Sarah Engels fährt zum ESC nach Wien. Schön. Interessiert hier niemanden. Was interessiert: Sie war vorher in Südafrika, hat mit schwarzen Mädchen ihren Song geprobt, das Video auf Instagram gepostet — und prompt brach jener Shitstorm los, der im Jahr 2026 so verlässlich eintrifft wie die nächste Klimakonferenz mit Privatjet-Anreise. Der Vorwurf: White Saviorism. Die Realität: Eine Heuchelei-Veranstaltung, bei der nicht Sarah Engels das eigentliche Problem ist.
Ja, die Bildsprache war unklug. Das Setting – weisse Frau im Mittelpunkt, schwarze Kinder als Kulisse, keiner wird mit Namen vorgestellt, alle verschmelzen zur homogenen Requisite – bedient einen Armutsvoyeurismus, den wir seit den Äthiopien-Bildern der 80er Jahre kennen und seitdem zur Kunstform perfektioniert haben. Die eigenen Kinder zensiert, die afrikanischen Kinder unzensiert auf dem Präsentierteller – das ist zumindest eine Frage wert. Berechtigt. Notiert. Weiterfahren.
Aber jetzt zu den Moralaposteln, die sich auf diese Kritik stürzen wie Möwen auf einen Pommesstand – denn hier liegt der eigentliche Skandal, und er riecht deutlich intensiver. Die linksprogressive Woke-Bubble, die gerade kollektiv empört die Hände ringt, baut ihr gesamtes ideologisches Fundament auf exakt jenem Prinzip, das sie bei Sarah Engels anprangert: Schwarze Menschen als permanente, hilflose Opfer zu inszenieren, die ohne weisse Verbündete — Pardon, «Allies» — durch das böse, strukturell rassistische System nicht bestehen können. Tag für Tag, Tweet für Tweet, Panel für Panel wird das Opfernarrativ gepflegt, zementiert, institutionalisiert. Und dann wundern sich dieselben Menschen, dass ein Popstar nach Südafrika fliegt und sich als Retterin inszeniert?
Man züchtet sich die White Saviors selbst heran. Das ist keine Pointe – das ist Kausalität. Wer jahrelang predigt, dass marginalisierte Menschen grundsätzlich unprivilegiert, strukturell benachteiligt und ohne externe Unterstützung hilflos sind, darf sich nicht wundern, wenn die nächste Influencerin diese Botschaft verinnerlicht hat und mit dem besten Gewissen der Welt nach Afrika fliegt, um zu «helfen». Die Woke-Ideologie ist der Nährboden für genau jenen paternalistischen Retterkomplex, den sie gleichzeitig als Rassismus geisselt. Beides gleichzeitig zu vertreten erfordert eine kognitive Flexibilität, die man auch anders nennen könnte: Doppelmoral.
Und dann ist da noch der wohl pikanteste Punkt, den man in all dem Empörungslärm fast überhört: Hätte Sarah Engels auf einem dänischen Schulhof mit einer weissen Schulklasse gesungen und die Kinder unzensiert gezeigt – hätte irgendjemand auch nur mit der Wimper gezuckt? Die Antwort kennen wir alle. Nein. Null Reaktion. Kein Video, keine Entrüstung, kein Hashtag. Das Drama entsteht ausschliesslich, weil die Kinder schwarz sind. Wer ist hier also eigentlich derjenige, der schwarze Kinder anders behandelt? Sarah Engels, die mit ihnen singt – oder die Empörungsmaschine, die erst dann aufheult, wenn die Kinder die falsche Hautfarbe haben? Wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigt, zeigen bekanntlich drei Finger zurück.
Das Muster ist so alt wie die Bewegung selbst: Schwarze Menschen werden von beiden Lagern instrumentalisiert. Die eine Seite für Reichweite und ESC-Promo, die andere für Likes, moralische Überlegenheitsgefühle und den wohligen Schauer der Selbstgerechtigkeit. Beiden geht es nicht um die Kinder in Südafrika. Beiden geht es ums eigene Ego. Der Unterschied zwischen Sarah Engels und ihren lautesten Kritikern ist lediglich der Kanal der Selbstdarstellung.
Und die Mädchen aus Südafrika, die in diesem Video zu sehen sind? Die hatten vielleicht einfach Spass am Singen. Aber das ist eine Perspektive, die in diesem Diskurs niemanden interessiert – weil sie das Opfernarrativ stört, auf dem die gesamte Empörungsindustrie ihren Lebensunterhalt aufgebaut hat.
Steigt aus der Opferrolle aus. Man kann nicht gleichzeitig Stolz und Selbstbestimmung einfordern und sich täglich als hilflose Projektionsfläche für westliche Schuldgefühle anbieten. Das wäre dann wirklich progressiv. Aber progressiv war die Woke-Bubble noch nie — sie war immer nur laut…

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