«My Carbon» klingt harmlos. Persönlich. Fast intim. Wie ein Fitness-Tracker fürs Gewissen. Endlich darfst du mitmachen. Endlich bist du Teil der Lösung. Und endlich weisst du genau, wie schuldig du bist. Willkommen in der nächsten Evolutionsstufe urbaner Nachhaltigkeit: Moralisch aufgeladen, technisch perfekt durchleuchtet und politisch erstaunlich einseitig.
Städte verursachen 75 Prozent der Emissionen, heisst es. Gebäude und Verkehr sind die Haupttreiber. Und dann folgt der elegante Dreh: Rund 40 Prozent seien «individuelle Emissionen». Zack. Verantwortung verschoben. Nicht von Konzernen zu Staaten, sondern direkt auf dich. Dein Alltag. Dein Kühlschrank. Dein Weg zur Arbeit. Dein Kaffee.
Persönliche CO₂-Kontingente hätten bisher nicht funktioniert, liest man. Warum? Mangelnde Akzeptanz. Unfaire Tracking-Mechanismen. Zu wenig Bewusstsein. Interessant, wie selten hier das Wort «Ablehnung» fällt. Menschen wollten es schlicht nicht. Also nennen wir es anders, verpacken es schöner und warten auf bessere Technik.
Und die ist da. Halleluja.
COVID-19 wird vom World Economic Forum (WEF)als Beweis angeführt, dass Menschen bereit sind, massive Einschränkungen zu akzeptieren. Kontaktverfolgung, Bewegungsprofile, Apps, Regeln, Kontrollen. Alles im Namen der Verantwortung. Man nennt es einen Testlauf sozialer Anpassungsfähigkeit. Kritiker würden sagen: Ein Probelauf für Gehorsam unter moralischem Druck. Aber Kritiker stören nur die Erzählung.
Jetzt kommen KI, Blockchain und Digitalisierung. Die heilige Dreifaltigkeit der neuen Steuerung. Endlich lässt sich alles messen. Jeder Schritt, jeder Einkauf, jede Kilowattstunde. Nicht zur Überwachung, versteht sich, sondern zur «Bewusstseinsbildung». Wenn dir eine App sagt, dass dein Abendessen zu viel CO₂ hatte, ist das keine Kontrolle. Das ist Fürsorge.
Smart Homes, Smart Meter, Smart Cities. Alles smart, nur die Machtverhältnisse bleiben erstaunlich analog. Während Industrieemissionen in globalen Lieferketten verschwinden wie Nebel im Morgenlicht, wird dein Duschverhalten minutiös analysiert. Embedded Emissions nennt man das. Klingt technisch. Bedeutet: Du bist jetzt verantwortlich für Dinge, die du weder siehst noch kontrollierst.
Die Programme und Apps schiessen aus dem Boden. Sie «motivieren». Sie «sensibilisieren». Sie «empfehlen». Immer freundlich. Immer nudgend. Nie zwingend. Noch nicht. Niemand zwingt dich. Du entscheidest selbst. Innerhalb klar definierter Rahmenbedingungen, versteht sich. Freiheit war schon immer am effektivsten, wenn sie sich freiwillig anfühlt.
Besonders hübsch ist die Rolle der Jugend. Studien, Umfragen, Prozente. 64 Prozent sehen den Klimawandel als Notfall. 80 Prozent sind bereit, ihr Leben zu ändern. Grossartig. Wer könnte da widersprechen, ohne moralisch zu implodieren? Dass dieselbe Generation in prekären Verhältnissen lebt, steigende Mieten zahlt und kaum Einfluss auf strukturelle Emissionen hat, wird elegant ausgeblendet. Aber hey, sie können doch ihren Fleischkonsum tracken.
«Inclusivity» ist das Zauberwort. Niemand soll zurückgelassen werden. Ausser jene, die sich die neue Nachhaltigkeit nicht leisten können. Wer wenig verdient, lebt emissionsintensiver, weil Alternativen teuer sind. Aber das lässt sich sicher mit Gamification lösen. Abzeichen für gutes Verhalten. Soziale Normen statt sozialer Gerechtigkeit.
Die Texte sprechen offen von kognitivem Enablement und sozialen Normen. Das ist bemerkenswert ehrlich. Es geht nicht primär um Technik, sondern um Verhalten. Um Lenkung. Um das Etablieren dessen, was normal ist. Wer sich daran hält, ist gut. Wer nicht, ist problematisch. Kein Verbot nötig. Die Gemeinschaft regelt das.
Und natürlich braucht es Public-Private-Partnerships. Die Stadt, die Politik, die Tech-Konzerne. Alle am Tisch. Bürger auch. Als Datenspender. Als Verhaltensobjekte. Als Zielgruppe. Transparenz wird versprochen, aber sie verläuft nur in eine Richtung.
«My Carbon» ist keine ökologische Revolution. Es ist eine kulturelle. Eine Verschiebung der Schuldfrage. Weg von Systemen, hin zum Individuum. Weg von Machtstrukturen, hin zu Lebensstilen. Während globale Emissionsquellen weiterlaufen, optimiert man den Menschen.
Das Ganze wird nicht mit Zwang eingeführt, sondern mit Zustimmung. Mit Angst. Mit Moral. Mit dem Versprechen, Teil von etwas Gutem zu sein. Wer könnte da Nein sagen, ohne sich schuldig zu fühlen?
Das ist keine Verschwörung. Dafür ist es zu offen formuliert. Es ist ein Design. Eine Struktur. Eine neue Form der Steuerung, die sich nachhaltig nennt, weil Kontrolle ein grünes Etikett trägt.
«My Carbon» bedeutet nicht: Unsere Verantwortung.
Es bedeutet: Deine. Persönlich. Messbar. Vergleichbar.
Und es funktioniert nur, solange man glaubt, das Problem sässe im Individuum und nicht im System.


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








