Der Animationsfilm «Loving Vincent» ist der erste komplett gemalte Künstler-Spielfilm, der durch seine Ölfarben-Technik im Stil van Goghs begeistert. Fantastisch schön anzusehen nimmt «Loving Vincent» den Zuschauer mit auf die Reise in das Leben und Wirken einer der berühmtesten Maler unserer Zeit.

Für «Loving Vincent» haben 125 Künstler aus aller Welt 65’000 Einzelbilder für gemalt. Diese Ölgemälde, die für den Film abfotografiert wurden, messen etwa einen Meter auf sechzig Zentimeter. Den Stil haben Vincent van Goghs Kunstwerke selbst vorgegeben: Fast hundert von ihnen wurden eins zu eins kopiert, sie bilden die Brückenköpfe des Films, verbunden durch Tausende frei erfundene Bilder. Jede Szene wurde dafür zuerst mit Schauspielern aufgeführt, abgefilmt und dann gemalt. Wer hätte gedacht, dass es einen Film braucht, um an den alten Zaubertrick der Malerei zu erinnern? Wie eine Welt aus Farbe und Strichen entsteht, zeigt «Loving Vincent» in jedem Bild. Und das Wunder, von dem man nicht genug bekommen kann, besteht darin, dass man den Trick sieht und sich die Illusion trotzdem einstellt.

Die Geschichte setzt ein Jahr nach dem Tod Vincent Van Goghs an. Mit der Absicht, einen letzten Brief des Malers an seinen Bruder Theo auszuliefern, begibt sich Armand Roulin auf die Spuren des ominösen Künstlers und muss erkennen, dass sich um dessen Selbstmord einige Ungereimtheiten ranken. Er spricht mit Freunden, Bekannten, Geliebten und dem durch van Goghs Porträt später weltberühmt gewordenen behandelnden Arzt Dr. Gachet. Die Rückblenden werden wie in einem Puzzle zusammengesetzt. «Loving Vincent» ist damit ein kluges Kriminalstück. Als würde der Sog der Bilder nicht schon reichen, kommt noch der des Plots dazu. Die Polin Dorota Kobiela hatte schon fünf animierte Kurzfilme gemacht, bevor sie «Loving Vincent» plante. Ihr Lebenspartner, der Brite Hugh Welchman, überredete sie schliesslich dazu, das Projekt als Langspielfilm zu realisieren. Der Filmtitel habe mit ihrer Liebe zu Vincent van Gogh zu tun, meint Kobiela. Zudem habe der Maler seine Briefe an Bruder Theo oft mit «Loving Vincent» unterschrieben: «dein dich liebender Vincent».

Es gab in den vergangenen Jahrzehnten eine Explosion digitaler Effekte, alles, was sich am Computer herstellen liess, wurde ausprobiert, visuell und akustisch. Niemand aber hätte damit rechnen können, dass sich eine Polin und ein Engländer im 21. Jahrhundert zusammensetzen, um einen Kinofilm in Öl zu produzieren. In mühseliger, kostspieliger, langwieriger Handarbeit. Zusammen schrieben Dorota Kobiela und Hugh Welchman das Drehbuch und führten Regie. Für den Animationsfilm «Peter und der Wolf» hatte Welchman 2008 bereits einen Oscar gewonnen. Das ist schön, erklären kann das jedoch nichts. Weder ökonomisch noch strategisch ist «Loving Vincent» sinnvoll. Kein Reissbrett dieser Welt hätte so etwas hervorbringen können. Und das heisst nichts anderes, als dass dieser Film durch und durch unvorhergesehen ist. Darin besteht das grösste Glück. Die Bilder sind schlichtweg überwältigend. So etwas hat man im Kino noch nie gesehen. Im Kontrast mit den schwarzweiss gehaltenen Rückblenden wirken die Farben besonders intensiv. «Loving Vincent» ist ein in dieser Art nie dagewesenes, cineastisches Kunstwerk und nicht nur für Kunstbegeisterte absolut sehenswert!


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