38 Jahre nach dem ersten Film der Saga, «Episode IV», 10 Jahre nach «Episode III» und 3 Jahre nach der Ankündigung eines neuen Teils, gefolgt von jeder Menge Hype und Aufregung und tonnenweise Gerüchten nun also endlich «The Force Awakens» im Kino, in gross und bunt und laut. Der Film ist gut. Stellenweise sogar sehr gut, manchmal tatsächlich magisch. «The Force Awakens» ist meilenweit von dem Desaster der Prequels entfernt und erinnert auf mehreren Ebenen an die Originaltrilogie. Und es könnte der erfolgreichste Film aller Zeiten werden, Analysten rechnen mit einem Einspielergebnis von bis zu 3 Mrd. US-Dollar.
Der Film fühlt sich haptisch an, die Lichtschwertkämpfe sind wuchtig und physisch. Adam Driver (Kylo Ren) erwähnt in einem Interview, die Lichtschwert-Attrappen seien tatsächlich «satisfyingly heavy» gewesen, hätten auch bei den Dreharbeiten geleuchtet und das sieht man, wenn etwa der Schein der Lichtschwerter in den Gesichtern reflektiert oder auf dem Boden schimmert. Die neuen Lichtschwerter sehen überhaupt grossartig aus, das Plasma wabert aus schweren Metalgriffen und mit behutsam erneuerten SoundFX wirken die Waffen sehr viel gleissender und bedrohlicher, als in allen vorangegangenen Star Wars Filmen. Die Kämpfe im Weltraum und die Verfolgungsjagten mit dem Falken sind extrem mitreissend und wirklich hervorragend getimed, trotzdem nimmt sich der Film ab und zu die Zeit für beinahe schwelgerische und langsame Shots über die Dünen auf Jakku, die natürlich an die Doppelsonnenuntergänge auf Tattooine erinnern.
Tatsächlich ist «Das Erwachen der Macht» voll mit Reverenzen an die alte Star Wars-Trilogie. Ganze Dialogzeilen werden zitiert und Kameraeinstellungen übernommen. So bietet der Film oft einen liebevollen Fanservice, der sich in netten Gags, augenzwinkernden Anspielungen und Parallelen zum Plot von «A New Hope» äussert. Hier geht der Film für meinen Geschmack ein ganzes Stück zu weit. Hier hätten sich die Drehbuchautoren (Lawrence Kasdan, J.J. Abrams, Michael Arndt) durchaus etwas mehr Eigenständigkeit erlauben können. Da war der Respekt vor dem Original und der Druck durch die immense Erwartungshaltung anscheinend schlichtweg zu gross, so dass Abrams hier dann doch lieber auf Nummer Sicher ging, was den Film leider recht vorhersagbar macht – wie eigentlich jedes Märchen.
Das Wiedersehen mit Han, Leia und Chewie treibt einem beinahe die Tränen in die Augen und bei all der Nostalgie ist es dann fast schon erstaunlich, wie sehr man bereits nach kurzer Zeit mit den neuen Charakteren mitfiebert und sie als eigenständige Figuren erlebt, die sich ihren eigenen Platz innerhalb der Star Wars-Mythologie erkämpfen. Von der arschtretenden Rey, dem schelmisch-zaudernden Finn bis zum neurotischen Villain Kylo – alle toll. Und BB-8 war ja nun bereits im Vorfeld der Fan-Favorite und dies völlig zurecht. Wer befürchtet hat, Disney habe aus Star Wars ein kunterbuntes Kinderabenteuer gemacht, so wie es einst George Lucas mit «Episode I» versucht hatte, kann aufatmen: «Das Erwachen der Macht» ist düster genug, um auch ältere Fans zu überzeugen. Doch auch der Humor kommt nicht zu kurz, im Gegenteil, der Film ist der vielleicht lustigste Teil der Star Wars-Saga, weil er sich selbst nie zu ernst nimmt. In der alten Trilogie war von dieser notwendigen Selbstironie immer etwas zu spüren, in den drei Sequel-Filmen nur sehr selten. Abrams hat erkannt, dass Star Wars auch lustig sein darf.
Der Film sieht toll aus, das Creature-Design ist hervorragend und es gibt einige Wiedersehen und wahrscheinlich entdeckt man bei weiteren Sichtungen noch sehr viel mehr Creatures aus den Vorgänger-Filmen. Die Effekte sind grossartig, das CGI an manchen Stellen aber zu glatt und neben den praktischen FX etwas deplatziert. Die Raumschiffe sind endlich wieder gebraucht und schmutzig. Die Macht wird in Force Awakens wieder ent-rationalisiert, sie wird erneut zum Mythos und in diesen eher ruhigen Momenten, wenn der Film sich in seiner eigenen Mystik gehen lässt, wird er beinahe traumhaft schön. Abrams lässt die galaktische Pseudo-Politik und Fake-Wissenschaft der Prequels völlig aussen vor, der Film konzentriert sich alleine auf die Konstellationen der Figuren, deren Implikationen und das Spektakel, das dann dabei herauskommt. Kein lästig-steif-bemühtes Erklärungskino mehr, sondern Märchen und Kaboom.
The Force Awakens ist sicherlich nicht perfekt, dazu ist er an ein paar (wenigen) Stellen doch zu plump erzählt, manche Charaktere sind leider verschwendet – auch wenn wir von ihnen in den zukünftigen Teilen sicher noch viel hören werden – und am Ende ist es eben dann doch «nur» ein Blockbuster mit all den Oberflächlichkeiten, die ein solcher mit sich bringt. Aber es ist eben ein waschechter Star Wars-Blockbuster und zwar der erste gute seit 1983, der mir tatsächlich ein paar mal Gänsehaut verpasst hat und bei dem es mir ein wenig feucht um die Augenpartie wurde, ab und zu. Eine Verbeugung vor der Originaltrilogie, sowie auch Weichensteller für die Zukunft. Er schafft es, alte und neue Fan-Generationen zu vereinen. Die Macht ist stark in diesem hier. Danke, Mr. Abrams.






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