Die Alte Welt ist kein verschüttetes Wunderreich mit Gratisstrom aus goldenen Kuppeln. Sie ist ein Mythos. Und Mythos heisst wörtlich Erzählung. Wer erzählt, bestimmt, woran sich ein Volk erinnert und was es vergisst. Heute verkaufen zwei Lager dieselbe Erzählung, die Sieger von damals und die Propheten von heute. Die Glaspaläste der Weltausstellungen gelten in dieser Erzählung als Relikte einer versunkenen Hochkultur. In Wahrheit sind sie Grabsteine, gesetzt über einer Welt des Handwerks, die man ausgeweidet hat und über den Knochen jener, die das Eisen schleppten.

Raub hinter den Glaspalästen: Wie die Alte Welt ausgeweidet wurde

Tartaros auf der Landkarte

Giambattista Vico nannte den Mythos eine vera narratio und zählte ihn zur Weltgeschichte selbst. Der Name allein hätte warnen müssen. «Tartaria» stand über Jahrhunderte auf europäischen Karten zwischen Wolga und Pazifik, doch ein Reich war es nie, sondern das Land der Tataren, wie die Library of Congress festhält. Europäische Gelehrte schoben dem Wort ein zweites R unter, weil sie die Reiter aus der Steppe mit dem Tartaros verbanden, der Unterwelt der Griechen. Die Alte Welt trägt also seit jeher den Namen der Hölle auf der Stirn. Schon die Encyclopaedia Britannica von 1771 beschreibt Tartary nüchtern als weites Land im Norden Asiens, ohne Krone und ohne Hof. Seit etwa 2016 wuchert im Netz trotzdem die Legende eines untergegangenen Weltreichs, begraben unter einer Schlammflut, verschwiegen von einer Elite, die freie Energie wegsperre. Wie ein klarer Begriff dabei verbogen wird, zeigt die Alte-Welt-Saga. Eine Karte zeigt, was der Kartograf wusste, nicht was ein Algorithmus heute hineinträumt.

Eisen, Glas und die Arithmetik der Zweifler

Die Szene fragt gern, wie man um 1850 solche Bauten errichten konnte. Die Antwort liegt in Museumshäfen. Die HMS Warrior, Britanniens erstes Kriegsschiff mit eisernem Rumpf, lief Ende 1860 vom Stapel und liegt heute in Portsmouth. Der Huáscar entstand bei Laird in Birkenhead und dient im chilenischen Talcahuano als schwimmendes Museum. Die niederländische Schorpioen lief im Januar 1868 im französischen La Seyne vom Stapel, gepanzert mit Platten aus Schmiedeeisen. Sie liegt heute im Marinemuseum von Den Helder. Ihre Schwester im Geiste, die Buffel, lief 1868 in Glasgow vom Stapel und trägt bis heute ihren vernieteten Eisenrumpf. Das Unionskanonenboot Cairo, 1861 in Mound City aus Weisseiche gezimmert und mit Eisenplatten gepanzert, sank im Dezember 1862 als erstes Schiff durch einen Torpedo, wurde 1964 in drei Stücken gehoben und steht seit 1980 im Militärpark von Vicksburg. Die Union zählte Ende 1861 schon 260 Kriegsschiffe, 1865 deren 671. Frankreich dagegen hielt die Panzerung seiner Gloire dünn, weil die Fabriken für Eisenplatten fehlten, schreibt das US Naval Institute. Industrie war kein Zauber, sondern ein Wettrennen mit Siegern und Verlierern. Wer meint, Wracks und Museumsschiffe seien später gefälscht und versenkt worden, müsste Werftbücher, Steuerakten und Gemälde umgeschrieben haben. Mythenmacher arbeiten billiger.

Raub hinter den Glaspalästen: Wie die Alte Welt ausgeweidet wurde

Hochöfen, Hallen und Hütten

Der Rohstoff dafür lag nicht im Verborgenen. Britanniens Hochöfen lieferten laut Scientific American von 1858 schon 1855 über dreieinhalb Millionen Tonnen Roheisen und beschäftigten rund 230’000 Mann. Das Video rechnet für 1850 vorsichtig mit zwei bis 2,7 Millionen Tonnen, der Bedarf beider Glaspaläste verschwindet darin. Zur selben Zeit eröffnete Robert Stephenson die Britannia-Brücke aus genieteten Schmiedeeisenröhren und ab Mai 1854 wuchs der Eisenrumpf der Great Eastern, damals das grösste Schiff der Welt. Brunel spannte 1852 die Chepstow-Brücke aus Eisenröhren und Ketten über den Wye, im Video zum «Wey» verrutscht. Um 1854 liess er die Halle von Paddington aus Schmiedeeisen und Glas errichten, ausdrücklich nach dem Vorbild des Crystal Palace. Britische Werke bauten in den 1850er Jahren nach Schätzung des Videos 300 bis 500 Lokomotiven im Jahr, viele davon für Europa und Amerika, eine amtliche Jahresreihe dazu ist nicht greifbar. Den Crystal Palace stellten rund 5000 Arbeiter auf, über 18’000 Glasscheiben pro Woche, insgesamt rund 84’000 Quadratmeter Glas in etwa fünf Monaten. Die Abschaffung der Glassteuer 1845 hatte Hütten wie Chance Brothers entfesselt. Chance Brothers zählte nach Angaben des Videos über 1500 Mitarbeiter und lieferte laut Historic England rund 89’000 Quadratmeter Glas für den Hyde Park.

Die Rückseite des Glases

Die nostalgischen Fotos zeigen Zylinder, Sonnenschirme und Manieren. Sie zeigen die Klasse, die sich den Eintritt leisten konnte. Henry Mayhew veröffentlichte 1851 die ersten Bände von «London Labour and the London Poor» und lieferte Charles Dickens den Klang der Gosse. Wer sich gegen die Maschine wehrte, landete am Strick: Der Frame Breaking Act von 1812 machte das Zerschlagen von Webstühlen zum Kapitalverbrechen, im Januar 1813 verhängte das Sondergericht in York siebzehn Todesurteile.

Raub hinter den Glaspalästen: Wie die Alte Welt ausgeweidet wurde

Menschen im Käfig, Geld im Hintergrund

Später stellte das Empire Menschen aus wie Kuriositäten. Völkerschauen gehörten ab den 1880er Jahren zum Konzept, von Paris 1889 bis St. Louis 1904. In Berlin starben 1896 drei der über hundert Zurschaugestellten, ihre Skelette waren dem Museum für Völkerkunde schon vorab versprochen. Etwa 80 von ihnen wurden gegen ihren Willen vermessen. Rund zwei Millionen Schaulustige drängten sich vor den Hütten. Auch Chicago 1893 baute sich seine weisse Stadt in griechisch-römischem Gewand, die Fassaden bestanden aus bemaltem Gips mit Hanffasern. Kulisse für Sieger, nicht Ruine einer Hochkultur. Hinter den Siegern sieht das Video die Finanzhäuser, die Länder gegeneinander ausspielten. Das Archiv der Bank selbst liefert den Stoff: 1875 streckte Lionel de Rothschild der britischen Regierung vier Millionen Pfund für die Suezkanal-Aktien des verschuldeten Khediven vor. Vier Jahre später stand Ägypten vor dem Bankrott und verpfändete Ländereien im Umfang eines Fünftels seines Ackerlands für eine Rothschild-Anleihe, 1882 rückten die Briten ein.

Der Raub vor der Revolution

Hinter der Pracht steckt ein älterer Diebstahl. Fabriken gab es vor dem Dampf. Ab 1721 liess John Lombe in Derby eine Seidenmühle bauen, angetrieben von einem Wasserrad mit rund sieben Metern Durchmesser, bis 1730 mit rund 300 Arbeitern. Das Wissen dazu holte er aus dem Piemont, durch ein Stück Industriespionage, wie die Welterbestätte selbst einräumt. Sardinien bedrohte den Verrat seiner Seidenmaschinen mit dem Tod. Lombe starb 1722 mit 29 Jahren, laut ERIH womöglich vergiftet von einer Frau im Auftrag des Königs von Sardinien, bewiesen ist das nicht. Venedig griff härter durch, als Colbert ab 1665 die Spiegelmacher von Murano abwarb: Laut der Glasmanufaktur Veve vergiftete ein gedungener Mörder den Anführer abgewanderter Glasbläser in Pisa. Der venezianische Botschafter befahl, den Meister Antonio della Rivetta zu töten. Der Anschlag scheiterte.

Raub hinter den Glaspalästen: Wie die Alte Welt ausgeweidet wurde

Gesetz gegen Gilden

Frankreich vollendete den Raub per Gesetz: Das Le-Chapelier-Gesetz vom 14. Juni 1791 verbot die Wiederherstellung der Zünfte und jede Vereinigung von Arbeitern desselben Gewerbes. Die Gilden, die ihr Können über Generationen gehütet hatten, wurden rechtlich ausgelöscht. Selbst die Encyclopédie von Diderot musste sich 1759 gegen den Vorwurf des Plagiats wehren, ihre Handwerkstafeln glichen denen der Akademie, später wurde er entlastet. Ob die Industrielle Revolution eine Lüge ist, bleibt Befund gegen Befund, wie das Manifest der Geschichtskritik für die ganze Chronologie zeigt. Belegt ist nur: Man hat sie nicht erfunden, man hat sie übernommen.

Der Mythos frisst seine Ahnen

Horkheimer und Adorno sahen schon 1947 die Aufklärung in Mythologie zurückschlagen. Die Glaspaläste beweisen es doppelt. Erst verkauften die Sieger ihre Ausbeutung als Fortschritt, nun verkaufen Kanäle mit Frequenzgerede dieselben Paläste als Relikte einer verlorenen Lichtkultur, ganz wie bei Atlantis, Tartaria und den Technokraten. Beide Erzählungen löschen denselben Menschen: Den Arbeiter am Schmelzofen, das Kind im Schacht, den Gehängten von York. Der Crystal Palace brannte am 30. November 1936 nieder, sein Eisen ging zurück in die Schmelze. Das Video nennt 9/11 als jüngstes Beispiel einer offiziellen Erzählung, die das Ereignis stehen lässt und seine Geschichte umschreibt. Die Vorsitzenden der eigenen Untersuchungskommission, Thomas Kean und Lee Hamilton, warfen der CIA im Januar 2008 vor, ihnen Verhörvideos verschwiegen zu haben. Sie nannten das Behinderung.

Die Alte Welt war nicht heller als unsere, sie war nur leiser, bevor man ihr das Werkzeug aus der Hand riss. Wer heute von ihr träumt, träumt mit den Augen der Diebe. Und während neue Propheten Paläste aus Licht feilbieten, liegen die Erbauer namenlos im Tartaros der Fussnoten…

Die Alte Welt und der Mythos - Chnopfloch
Die Alte Welt und der Mythos - Chnopfloch

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

Mehr für dich:

Unterstütze Dravens Tales from the Crypt

Dravens Tales from the Crypt«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.

Mein Blog war niemals darauf ausgelegt Nachrichten zu verbreiten, geschweige denn politisch zu werden, doch mit dem aktuellen Zeitgeschehen kann ich einfach nicht anders, als Informationen, welche sonst auf allen anderen Kanälen zensiert werden, hier festzuhalten. Mir ist dabei bewusst, dass die Seite mit dem Design auf viele diesbezüglich nicht «seriös» wirkt, ich werde dies aber nicht ändern, um den «Mainstream» zu gefallen. Wer offen ist, für nicht staatskonforme Informationen, sieht den Inhalt und nicht die Verpackung. Ich habe die letzten 2 Jahre genügend versucht, Menschen mit Informationen zu versorgen, dabei jedoch schnell bemerkt, dass es niemals darauf ankommt, wie diese «verpackt» sind, sondern was das Gegenüber für eine Einstellung dazu pflegt. Ich will niemandem Honig ums Maul schmieren, um auf irgendwelche Weise Erwartungen zu erfüllen, daher werde ich dieses Design beibehalten, denn irgendwann werde ich diese politischen Statements hoffentlich auch wieder sein lassen können, denn es ist nicht mein Ziel, ewig so weiterzumachen ;) Ich überlasse es jedem selbst, wie er damit umgeht. Gerne dürfen die Inhalte aber auch einfach kopiert und weiterverbreitet werden, mein Blog stand schon immer unter der WTFPL-Lizenz.

Es fällt mir schwer zu beschreiben, was ich hier eigentlich tue, DravensTales wurde im Laufe der Jahre Kulturblog, Musikblog, Schockblog, Techblog, Horrorblog, Funblog, ein Blog über Netzfundstücke, über Internet-Skurrilitäten, Trashblog, Kunstblog, Durchlauferhitzer, Zeitgeist-Blog, Schrottblog und Wundertütenblog genannt. Was alles etwas stimmt… – und doch nicht. Der Schwerpunkt des Blogs ist zeitgenössische Kunst, im weitesten Sinne des Wortes.

Um den Betrieb der Seite zu gewährleisten könnt ihr gerne eine Spende per Kreditkarte, Paypal, Google Pay, Apple Pay oder Lastschriftverfahren/Bankkonto zukommen lassen. Vielen Dank an alle Leser und Unterstützer dieses Blogs!


Wir werden zensiert!

Unsere Inhalte werden inzwischen vollumfänglich zensiert. Die grössten Suchmaschinen wurden aufgefordert, unsere Artikel aus den Ergebnissen zu löschen. Bleib mit uns über Telegram in Verbindung, spende, um unsere Unabhängigkeit zu unterstützen oder abonniere unseren Newsletter.

Newsletter

Nein danke!