«Ich war es, der bewirkte, dass sie assen.» Das sagt nicht der Teufel, das sagt Christus über Adam und Eva am Baum der Erkenntnis. Ausgerechnet der Sohn stiftet also zu jenem Ungehorsam an, den Rom seit jeher dem Satan in die Schuhe schiebt. Der Satz steht in einem der 13 Papyrusbände, die 1945 bei Nag Hammadi aus einem versiegelten Krug gezogen wurden. Wer die weggesperrten Texte liest, versteht, warum die Kirche die Schlange jahrhundertelang zum Satan erklärt hat: Erwachte Menschen lassen sich schlecht hüten. Schafe, die denken, laufen weg.
Christus im Garten, der Gärtner im Unrecht
Im «Geheimen Buch des Johannes» erscheint der Erlöser seinem Jünger und erzählt die Genesis neu, mit vertauschten Rollen. Der Schöpfer heisst dort Jaldabaoth, ein eitler Archont, der Adam ins Paradies setzt, um ihn dumm zu halten. Vor dem Baum der Erkenntnis stehen die Archonten Wache, damit der Mensch «nicht zu seiner Fülle aufblickt». Christus durchkreuzt den Plan, erscheint als Adler auf dem Baum und weckt die beiden «aus der Tiefe des Schlafes». Der Ehrlichkeit halber: Auf die verdutzte Rückfrage des Johannes lässt der Text die Schlange als Lehrerin der Begierde stehen. Christus übernimmt ihre Rolle, nicht ihren Körper. Am Befund ändert das genau gar nichts. Was die Kirche als Sündenfall verkauft, ist hier eine Befreiungsaktion von oben, ausgeführt vom Sohn persönlich.
Zeugnis der Wahrheit: Die Schlange heisst Christus
Noch deutlicher wird das «Zeugnis der Wahrheit» aus demselben Fund. Die Schlange ist dort «klüger als alle Tiere» und verspricht Eva, die Augen ihres Geistes würden geöffnet. Danach zerlegt der Autor den Paradiesgott nach Strich und Faden: Erst verweigert er boshaft die Erkenntnis, dann fragt er «Adam, wo bist du?», als fehle dem Allwissenden das Vorwissen. Schliesslich wirft er das Paar hinaus, damit es nicht ewig lebe. Das Urteil des Textes lautet «boshafter Neider». Zum Schluss holt der Autor die eherne Schlange des Mose hervor, die jeden rettet, der zu ihr aufblickt: «Denn das ist Christus.»
Klug wie die Schlangen, befiehlt der Meister
Wer jetzt «gnostische Spinnerei» ruft, schlage den eigenen Kanon auf. In Johannes 3,14 vergleicht Jesus seine Erhöhung mit der Schlange, die Mose in der Wüste erhöht hat. In Matthäus 10,16 schickt er die Jünger los: «Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.» Kein Wort von Abscheu. Die Schlange ist Vorbild. Pikant nur, dass ausgerechnet ein frommer König den Kult beendete: Hiskia zerschlug die eherne Schlange, weil die Israeliten ihr bis dahin Räucheropfer brachten. Die Erkenntnis wurde zerschlagen, das Räucherwerk blieb.
Wer das Joch abwirft, gehört dem Teufel
Die Offenbarung liefert das Etikett: «die alte Schlange, die da heisst: Teufel und Satan». Kirchenvater Irenäus protokollierte Gnostiker, die lehrten, die Schlange habe den Menschen Erkenntnis eingepflanzt, natürlich zur Widerlegung. Bischof Athanasius erklärte 367 alle Apokryphen zur «Erfindung von Häretikern», kurz darauf dürften Mönche nahe Nag Hammadi ihre Bücher vergraben haben. Und Johannes Paul II. sagte es am 13. August 1986 in aller Offenheit: Satan fordere den Menschen auf, «sich von diesem auferlegten Joch zu befreien». Ein Mensch, der vom Baum gegessen hat, benötigt keinen Vermittler mehr und keinen Meister. Er wird unregierbar. Deshalb musste der Lichtbringer ins Höllenfeuer. Die Kirche hat der Schlange den Prozess gemacht und den Kronzeugen verschwiegen. Ihr eigener Meister erklärte die Jünger zu Schlangen, sie machten daraus Lämmer zum Scheren. 367 wurden die Bücher verboten, 1945 hat ein Bauer sie ausgegraben. Kein Wunder, dass jeder Hirte die Schlange hasst: Sie ist das einzige Tier, das den Schafen zeigt, wo der Zaun aufhört!









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