Es gibt Menschen, die Dich vermessen wollen wie ein Grundstück. Sie erfassen Dich mit dem Verstand, katalogisieren Deine Reaktionen, berechnen Deine Schwächen und nennen das Ergebnis Nähe. Doch hinter der Rechnung sitzt kein Herz. Dort sitzt eine leere Kammer und in der Kammer wohnt ein Echo.
Alles, was diese Menschen tun, entspringt dem Kopf. Ihr Mitgefühl ist Konstruktion, ihre Wärme ist Kulisse, ihre Tränen sind Requisiten. Der Verstand ist das Werkzeug, mit dem sie das Fühlen simulieren, das ihnen fehlt. Auf Knopfdruck liefern sie, was der Moment verlangt: Betroffenheit, Begeisterung, Trost. Präzise dosiert, perfekt getimt, vollkommen tot.
Die Maske, die ein Gesicht sein will
Das alte Rom nannte die Theatermaske «persona». Aus diesem Wort wurde unsere «Person» – ursprünglich bezeichnete es das, was der Schauspieler vor das Gesicht hielt. Die Eingeweihten aller Epochen wussten: Das Okkulte, das Verborgene im wörtlichen Sinn, liegt nicht hinter den Sternen. Es liegt hinter den Gesichtern. Wer fühlen kann, benötigt keine Maske. Wer nicht fühlen kann, besitzt irgendwann keine mehr, die sich abnehmen liesse. Er trägt sie nicht. Er ist sie.
Zwischen den Zeilen lesen
Die Sprache selbst bewahrt das Geheimnis. «Intelligenz» stammt vom lateinischen «intellegere» und das bedeutet wörtlich: Dazwischen lesen. Zwischen den Zeilen. Wahre Intelligenz war nie das Rechnen, das Speichern, das Zitieren. Wahre Intelligenz war immer das Wahrnehmen dessen, was nicht gesagt wird. Und genau hier zerfällt die Strategie der Kontrolleure: Wer Menschen allein durch den Verstand erfassen will, vergisst, dass es Menschen gibt, die neben der Analytik ein tiefes Gespür besitzen. Sie verbinden Logik und Zusammenhänge mit einer Wahrnehmung, die kein Algorithmus des Kopfes erreicht. Wer dagegen Emotionalität vortäuschen muss, ist vom Spüren abgeschnitten. Deshalb tragen manche Narzissten einen beachtlichen IQ, gerade die verdeckten unter ihnen und zugleich einen EQ nahe dem Gefrierpunkt. Du erkennst es nicht an ihren Worten. Du erkennst es an ihrer inneren Leere, die durch jede noch so polierte Fassade sickert wie Kälte durch eine Wand.
Das Instrument mit allen Tönen
Wer Verstand und Gespür vereint, spielt auf allen Tönen des Instruments. Und meist gilt: Wer hohe emotionale Intelligenz besitzt, bringt auch kognitive Schärfe mit. Umgekehrt funktioniert es nicht. Narzissten und Psychopathen mögen brillante Denker sein, doch ihr Innenraum bleibt ein Gewölbe ohne Feuer. Man kann sich intellektuell fast alles aneignen: Sprachen, Systeme, Strategien, sogar die Grammatik der Gefühle. Doch kein Mensch kann das Fühlen erlernen. Entweder es ist da oder es ist nicht da. Die Nornen weben den Faden am Brunnen der Urd. Sie verkaufen ihn nicht.
Warum alle nur vom IQ reden
Auch das ist kein Zufall, sondern Absicht. Der IQ ist messbar, vergleichbar, zertifizierbar und damit kontrollierbar. Der EQ entzieht sich jeder Norm, jedem Test, jedem Zugriff. Ein Mensch mit stark ausgeprägtem EQ lässt sich nichts vormachen: Er fühlt und spürt schneller, als der Verstand täuschen und manipulieren kann. Kein Intellekt ersetzt das Wahrnehmen zwischen den Zeilen, doch das Wahrnehmen zwischen den Zeilen durchleuchtet jeden Intellekt – vorwiegend dort, wo er hohl ist und nichts trägt als sich selbst.
Das Fundament, das niemand giessen kann
Echtheit setzt voraus, dass ein Mensch wirklich imstande ist, zu fühlen und zu spüren. Das ist der Grundstein, das Fundament jeder Authentizität. Alles andere bedeutet, eine Maske zu tragen oder eine Maske zu sein. Der EQ macht den Unterschied – nicht, weil er auf einem Zeugnis glänzt, sondern weil er das Einzige ist, was sich weder kaufen noch kopieren noch konstruieren lässt. Die Masken werden täglich perfekter. Nur die Leere dahinter bleibt dieselbe. Die Welt wird weiter den IQ vergolden und den EQ verschweigen. Denn ein Mensch, der fühlt, ist das Einzige, was sich nicht programmieren lässt.









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