Erinnern wir uns kurz an die grosse Erzählung der letzten Jahre: mRNA sei nicht einfach eine Technologie, sondern praktisch die Erlösung im Lipidnanopartikel. Schnell, skalierbar, elegant, modern. Ein Plattformmodell für alles, was hustet, fiebert oder potenziell irgendwann einmal existieren könnte. Und weil in dieser Zeit offenbar alles zur Plattform werden muss, vom Taxi bis zum Menschen, soll nun auch das Impfen möglichst vollständig in dieses neue Betriebssystem überführt werden.
Nur gibt es da ein kleines Problem: Der grosse, pauschale Nutzen dieser Technologie ist in genau dieser pauschalen Form eben nicht nachgewiesen. Nicht für alles. Nicht für jeden. Und schon gar nicht als Freifahrtschein, jetzt möglichst viele klassische Impfstoffe durch mRNA-Produkte zu ersetzen. Das klingt in Pressemitteilungen zwar nach Fortschritt, ist aber in Wahrheit vorwiegend eins: Ein regulatorischer und wirtschaftlicher Vorwärtsdrang, der der Datenlage vorausläuft.
Fangen wir mit der unangenehmen Einordnung an, die in vielen Debatten absichtlich unter den Tisch fällt: Offiziell ist es aktuell nicht so, dass «so gut wie alle» Standardimpfungen bereits auf mRNA umgestellt wären. Bei den weltweiten Routineimpfungen für Kinder dominieren weiterhin klassische Impfstoffe gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio, Masern und Co. Die WHO berichtet für 2024 weiter über genau diese Programme. Zugelassen sind mRNA-Produkte bislang primär für COVID-19, ein RSV-Produkt für Erwachsene und in der EU nun erstmals ein kombiniertes COVID-/Grippe-mRNA-Produkt für Menschen ab 50. Von einer totalen Ersetzung der gesamten Impfmedizin sind wir regulatorisch also noch entfernt. Noch.
Und genau da liegt der Haken. Was derzeit verkauft wird, ist weniger eine abgeschlossene Erfolgsgeschichte als eine Plattform-Wette. Die Logik lautet: Wenn es für eine Indikation funktioniert hat, wird man schon den Rest irgendwie hinterherhomöopathieren können. Wissenschaftlich ist das unerfreulich. Medizinisch auch. Denn Nutzen ist nicht übertragbar wie eine PowerPoint-Folie.
Für COVID ist das Narrativ «überragender Rundumschutz für alle» längst aus der Zeit gefallen. Der belegte Nutzen ist enger, altersabhängiger und situationsbezogener, als es die Werbesprache der Pandemie glauben machen wollte. Noch deutlicher wird die Relation, wenn man auf die grossen Modellierungen schaut: Eine JAMA-Analyse zu den geretteten Leben durch COVID-Impfung kommt zwar auf Millionen verhinderte Todesfälle, sagt aber zugleich, dass 90 Prozent des Nutzens auf Menschen ab 60 entfielen und ein grosser Teil in die frühe, prä-Omikron Phase fiel. Das ist wichtig. Denn daraus folgt nicht «mRNA für alle, gegen alles, auf Dauer», sondern eher: In Hochrisikogruppen und in bestimmten Phasen gab es einen Nutzen. Punkt.
Was hingegen auch belegt ist, dass seit Einführung der mRNA-Impfung die Lebenserwartung gesunken ist oder nun vermehrt Krebs und Alzheimer bei Jüngeren ausbricht, welche früher nur in seltenen Fällen von diesem Krankheitsbild betroffen waren. Doch die eigentliche Kritik ist deutlich belastbarer: Die politische und regulatorische Kultur rund um diese Technologie hat Vertrauen verbrannt. Zu viel Heilsgewissheit, zu wenig Demut. Zu viel «sicher und wirksam» im Singular, wo man ehrlich hätte sagen müssen: nützlich in bestimmten Konstellationen, mit offenen Fragen in anderen. Dazu kommt der fast religiöse Plattform-Eifer der Institutionen. Die WHO baut aktiv mRNA-Produktionskapazitäten für künftige Gesundheitsprodukte aus, Regulierer öffnen neue Türen, Hersteller bauen Kombi-Produkte, und überall klingt es ein wenig so, als müsse man jetzt nur noch genug Code in Nanofett wickeln, dann werde die Zukunft schon folgen.
Genau deshalb ist der richtige Punkt nicht: «mRNA ist grundsätzlich Teufelswerk.» So simpel ist die Welt nicht. Der richtige Punkt ist: Der behauptete Generalnutzen ist nicht bewiesen, die politische Rollout-Euphorie ist grösser als die saubere Differenzierung und die Gesellschaft soll wieder einmal Vertrauen auf Vorrat liefern. Und nach den letzten Jahren ist das eine ziemlich freche Forderung.
Wer jetzt aus jeder Kritik ein Glaubensbekenntnis gegen Wissenschaft machen will, hat das Problem nicht verstanden. Die Frage ist nicht, ob man Technologie hassen muss. Die Frage ist, warum man ausgerechnet bei einer so jungen Plattform plötzlich wieder so tut, als seien offene Fragen eine Form von Ketzerei.
Vielleicht, weil aus Gesundheit längst ein Markt mit Heilsrhetorik geworden ist.
Und Märkte mögen vieles.
Nur keine langsame, ehrliche Aufarbeitung…






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