Es gibt eine Art von Skandal, die so offen funktioniert, dass sie unsichtbar wird. Nicht weil sie versteckt ist – sondern weil sie so dreist ist, dass man sie für unmöglich hält. Vor der europäischen Atlantikküste liegen seit Wochen Schiffe. Volle Schiffe. Tanker mit Treibstoff, der entladen werden könnte – aber nicht entladen wird. Kapitäne berichten, dass sie mit vollbeladenen Tanks vor Häfen warten. Hafenarbeiter bestätigen: Seit Wochen wird weder be- noch entladen. Gleichzeitig bereitet die Politik – oder wie man es neuerdings nennt, «ihre Medien» – die Bevölkerung auf Rationierungen vor. Auf Treibstoffknappheit. Auf Notstandsszenarien. Auf den Verzicht, den man natürlich gemeinsam tragen wird, weil wir alle in einem Boot sitzen. Das Boot liegt gerade vor Antwerpen. Voll. Wartend. Täglich vergütet.
Das Geschäftsmodell der Knappheit
Ein Insider aus der Branche formuliert es mit einer Direktheit, die jeden Kommentator überflüssig macht: «Es gibt Öl im Überfluss, aber wir dürfen auf Kundenwunsch weder be- noch entladen und müssen Stillschweigen bewahren. Oder Ausreden erfinden.» Ausreden erfinden. Das ist der Fachbegriff für das, was wir täglich in den Nachrichten hören.
Der Schiffer eines Trafigura-Tankers – Trafigura, für alle, die den Namen noch nicht kennen: Einer der weltweit grössten Rohstoffhändler, WEF-Partner, Akteur auf Milliardenebene – erklärt das Prinzip mit erfrischender Sachlichkeit. Der Wert der Ladung wurde beim Kauf festgelegt. Der Marktpreis bestimmt, wann verkauft wird. Solange die Preise steigen, wartet man. Je länger man wartet, desto teurer wird der Treibstoff. Je teurer der Treibstoff, desto mehr verdient man am Ende. Die Knappheit ist das Produkt. Nicht die Ursache.
Trafigura besitzt Millionen Tonnen Treibstoff in Europa – in Lagertanks von Evos, Vopak, TTA, Seetank und Oil Tanking. Das Schiff pendelt seit Wochen zwischen Rotterdam, Antwerpen, Gent. Nächstes Ziel: Strassburg. Tägliche Vergütung. Täglich Zollformalitäten. Täglich künstliche Bewegung eines Produkts, das niemanden erreicht, weil das der Plan ist. Das ist kein Versagen des Marktes. Das ist der Markt, wie er funktioniert.
Spekulation als Staatspolitik
Der Begriff Marktmechanismus ist das Beruhigungsmittel, mit dem man der Bevölkerung erklärt, warum Preise steigen, obwohl ausreichend Ware vorhanden ist. Der Mechanismus funktioniert so: Rohstoffhändler kaufen Ware. Rohstoffhändler warten. Rohstoffhändler verkaufen, wenn der Preis stimmt. Der Preis steigt, weil alle warten. Alle warten, weil der Preis steigt. Das nennt sich Spekulation. In der Finanzwelt ist das legal, reguliert und weitgehend akzeptiert – solange es Aktien betrifft.
Wenn es Treibstoff betrifft, der Lieferketten antreibt, Lebensmittelpreise beeinflusst und Heizkostenabrechnungen von Rentnern bestimmt, wird es zu einer gesellschaftlichen Frage, auf die die Politik schweigt. Die Politik schweigt, weil sie mit denselben Akteuren auf denselben Konferenzen sitzt. Trafigura ist WEF-Partner. Das World Economic Forum, das jährlich in Davos tagt und dort – unter anderen – die Zukunft der Energieversorgung plant. Mit den Leuten, die gerade vor Antwerpen auf steigende Preise warten.
Das ist keine Verschwörung. Das ist ein Interessenkonflikt von einer Dimension, die in einem funktionierenden Staatswesen zum Gegenstand parlamentarischer Untersuchungen werden müsste.
Was an der Zapfsäule passiert
Der Treibstoff, der vor der Küste wartet, fehlt an der Zapfsäule. Das klingt trivial. Es ist es nicht. Höhere Treibstoffpreise verteuern jeden Transport. Jeden Transport, der Lebensmittel bewegt. Rohstoffe. Produkte. Alles, was von irgendwo nach irgendwo muss. Das schlägt sich im Supermarktregal nieder – nicht als direkte Steuer, nicht als sichtbare Entscheidung, sondern als schleichende Teuerung, die man der allgemeinen Lage zuschreibt.
Der normale Bürger leidet zuerst an der Zapfsäule, dann im Supermarkt. Der Rohstoffhändler leidet nicht. Er wartet. Er wird vergütet. Er verkauft, wenn es sich lohnt. Dieser Mechanismus ist so alt wie der Rohstoffhandel selbst. Was neu ist – oder zumindest: was jetzt sichtbarer wird – ist die Gleichzeitigkeit mit politischen Notstandsnarrativen. Während Schiffe vor der Küste warten und Brancheninsider offen über künstliche Rückhaltung sprechen, erklärt die Politik eine Knappheit, die in den Lagertanks von Trafigura nicht existiert. Das ist nicht Zufall. Das ist Synergie.
Die Offenheit der Manipulation
Das Bemerkenswerte an diesem Fall ist nicht, dass es Spekulation gibt. Die gibt es immer. Das Bemerkenswerte ist, wie offen darüber gesprochen wird – von Schiffern, von Hafenarbeitern, von Brancheninsidern – und wie wenig das Echo findet. Ein Schiffer erklärt öffentlich, dass er auf Kundenwunsch Ausreden erfindet. Ein anderer beschreibt das Pendeln zwischen Häfen mit täglich wachsendem Lagerhonorar. Die Zolldokumente existieren. Die Tanker sind sichtbar.
Und die Nachrichten berichten von Knappheit. Das ist das System: Nicht das Verstecken der Manipulation, sondern die Gewissheit, dass sie nicht geahndet wird. Nicht weil sie unbekannt ist. Sondern weil die Institutionen, die sie ahnden müssten, in demselben Geflecht sitzen, das von ihr profitiert.
Das Öl ist da.
Die Tanker liegen vor der Küste.
Die Preise steigen.
Und irgendwo in Strassburg wartet ein Schiff auf neue Zollformalitäten.
Das nennt sich Marktwirtschaft.
Und wir zahlen sie – täglich, an der Zapfsäule.

(via TKP)








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