektrisieren und Frieden herzustellen. Und die ganze Zeit über flüstert das Mantra: Gelassenheit jetzt. Beeilung.
Aber hier ist die radikale, unbequeme, glühende Wahrheit: Wir wurden nie für das Gleichgewicht geschaffen.
Wir sind nicht dazu bestimmt, im Gleichgewicht zu leben – wir sind dazu bestimmt, zu leben. Wir sind ozeanische Wesen in irdischer Verkleidung, die im selben kosmischen Schoss entstanden sind, der die Gezeiten und Sterne hervorbringt. Unsere Seelen verstehen den heiligen Rhythmus von Aufstieg und Fall, die göttliche Unordnung des Werdens. Wie der Mond nehmen wir zu und ab. Wie die Jahreszeiten sterben wir und erstehen wieder auf. Wie die Wälder brennen und blühen wir. Unser Chaos ist heilig. Unsere Widersprüche sind Poesie.
Wir wurden geboren, um zu hungern – nach Liebe, Kunst und dem Unbenannten, das unsere Haut in Ehrfurcht erzittern lässt. Wir sind geboren, um an den Rändern unserer Einsamkeit zu heulen, um barfuss in der Asche unserer Erwartungen zu tanzen. Wir sind Gefässe von wilder Schönheit und unvollkommener Anmut, nicht geschaffen, um Gelassenheit vorzuführen, sondern um die rohe Ekstase des vollen, wilden Lebens zu erfahren.
Lasst uns also dem Mythos abschwören. Verlassen wir den Kult des Gleichgewichts und begeben wir uns in den Rausch unseres natürlichen Rhythmus. Machen wir unbändige Liebe, weinen wir ohne Entschuldigung und bauen wir Heiligtümer aus unseren Narben. Finden wir das Göttliche nicht im Geordneten, sondern im Chaotischen – dort, wo Licht und Schatten aufeinander treffen und es heilig nennen. Dort, in dieser zitternden, ungezähmten Mitte… Fällst du nicht zurück, du wirst ganz!







«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








